Krawalle in Thessaloniki Papandreou kämpft einsam gegen die Wut der Massen

Draußen fliegen Steine, drinnen ringt der Premier um das Vertrauen seiner Landsleute: In Thessaloniki wirbt Regierungschef Papandreou für sein Sparprogramm. Doch in der Hafenstadt schlägt ihm der Zorn der Griechen über die schleppenden Reformen entgegen.

REUTERS

Aus Thessaloniki berichtet


Das Lächeln ist bemüht, der Applaus ist gedämpft: Als Georgios Papandreou am Samstagabend im Konferenzsaal der Messe von Thessaloniki einzieht, sind draußen längst die ersten Tränengaspatronen explodiert. Der griechische Ministerpräsident wird das wissen, doch er hat vorerst andere Sorgen. Um ihn herum ist das griechische Establishment versammelt: Unternehmer, Militärs, orthodoxe Priester. Ihnen allen soll Papandreou nun erzählen, wie es weitergeht.

Die Ansprache des griechischen Premiers auf der internationalen Messe von Thessaloniki hat Tradition. Seit vielen Jahren kündigen die Regierungschefs hier ihr Programm für die kommenden zwölf Monate an. Lange bestanden diese Ankündigungen vor allem aus Wohltaten. Ob Rentenerhöhung oder neue Beamtenstellen: In der Hafenstadt wurden Geschenke ans Wahlvolk verteilt.

Doch nun gibt es nichts mehr zu verteilen. Griechenlands auflagenstärkste Zeitung "Ta Nea" zeigte Papandreou am Samstag als nackten Denker, der grübelnd auf dem Schriftzug der Messe sitzt. Die Botschaft war klar: Der Premier kommt mit leeren Taschen - und unter großem Druck. Weiter links auf der Titelseite rieselte ein Euro durch eine Sanduhr.

Einfach war Papandreous Job in den vergangenen anderthalb Jahren selten, aber in den vergangenen Tagen ist er noch schwerer geworden. Griechenland musste sein Defizit einmal mehr nach oben korrigieren, die Auszahlung der nächsten Tranche an Hilfszahlungen ist immer noch sicher, und mittlerweile werden im deutschen Finanzministerium sogar Szenarien für eine mögliche Pleite des Landes durchgespielt.

"Griechenland wird es schaffen!"

Papandreou ist die Anspannung anzumerken, als er ans Rednerpult tritt. Vor seiner Rede war spekuliert worden, der Premier könnte neue Reformen ankündigen, möglicherweise auch eine Absenkung der sehr hohen Mehrwertsteuer von derzeit 23 Prozent. Doch dazu kommt es nicht.

Stattdessen wirbt er einmal mehr um Vertrauen. "Gibt es einen Griechen, der nicht glaubt, dass wir es schaffen können?", fragt Papandreou gleich zu Anfang. Dreizehn Minuten später gibt er seine persönliche Antwort. An der Wand rechts hinter ihm, wo bislang Schuldenkurven und Defizitdiagramme seine Rede untermalten, weht nun eine computeranimierte griechische Flagge. Er kündigt einen "Titanenkampf" an, um den Bankrott seines Landes zu verhindern. Zum ersten Mal erntet Papandreou kurzen Szenenapplaus, als er in den Saal ruft: "Griechenland wird es schaffen!"

Das sehen sie vor der Tür allerdings ganz anders. Schon am frühen Abend ziehen Tausende von Demonstranten durch die Straßen von Thessaloniki. Neben Kommunisten, Gewerkschaftern und Autonomen sind auch mehrere Busladungen voller Taxifahrer angereist, die gegen die Liberalisierung ihrer Branche protestieren. Sogar Polizisten, Feuerwehrleute, Hafenpolizisten und Rettungswagenfahrer demonstrieren gegen geplante Einschnitte in ihren Berufsgruppen. Es sind laut offiziellen Angaben rund 25.000 Demonstranten.

Seine gelbe Schirmmütze weist Vangelis Veligiantsos als Angestellten der staatlichen Post aus. "Wir haben Papandreou unterstützt", schimpft der 54-Jährige. "Und jetzt will er die Post privatisieren. Dabei sind wir noch immer profitabel." Auch sein Sohn Konstantinos trägt Gelb, allerdings eher aus Solidarität. Der 24-Jährige hat Jura studiert, nach seinem Wehrdienst will er als Anwalt arbeiten. "Ich will mit Würde hier leben", sagt er. Er verstehe, dass es in Deutschland Widerstände gegen die Finanzhilfen für Griechenland gebe. "Aber es ist wirklich wahr: Nicht das griechische Volk hat die Schulden produziert."

Auch die Demonstrationen gegen den Premiersauftritt gehören in Thessaloniki seit langem dazu. Doch angesichts der drastischen Sparprogramme sind sie so massiv wie noch nie. Knapp 7000 Polizisten wurden in der Stadt zusammengezogen. Neben lange verpönten Wasserwerfern sollen sie auch eine neuartige Plexiglaswand bei sich haben, die Steinwürfe und sonstige Angriffe komplett wirkungslos macht.

Das Messezentrum wird allerdings noch mit herkömmlichen Mitteln geschützt, Hunderte von Polizisten in Kampfmontur sind aufgezogen, die meisten tragen Gasmasken. Auch viele Demonstranten versuchen, ihre Gesichter mit einfachen Atemmasken und weißer Maloxan-Salbe gegen das Tränengas zu schützen, von dem bereits vor Papandreous Auftritt die ersten Salven verschossen wurden.

"Alle in einen Topf geworfen"

Auch Vassilis Mylonas und seine Tochter Vasso haben Masken umgehängt. Der 62-jährige Betreiber eines Bioladens wählt wie nicht wenige Griechen einen drastischen Vergleich: Das Spardiktat sei schlimmer als die griechische Obristendiktatur. "Die wirkliche Junta ist jetzt eine demokratische Junta."

Auch die 33-jährige Vasso, trotz Kampfmontur schick geschminkt, hält die Einsparungen für ungerecht: "Es kann nicht sein, dass jene, die fünf Euro klauen, ins Gefängnis gehen und nicht solche, die fünf Millionen klauen." Ihre Freundin Glykeria sagt, sie habe durchaus Verständnis für manche der Sparmaßnahmen. "Aber sie haben uns alle in einen Topf geworfen - auch solche, die nichts für die Krise können."

Im Messezentrum versucht Papandreou solchen Vorwürfen zu begegnen. "Ich weiß sehr gut, was diese Politik für die niedrigen Einkommen bedeutet", versichert er. Doch was er dann als Vision vorgibt, klingt wenig ermutigend: "Ein wesentliches Ziel ist, dass es keine Familie ohne zumindest einen Erwerbstätigen gibt."

Zwar nennt Papandreou manch eindrucksvolle Zahl zu den bislang gelungenen Einsparungen und möglichen Projekten für die Zukunft - darunter auch Pläne für Solarkraftwerke, die von Deutschland finanziert werden könnten. Doch am konkretesten ist Papandreou bei seinen Forderungen: Die Jugend möge trotz allem nicht das Land verlassen, die Banker ihre Banken stützen, die Unternehmer ins eigene Land investieren, die Freiberufler ihre Steuern bezahlen, die Beamten den Bürgern beistehen.

Immer weniger Rückhalt für Papandreou

Draußen auf der Straße, wo die Proteste im Verlauf der Rede weiter eskalieren, kommen solche Appelle längst nicht mehr an. Die Polizei geht mit Tränengas gegen Jugendliche vor, die Schaufensterscheiben eingeworfen und Feuer in Verkaufsstraßen gelegt haben. Die Polizei nimmt nach Behördenangaben mehr als hundert Demonstranten fest. Mindestens zwei Menschen sollen verletzt worden sein.

Doch nicht nur vor der Messe, sondern auch unter dem ausgewählten Publikum bei Papandreous Rede scheint der Rückhalt für den Premier angesichts der zunehmend verzweifelt erscheinenden Lage des Landes dünner zu werden. Am Ende gibt es nur wenige Sekunden Applaus. Vielleicht am heftigsten geklatscht wurde zuvor an einer anderen Stelle. Als Papandreou sagte: "Auch ich bin nicht frei von Fehlern."

Mitarbeit: Ferry Batzoglou. Mit Material von Reuters

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Seite 1
DergerechteZorn 11.09.2011
1. Wie bitte?
"Ein wesentliches Ziel ist, dass es keine Familie ohne zumindest einen Erwerbstätigen gibt." Es sind schon Menschen für minderen Irrsinn entmündigt worden und in die Geschlossene gekommen. Einfach nur irre...
jomo3 11.09.2011
2. #####
Zitat von sysopDraußen fliegen Steine, drinnen kämpft der Premier um das Vertrauen seiner Landsleute: In Thessaloniki wirbt Regierungschef Papandreou für sein Sparprogramm. Doch in der Hafenstadt schlägt ihm er den Zorn der Griechen über die schleppenden Reformen entgegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785574,00.html
Papandreou sollte schweigen und sich Gedanken über den Austritt aus dem EURO machen. Jedenfalls der heutige Papandreou . Das Land hat ein Problem mit Wahlverwandschaften und niemand hilft ihm dabei. Die EU Politik tut so, als wäre das normal.
kp86368 11.09.2011
3. Auslegungssache?
"Doch in der Hafenstadt schlägt ihm der Zorn der Griechen über die schleppenden Reformen entgegen." Das nenne ich mal eine nette Interpretation. Also wird nicht gegen die "Reformen" demonstriert, wie ich es mir bislang eingebildet habe, sondern das diese sogenannten Reformen nicht schnell genug umgesetzt werden. Hoppa, darauf einen Ouzo!!!!
Jochen Kissly, 11.09.2011
4. Pfeifen im Walde
Lt. Papandreou wird Griechenland es schaffen! Ja ich weiss - und die Erde ist eine Scheibe!
Paul-Merlin 11.09.2011
5. Das wird nichts mehr
Zitat von sysopDraußen fliegen Steine, drinnen kämpft der Premier um das Vertrauen seiner Landsleute: In Thessaloniki wirbt Regierungschef Papandreou für sein Sparprogramm. Doch in der Hafenstadt schlägt ihm er den Zorn der Griechen über die schleppenden Reformen entgegen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785574,00.html
Die Mehrheit der Griechen wird Papandreou nicht folgen. Es verlieren einfach zu viele und die größten Profiteure des bisherigen Systems bleiben außen vor.Griechenland würde ein kräftiges Wirtschaftswachstum brauchen um kapitaldiensfähig sein zu können. Stattdessen wird die Wirtschaft durch die Sparmaßnahmen abgewürgt - das kann nicht gutgehen. Je eher die Rückkehr zur Drachme erfolgt, umso besser für das Land und die Mehrheit seiner Bürger.
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