Energiepreise Krieg in der Ukraine droht Inflation in Deutschland auf gut sechs Prozent zu treiben

Wird der Gasfluss aus Russland gestoppt, könnten die Energiepreise hierzulande explodieren. Berechnungen von IW-Ökonomen zeigen, wie teuer das für Deutschland werden kann.
Gaszähler: Knapp wird die Versorgung wohl nicht werden – aber teuer

Gaszähler: Knapp wird die Versorgung wohl nicht werden – aber teuer

Foto: Christoph Hardt / Future Image / IMAGO

Schon jetzt müssen sich wegen der gewaltig gestiegenen Energiepreise Menschen in Deutschland zwischen Heizen und Essen entscheiden. Durch die Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine droht sich die Lage nun weiter zu verschärfen.

Sollte der Konflikt die Gaspreise weiter steigen lassen, könne die zuletzt bereits deutlich gestiegene Inflation hierzulande Ökonomen zufolge weiter zulegen. Die Jahresteuerung könnte auf bis zu 6,1 Prozent klettern, heißt es in einer Mitteilung  des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu Modellsimulationen. »Die Verbraucher, aber auch die Unternehmen, hätten also noch weniger im Portemonnaie als ohnehin schon.«

Deutschland beziehe mehr als die Hälfte der Erdgasimporte aus Russland, das die Ukraine angreift. Auch wenn die Bundesrepublik kurzfristig einen Stopp der Gaslieferungen überstehen könnte, würden die Preise für Gas in die Höhe schnellen. Das IW untersuchte Auswirkungen einer solchen Entwicklung auf die deutsche Wirtschaft und die Verbraucher. Im Januar war die Inflation damit womöglich nur kurzfristig auf 4,9 Prozent gesunken, nachdem sie im Dezember mit 5,3 Prozent den höchsten Wert seit fast 30 Jahren erreicht hatte.

Experten halten es für möglich, dass der Gasfluss von Russland nach Deutschland durch den Konflikt zum Erliegen kommen könnte. Entweder, weil Russland den Gashahn zudreht – oder weil der Westen den Bezug als Teil von Sanktionen boykottiert. Letzteres würde der russischen Konjunktur besonders schaden.

Am Donnerstagmorgen hatte der russische Präsident Wladimir Putin den Angriff der Ostukraine offiziell angeordnet. Börsenkurse in Moskau genauso aber auch in Frankfurt brachen im Zuge der Invasion ein, der Ölpreis kletterte erstmals seit 2014 auf mehr als 100 Dollar. Deutsche Staatsanleihen waren dagegen stark gefragt.

Öl und Gas machen 59 Prozent aller Importe aus Russland aus

Zur Frage, wie sich die Gaspreisentwicklung auf die Wirtschaft konkret auswirken würde, hat das IW mehrere Szenarien entwickelt. Im ersten Szenario bleibt der Gaspreis 2022 auf dem Niveau aus dem vierten Quartal 2021. Dann würde die Inflationsrate auf 4,3 Prozent steigen und 2023 nochmals auf 4,5 Prozent nach oben gehen. »Die Verbraucher, aber auch die Unternehmen, hätten also noch weniger im Portemonnaie als ohnehin schon«, schreibt das Institut. Der private Konsum würde dadurch geringer ausfallen, was sich auch beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) bemerkbar machen würdet: 2022 fiele das BIP um 0,2 Prozent und 2023 um 0,7 Prozent geringer aus.

Das zweite Szenario der Forscherinnen und Forscher geht wegen gravierender Liefereinschränkungen von noch höheren Preisen aus: Hier wird mit einem Anstieg der Gaspreise um weitere 50 Prozent gerechnet. In diesem Fall würde die Inflationsrate in diesem Jahr auf 6,1 Prozent und 2023 auf fünf Prozent klettern. Das BIP würde laut IW im nächsten Jahr sogar 1,4 Prozent geringer ausfallen.

Wegen der Coronapandemie und der ohnehin schleppenden Erholung würde eine weitere Eskalation in der Ukraine den Weg zur wirtschaftlichen Normalität weiter erschweren. »Der Konflikt bringt schwindendes Vertrauen von Investoren, möglicherweise Handelssanktionen oder Produktionsausfälle mit sich«, sagte IW-Studienautorin Galina Kolev. Co-Autor Thomas Obst ergänzte, die wirtschaftlichen Folgen eines militärischen Konflikts seien kaum abzuschätzen. »Die bedeutende Rolle von Energiesicherheit hin zur Klimaneutralität für die deutsche Wirtschaft steht vor einem Scheideweg.«

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hatte dagegen errechnet, dass die deutsche Wirtschaftsleistung bei einem Verzicht auf russisches Gas sogar leicht um 0,1 Prozent zunehmen könnte – sofern die russischen Importe durch Produkte der Bündnispartner ersetzt würden und hier Deutschland besonders wettbewerbsfähig ist.

Deutschland hatte 2021 laut aktuellen Zahlen  des Statistischen Bundesamts jedoch vor allem Erdöl und Erdgas aus Russland importiert. Diese beiden Rohstoffe machten 59 Prozent aller Einfuhren aus Russland aus und hatten einen Wert von 19,4 Milliarden Euro.

Mit Blick auf die Verbraucher haben sich die Koalitionspartner der Bundesregierung am Abend auf ein weitreichendes Maßnahmenpaket geeinigt, um die Bevölkerung kurzfristig von den hohen Energiepreisen zu entlasten. Vorgesehen sind neu die vorgezogene Streichung der EEG-Umlage, eine höhere Pendlerpauschale sowie Steuererleichterungen und weitere Zuschüsse für Bedürftige.

apr/Reuters
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