Krise der Sozialversicherung Rente verkommt zum Hungerlohn

Protest gegen Rente mit 67 (Archivbild): Länger arbeiten, weniger Geld bekommen?
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Protest gegen Rente mit 67 (Archivbild): Länger arbeiten, weniger Geld bekommen?

2. Teil: Geringverdiener arbeiten 43 Jahre für Hartz-IV-Rente


Wer in seinem Erwerbsleben nie üppig verdient hat, für den ist auch der wohlverdiente Ruhestand alles andere als angenehm. Bereits heute erhalten rund 410.000 Rentner zusätzlich zu ihren Altersbezügen Geld vom Staat (die sogenannte Grundsicherung). Das sind zwar nur rund 2,5 Prozent aller Rentner, aber noch gehen ja auch die Jahrgänge in den Ruhestand, die noch auf Muster-Lebensläufe zurückblicken können. Doch je mehr die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse von prekären Lebensformen abgelöst werden, desto höher wird auch der Anteil der Über-65-Jährigen sein, die Grundsicherung beziehen. Allein seit 2003 stieg ihre Zahl um fast zwei Drittel.

Da die Renten in den kommenden Jahren kaum noch steigen, das allgemeine Rentenniveau deutlich sinkt und die Ruhestandsbezüge in den kommenden Jahren immer stärker - und ab 2040 sogar voll - versteuert werden müssen, könnte dieser Zweig der Sozialversicherung schon bald in eine ernste Legitimitätskrise geraten. Wer in seinem Arbeitsleben durchgehend Geringverdiener war und nur 1500 Euro monatlich verdient hat, muss bereits heute immerhin 43 Jahre arbeiten, um das Niveau der Grundsicherung zu erhalten. Vereinfacht gesagt: Im Hinblick auf die Altersversorgung haben sich mehr als vier Jahrzehnte Arbeit nicht gelohnt - denn Hartz IV gibt es ohnehin.

So lange müssen Sie arbeiten, bis Ihre Rente Hartz-IV-Niveau erreicht

Monatliches Bruttoeinkommen (in Euro) 1500 2500 3500 4500 5500
Anzahl der Beitragsjahre 43 26 18 14 12

Quelle: Deutsches Institut für Altersvorsorge

Doch dieses Problem trifft nicht nur Geringverdiener. Auch wer - wie der akut vom Aussterben bedrohte Standardrentner - den aktuellen Durchschnittslohn von 2500 Euro verdient, muss bereits 26 Jahre Rentenbeiträge zahlen, bevor er sich besser stellt als ein lebenslanger Hartz-IV-Empfänger. Sollten die Hartz-IV-Bezüge in Zukunft schneller steigen als die Renten - was angesichts eines bevorstehenden Grundsatzurteils des Bundesverfassungsgerichts nicht vollkommen ausgeschlossen ist - könnte sich die schleichende Delegitimierung des Rentensystems zu einer ernsten Krise ausweiten.

Wer seinen Lebensstandard sichern will, muss sparen

Ob die bereits verabschiedeten Rentenreformen reichen, die Versicherung bis Mitte des Jahrhunderts zu stabilisieren, ist mehr als fraglich. Schließlich sind die Annahmen über künftige Rentenniveaus und Beitragssätze durchaus optimistisch: Sie gehen von einem stetigen Wirtschaftswachstum und nahezu Vollbeschäftigung aus. Schon jetzt müssen bei Reformen im Sozialbereich zumeist die Annahmen nach wenigen Jahren korrigiert werden - eine Prognose für 2040 oder gar 2050 ist da nichts mehr als der Blick in eine ziemlich trübe Glaskugel.

Sollte das Rentenniveau mit weiteren Reformen unter 40 Prozent abgesenkt werden, würde das System zwar endgültig seine Legitimität verlieren. Doch selbst wenn es dazu kommen sollte - wehren können sich Arbeitnehmer dagegen nicht. Denn die Rentenversicherung entspricht einer Zwangsabgabe. Nur Selbständige und Beamte können dem System entkommen.

Wie ungerecht das ist, zeigt folgende Rechnung: Wer heute Anfang 20 ist und es trotz aller Widrigkeiten noch irgendwie schafft, das Leben eines Standardrentners zu führen, der kann um das Jahr 2050 auf eine Rente von 2700 Euro hoffen. Könnte dieser vorbildliche Arbeitnehmer seinen Beitrag und den des Arbeitgebers allerdings für sich zur Seite legen, und würde das Geld mit 3,5 Prozent pro Jahr verzinst (was auf lange Sicht alles andere als unrealistisch ist), bekäme er in 45 Jahren die stattliche Summe von einer Million Euro ausgezahlt.

Wer deshalb als Arbeitnehmer im Alter seinen Lebensstandard annähernd sichern will, der muss zusätzlich zur gesetzlichen Rente sein privates Sparprogramm machen. Das muss nicht gleich einem Konjunkturprogramm für die Versicherungsindustrie gleichkommen. Denn das Geld lässt sich auch ganz trivial zur Seite legen oder in ein Haus oder eine Wohnung investieren, die dann im Alter die Lebenshaltungskosten senkt. Sicherer als die staatliche Rente ist das allemal.

insgesamt 2307 Beiträge
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grauer kater 24.11.2009
1.
Da gibt es nur eine Schlussfolgerung, um aus dem Dilemma zu kommen: Bundestags- oder Europaparlamentsabgeordneter werden! Dann ist die Rente schon nach 8 Jahren zumindest für ein Grundauskommen ausreichend sicher! Dazu diverse Lobby-Bezüge und man kommt über die Runden!
Volker Gretz, 24.11.2009
2.
Zitat von sysopEin Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre Beiträge zahlen, um im Alter ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu haben. Verliert die Rente ihre Legitimität?
Was soll "Legitimität" in diesem Zusammenhang bedeuten? Richtig: Die Finanzwirtschaft ließ immer wieder neue Gesetze erlassen, um die gesetzliche Rente zu kürzen. Dennoch ist sie weiterhin legitim. Sollten Sie sich auf die "Höhe" der gesetzlichen Rente beziehen, so wäre es ja wirklich schlimm, wenn die Finanzwirtschft die ganzen "Experten", Ex-Staatsekretäre und Ex-Minister auf Frühstücksdirektorenposten durchschleifen müsste, wenn sie nicht die gesetzliche Rente ruiniert hätten. Womit hätte man denn die gestzliche Rente sonst zerstören sollen, und die Milliarden in die gewinnoptimierten "privaten Angebote" umleiten, wenn nicht unter Einsatz von viel Geld? Vile ist natürlich relativ. Der Einsatz von ein paar Milliönchen bringt hier Milliarden - ohgne das ein Versicherungsvertreter oder Bankverkäufer sich bewegen muss.
Stefanie Bach, 24.11.2009
3.
Zitat von sysopEin Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre Beiträge zahlen, um im Alter ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu haben. Verliert die Rente ihre Legitimität?
Rentenversicherung, Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung sind die Grundpfeiler unseres Sozialstaates. Es muss öffentliche Aufgabe sein und bleiben, diese Systeme auszubauen und zu stabilisieren. Die jetzige Koalition - dem Riester-Unsinn folgend - geht den falschen Weg, wenn mehr und mehr nach Kapitaldeckung gerufen wird, was volkswirtschaftlich unsinnig ist. Da hat der manchmal belächelte, letztlich aber eher erfolgreiche Norbert Blüm völlig recht: Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
Meerkönig 24.11.2009
4.
Zitat von sysopEin Durchschnittsverdiener muss 26 Jahre Beiträge zahlen, um im Alter ein Einkommen auf Hartz-IV-Niveau zu haben. Verliert die Rente ihre Legitimität?
Wer soll dieses Thema verstehen? Es musste zu allen Zeiten mindestens 35 bis 45 Jahre eingezahlt werden und zwar ununterbrochen Monat für Monat, um eine volle Rente zu erhalten. Die, die nur 35 Jahre einzahlen konnten, waren meist Akademiker oder Halbakademiker verdienten dafür immer Bemessungsgrenze und so kommen alle Beitragszahler zu einer auskömmlichen Rente. Wer nur 26 Jahre eingezahlt hat, hat aus Sicht des Rentensystems keine Existenzberechtigung. Das muss den Leuten ganz klar gesagt werden. Vieleicht denkt der eine oder andere dann nach, bevor er mehr "Netto vom Brutto" wählt. Beispiele: Der Akademiker erhält 1908,- Euro Bruttorente und der Handwerker mit 45 Beitragsjahre erhält 1473,- Euro Bruttorente. Der 26 Jahre eingezahlt hat erhält 850.- Euro. Der der nichts eingezahlt hat erhält auch nichts. (Alle Werte alte Bundesländer)
Volker Gretz, 24.11.2009
5.
Zitat von Stefanie BachRentenversicherung, Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung sind die Grundpfeiler unseres Sozialstaates. Es muss öffentliche Aufgabe sein und bleiben, diese Systeme auszubauen und zu stabilisieren. Die jetzige Koalition - dem Riester-Unsinn folgend - geht den falschen Weg, wenn mehr und mehr nach Kapitaldeckung gerufen wird, was volkswirtschaftlich unsinnig ist. Da hat der manchmal belächelte, letztlich aber eher erfolgreiche Norbert Blüm völlig recht: Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
Ja aber betriebswirtschatflich "gewinnmaximierend". Wir haben ja gerade gelernt,, das "kapitalgedeckt" genau so vile wert ist, wie der Staat noch kreditwürdig ist. Die Staatsschulden von heute sind die Gewinne der Finanzwirtschaft von gestern.
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