Schwache Wirtschaft Russen müssen Handelssanktionen fürchten

Nach dem umstrittenen Referendum auf der Krim sind erste Sanktionen des Westens nur noch eine Frage der Zeit. Das Druckmittel könnte erheblich stärker werden als viele annehmen. Die russische Wirtschaft steckt jetzt schon tief in der Krise.

Wechselstube in Moskau: Rubelkurs unter Druck
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Wechselstube in Moskau: Rubelkurs unter Druck


Moskau - Das Eingeständnis kam von hoher Stelle. Es war kein geringerer als der stellvertretende russische Wirtschaftsminister Sergej Beljakow, der am Wochenende vor Unternehmern vor einer tiefen Krise der russischen Wirtschaft warnte. Es gebe "klare Anzeichen" dafür, sagte Beljakow.

Die Warnung kann aber auch als Zeichen dafür gewertet werden, wie groß die Angst ist, die die russische Regierung vor möglichen Wirtschaftssanktionen des Westens hat, sollte es zu einer formellen Angliederung der Krim kommen. Denn diese würden die russische Wirtschaft zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt treffen.

Ein schwacher Rubel, der die dringend benötigten Einfuhren immer teurer macht, Investitionsstopps der Unternehmen und ein drastischer Rückgang des privaten Konsums haben das Land schon ganz ohne westliche Sanktionen an den wirtschaftlichen Abgrund geführt. Allein der Automarkt schrumpfte im vergangenen Jahr um 5,5 Prozent. 2014 könnte ein Minus von bis zu 15 Prozent Realität werden. Das lässt sich auch an den Kursen der Moskauer Börse ablesen, die sich bereits in der vergangenen Woche nur noch talwärts bewegten. Analysten warnten bereits vor einem "schwarzen Montag", sollte es wirklich zu Sanktionen kommen.

609 Milliarden an Verbindlichkeiten

Nach der umstrittenen Volksabstimmung über einen Beitritt der Krim zu Russland beraten die EU-Außenminister am Montag in Brüssel über Sanktionen. Nach den Worten des tschechischen Außenministers Lubomír Zaorálek stehen auf einer Liste der EU rund 20 Namen wichtiger russischer Akteure im Krim-Konflikt, die mit Reisebeschränkungen belegt werden sollen. Allerdings feilschen die Europäer je nach eigenen wirtschaftlichen Interessen hart darum, wer konkret betroffen sein soll.

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn fordert, dass die Reisebeschränkungen zunächst zeitlich begrenzt sein sollen, um Raum für weitere Gespräche zu lassen. Schon jetzt wird aber gefordert, wichtige Konzernbosse auf die Liste zu setzen. Laut "Handelsblatt" kursiert bereits eine "schwarze Liste", der zufolge neben Verteidigungsminister Sergej Schoigu auch den Chefs der staatlich kontrollierten Konzerne Rosneft (Öl), Gazprom (Gas) und RZD (Bahn) Visa verweigert und die Konten im Westen eingefroren werden sollen.

Doch die reichen Russen dienen zurzeit ohnehin eher dem Ziel des Westens, indem sie ihr Kapital in den Westen transferieren, anstatt in die russische Wirtschaft zu investieren. Flossen im gesamten Jahr 2013 noch 60 Milliarden Dollar auf Konten westlicher Banken, so waren es nach Angaben der russischen Zentralbank allein im Januar bereits 17 Milliarden Dollar. Er rechne mit einem Anstieg auf 50 Milliarden pro Quartal, sagte der frühere Finanzminister Alexej Kudrin dem "Handelsblatt". Derzeit haben russische Banken gut 200 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten im Ausland, russische Konzerne sogar mehr als 409 Milliarden Dollar.

mik

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