S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Der Schaden ist da - auch ohne Sanktionen

Das Kapital flieht aus Russland, das Land steht vor einer tiefen Wirtschaftskrise. Das wiederum könnte genau der Schock sein, der die Euro-Zone in die Deflation treibt. Eine Folge, die Putin wahrscheinlich in sein Kalkül miteinbezieht.

Drei Themen, scheinbar ohne Zusammenhang. Drei Fehler, die man aussitzen wollte. Beim Euro vergingen gerade mal zehn Jahre zwischen seiner Einführung und seiner Krise. Die Halbwertzeit der deutschen Kuschelpolitik gegenüber Wladimir Putin war ebenfalls kurz. Und die Europäische Zentralbank glaubte, einen plötzlichen Absturz der Inflationsraten aussitzen zu können. Was die drei Themen zusammenbringt, ist der Konflikt in der Ukraine.

Die russische Annexion der Krim ist nicht nur das große geopolitische Ereignis unserer Zeit. Es droht auch, sich zu einem großen ökonomischen auszuweiten. Die russische Wirtschaft steht am Rande einer tiefen, selbstverschuldeten Rezession. Von wegen Nullwachstum, wie es die Regierung dort voraussagt. Diese Woche wurde bekannt, dass die Kapitalausflüsse aus Russland im ersten Quartal 70 Milliarden Euro betrugen, ungefähr siebenmal so hoch wie vor der Krim-Krise. Das sind nur die Brutto-Zahlen. Die Geldströme nach Russland sind voraussichtlich gefallen. Die implizite Drohung einer Enteignung ausländischer Vermögen in Russland dürfte zu einem Einbruch nahezu aller Direktinvestitionen geführt. Und das heißt, dass auch die Netto-Abflüsse enorm sein müssen. Am Ende des Jahres könnten sie rund 14 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. Das überlebt keine Wirtschaft ohne tiefe Rezession. Wer braucht da noch Sanktionen? Der Schaden ist jetzt schon da.

Die unreflektierte Euro-Politik hat uns verwundbar gemacht

Die russische Wirtschaft ist ähnlich groß wie die von Frankreich. Der Kollaps einer global vernetzten Wirtschaft dieser Größenordnung ist in guten Zeiten ein regionaler makroökonomischer Schock.

Die Zeiten sind aber nicht gut.

Die Wirtschaft im Euro-Raum erholt sich momentan nur langsam. Das akute Problem aber sind die Inflationserwartungen. Sie sind von rund zwei Prozent mittlerweile auf etwas über ein Prozent gefallen. Wir steuern zwar nicht automatisch auf eine echte Deflation zu - also auf einen Fall des Preisniveaus -, aber wir sind von diesem Szenario nur noch einen mittelgroßen Schock entfernt. Und den haben wir jetzt.

Es ist daher müßig, darüber zu diskutieren, wer diese Konfrontation gewinnt. Auch ich würde annehmen, dass Russland den messbar größeren wirtschaftlichen Schaden erleidet. Wenn der Konflikt uns aber in den Abgrund einer Deflation stürzt oder eine Bankenkrise auslöst, die die Marktzinsen in die Höhe treiben lässt, dann sind die wirtschaftlichen Konsequenzen bei uns höher. Es ist durchaus vorstellbar, dass in einem solchem Szenario die jetzt aus den Augen geratene Euro-Krise wieder aufflammt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass Putins strategische und ökonomische Berater solche dynamischen Effekte eines Sanktionskriegs in ihre Planung mit einbeziehen.

Wir im Westen Europas haben uns durch unsere unreflektierte Euro-Politik und unsere Energiepolitik verwundbar gemacht und unsere Handlungsfähigkeit unnötig eingeschränkt. Ob Putin am Ende als Verlierer dahinstehen wird, ist daher keineswegs sicher.

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Foto: SPIEGEL ONLINE