Krise der Demokratie Mehr Eliten für Deutschland, bitte

Es hat etwas Groteskes, auf Deutschlands Eliten zu schimpfen. Wäre ja schön, wenn wir wirklich welche hätten! Das könnte uns gegen die eine oder andere Krise schützen.

Elite-Universität in Berlin
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Elite-Universität in Berlin

Eine Kolumne von


Seit die Amerikaner ihren Milliardär gewählt haben, herrscht helle Aufregung. Und die Frage bewegt, was oder wer schuld ist. Heiße These: die Eliten. Was intuitiv erst einmal merkwürdig klingt, wenn man gerade einen Superreichen und Fernsehstar gewählt hat. Wobei auch gar nicht so einer gemeint zu sein scheint, sondern Eliten wie, sagen wir, unsere armen Politiker (und Journalisten), die ach so weit weg, abgehoben und abgeschottet sind - und nicht mehr wissen, was das Volk will. Selbstkasteiung.

Jetzt trifft so eine Elitenkritik bei akutem Unmut im Volk natürlich irgendwie immer den Nerv. Beim Fußball ist auch immer der Trainer schuld - wenn der Stoßstürmer seit Wochen auf die Bahngleise hinterm Stadion haut. Und rechte Volksversteher brauchen so ein bisschen Elitenbashing natürlich auch, damit erst einmal nicht auffällt, wie wenig sie selbst zu bieten haben. Der Donald-Trick.

Nur, mal ganz im Ernst: Eliten? In Deutschland? Geht's noch, Volk? Es dürfte kaum ein Land auf dem globalen Rund geben, das in der jüngeren Menschheitsgeschichte so wenig elitär beherrscht wurde wie unseres. Wir haben weder Elite-Gymnasien, die direkt auf Elite-Hochschulen und von da in hohe Elite-Regierungsposten führen. So wie bei den Franzosen, wo ein und derselbe Politiker auch über mehrere Jahrhunderte hohe Posten haben kann. Noch haben wir Familiendynastien, die von Papa zu Sohn und von Gatte zu Gattin (fast) Präsident der Vereinigten Staaten werden.

Wir haben ja nicht einmal eine richtige Königin, um die wir komische Rituale machen (Gott schütze uns!). Oder Lords. Oder Sprachakzente, die eindeutig bestimmen, welcher Schicht wir angehören. Bei uns müssen ja sogar Adelige zurücktreten, wenn sie, wie Karl-Theodor zu Guttenberg, Zitate kopiert haben.

Bei uns können Gymnasiallehrer wie Hans Eichel Finanzminister werden. Und wandelnde schwäbische Klischees ohne Talent für Fremdsprachen Dauer-Kommissar bei der Europäischen Union. Bei uns heißen Autokonzernchefs einfach Müller. Und die Chefs hiesiger Vorzeige-Unternehmen wechseln seit Ende der alten Deutschland AG gefühlt so oft, dass es kaum lohnt, sich die Namen zu merken. Können Sie die Ministerpräsidenten von mehr als fünf Bundesländern aufzählen, ohne zu googeln? Also.

Weg vom Elitenbashing, hin zu mehr Elite - im besten Sinne

Jetzt mag sein, dass der eine oder andere vor lauter Regieren nicht mehr richtig viel unters Volk kommt. Nur heißt das ja nicht, dass es nicht wichtiger ist, ein zugeteiltes Fachgebiet zu beherrschen. Und die Kunst der Politik. Für gute Politik braucht es auch Abstand und Überblick. Hier beginnt die Kehrseite vom vielen Unelitären.

Im Duden steht, dass Eliten "eine Auslese darstellende Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung und besonderen Qualitäten" sind. Was ja nichts Schlimmes ist. Nur dass halt in den vergangenen Jahren gelegentlich Zweifel aufkommen konnten, ob, sagen wir, unsere Abgeordneten immer so besonders befähigt wirkten, wenn sie wieder einmal über die Rettung von Banken abstimmten - oder sich wieder einmal über Herrn Draghi und seine niedrigen Zinsen beschwerten. Obwohl es dafür fachlich tausend gute Gründe gibt und unser Sonnen-Finanzminister ohne Niedrigzinsen heute nie und nimmer eine schwarze Null hätte (was ihn nicht davon abhält, sich als Robin Hood jener Sparer aufzuspielen, die darunter leiden).

Es reicht halt nicht, wie, sagen wir, Herr Bosbach volksnah zu reden, wenn arge Zweifel bestehen, ob der die Ökonomie so einer Krise verstanden hat. Das sorgt international für gewisse Irritation über das, was hier mit viel Mut zur fachlichen Lücke so herumargumentiert wird. Da würde man dem einen oder anderen schon so ein klein bisschen Elite-Ausbildung wünschen.

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Wenn wir ein Elitenproblem haben, dann nicht so sehr, dass wir zu viele abgehobene Politiker haben. Es gab wahrscheinlich selten Politiker, die so viel Bürgerkontakt hatten. In Wirklichkeit stehen die Volksvertreter bei uns sogar derart unter Beobachtung, ob sie (remember Wulff) nicht mal irgendwas im Leben nicht vorbildlich gemacht haben, dass mittlerweile all die, die wirklich besonders qualifiziert sind, lieber woanders arbeiten. Wo sie im Zweifel auch viel mehr Geld verdienen - weil wir ja vor lauter Neid immer drauf achten, dass unsere Politiker bloß nicht noch mehr verdienen. Kein Wunder, wenn da gelegentlich ein Eindruck von Orientierungslosigkeit entsteht.

Was jetzt nötig ist, ist kein vordergründiges Elitenbashing, sondern mehr Elite - im besten Sinne. Immerhin geht es gerade darum, die Krise jener Globalisierung zu meistern, die einen dramatischen Rückfall in alte Nationalismen auszulösen droht. Und das alte naive Paradigma durch ein neues zu ersetzen. Ziemlich gut qualifizierte Leute, die sich darüber Gedanken machen, wie man die irrsten Folgen dieser Entwicklung beseitigt. Und wie man am besten in die Zukunft investiert - statt kurzfristig auf schwarze Nullen zu starren. Leute, die Ideen entwickeln für eine neue Art Globalisierung, die nicht etliche als Verlierer dastehen lässt. Oder die eine sehr viel radikalere Reform der Finanzmärkte entwickeln. Damit nicht übermorgen die nächste Krise kommt.



insgesamt 248 Beiträge
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Seite 1
xOnkeltomx 25.11.2016
1. Eliten?
Hat sich der Spiegel über Jahrzehnte hinweg geirrt? Elite(n) gehört doch zu dem Lieblingsvokabular jener Schreiberlinge. Übrigens, ganz meine Meinung.
Jarek M 25.11.2016
2.
Ein Blick in die Statistiken von z.B. DAX-Vorständen oder Professoren zerstreut das Bild von der egalitären Gesellschaft, wo "Gymnasiallehrer wie Hans Eichel Finanzminister werden". BTW, US-Finanzminister ist Sohn eines jüdischen Immigranten und Buchhändlers. In einem Land, dass sich als einziges (neben AT) eine 4-jährige gemeinsame Lernzeit leistet, sollte man nicht von einer egalitären Gesellschaft sprechen.
strixaluco 25.11.2016
3. Entstandene und selbsternannte Eliten
Das Problem an Eliten ist, dass man eine funktionierende Elite, die dem Rest der Gesellschaft nützt, nicht planen oder erzwingen kann. Nachhaltige gesellschftliche Entwiklungen sind längere Prozesse, die nichts und niemand einfach aus dem Ärmel zaubern kann. Wenn man es mit "Elitenförderung" versucht wie im Wissenschaftsbetrieb, zieht das vor allem einen Haufen Angeber an, der unter Weiterentwicklung vor allem seine eigenen Möglichkeiten zur Machtausübung versteht. So etwas unterminiert auf die Dauer demokratische Strukturen, die Ausgewogenheit von Meinungsfindungsprozessen und die Annäherung an so etwas wie Wahrheit leider schon sehr lange.
maruun 25.11.2016
4. Kann ich gern drauf verzichten...
Die sogennante "Elite" die in ihren Elfenbeinturm sitzen und keinen blassen schimmer haben was unter ihnen vorgeht und nur sich selbst bereichern...und Politik machen ausserhalb jeglicher realität oder versuchen alle Probleme schön zu reden oder komplett zu ignorieren. "Elite" ist eine Krankheit die aus der Gesellschaft geschnitten gehört. Ansonsten darf der kleine Mann wieder für "Eliten" in fragwürdige Kriege maschieren. "Elite" steht nur für Menschen die Ihre Profite behalten und Verluste auf den kleinen Mann abwälzen. Auch der Begriff "Experte" hat in den letzten 20 Jahren ganz schön an Bedeutung eingebüsst
women_1900 25.11.2016
5. wir haben doch in Deutschland
viele selbsternannten Eliten. Die Talkshows sind voll davon. Selbst bei Armut können diese selbsternannten Eliten mitreden.
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