Krisengipfel Zerstrittene Euro-Retter riskieren Finanzchaos

Euro-Symbol in Frankfurt: Die Finanzwelt könnte ins Taumeln geraten
Foto: Arne Dedert/ dpaHamburg - In den kommenden Tagen schaut die halbe Welt nach Europa. Politiker und Investoren erwarten von den bevorstehenden Euro-Gipfeln einen Befreiungsschlag: Endlich soll die Währungsunion ihre nun schon anderthalb Jahre dauernde Krise lösen.
Der Start ist schon mal verpatzt. Weil sich Deutschland und Frankreich nicht schnell genug einigen konnten, wie genau die Schlagkraft des Rettungsfonds gestärkt werden soll, und weil das deutsche Parlament keine Blitzabsprachen der Kanzlerin akzeptieren will, musste ein Teil des für Sonntag angesetzten Gipfels verschoben werden: Bis kommenden Mittwoch sollen die Regierungen der Euro-Länder nun ein zweites Mal zusammenkommen.
Im Kern geht es um drei Punkte:
- Griechenland soll von einem Teil seiner gigantischen Staatsschulden befreit werden. Dazu ist ein Schuldenschnitt angepeilt. Gläubiger sollen vermutlich auf 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber dem Land verzichten. De facto würde das den Bankrott des Landes bedeuten.
- Um zu verhindern, dass eine Griechen-Pleite auch andere Länder wie Portugal, Italien oder Spanien in Probleme bringt, soll die Schlagkraft des europäischen Rettungsfonds EFSF erhöht werden. Über einen sogenannten Hebel soll der mit 440 Milliarden Euro ausgestattete Fonds Staatsanleihen in einem deutlich höheren Volumen absichern können.
- Die Banken sollen 100 Milliarden Euro frisches Kapital bekommen, so dass weder eine Pleite Griechenlands noch Kursverluste bei Staatsanleihen anderer Länder sie umwerfen können. Dazu sollen zuerst die Eigentümer der Bank, dann die jeweiligen Heimatstaaten und als letzte Option der EFSF einspringen.
Doch die Einigung über wichtige Punkte ist gefährdet. In der Geschichte der EU gab es schon häufig Streit vor großen Gipfeln. Doch immer haben sich die beteiligten Staaten irgendwie geeinigt - oft in letzter Minute nach langen nächtlichen Diskussionen. Das erwarten die meisten Beobachter auch diesmal. "Scheitern ist keine Option", sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank. Doch sicher ist die Einigung keineswegs. Was also würde passieren, wenn die Treffen scheiterten und die Staaten auch mittelfristig nicht zueinander fänden?
Zwei Szenarien sind denkbar:
Szenario 1: Ein Schock - schlimmer als Lehman
Scheitert die Euro-Rettung, könnte das die Finanzmärkte in ein ähnliches Chaos stürzen, wie die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Die Ausgangslage ist ähnlich: Auch damals steckte die Welt seit Monaten in einer Finanzkrise. Immer wieder wurden schlingernde Banken gerettet - aber der ganz große Krach war noch ausgeblieben. Und selbst als sich die Probleme bei Lehman abzeichneten, gingen die meisten Beobachter und Beteiligten davon aus, dass es schon irgendwie gut gehen würde. Bisher hatte man sich ja immer irgendwie geeinigt. Bisher hatte die Politik ja alle Banken gerettet.
Als es dann anders kam, versetzte dies die Finanzwelt in einen Schockzustand. Die Banken bekamen es mit der Angst zu tun: Wer würde der nächste sein? Um kein Risiko mehr einzugehen, verliehen sie untereinander kein Geld mehr - und bremsten auch die Kreditvergabe an die Unternehmen. Die westliche Welt rutschte in die Rezession. Die deutsche Wirtschaft schrumpfte im Jahr 2009 um fünf Prozent. In vielen anderen Ländern kam es noch schlimmer: Die Krise schlug auf den Arbeitsmarkt durch: Millionen Menschen verloren ihre Jobs.
Viele Ökonomen glauben, dass der Welt ein ähnliches Schicksal droht, falls die Euro-Rettung scheitert. "Ohne Einigung auf mehr Schlagkraft für den EFSF könnte die Reaktion der verschreckten Sparer und Anleger am Markt das blanke Chaos auslösen", sagt Ökonom Schmieding. "Die Wirtschaft könnte in eine noch tiefere Rezession stürzen."
Die Gefahr dräut diesmal von zwei Seiten: Den Banken droht ein ähnlicher Schock wie 2008 - zusätzlich sind aber auch die überschuldeten Länder gefährdet. Gelingt es den Euro-Staaten nicht, glaubhaft zu machen, dass sie im Notfall auch Spanien oder Italien retten werden, könnten die Investoren das Vertrauen in diese Länder verlieren und deren Staatsanleihen abstoßen.
Dies könnte der Beginn einer ganz großen Krise sein. Europa würde eine ganze Reihe von Staatspleiten drohen. Die Existenz des Euro wäre hochgradig gefährdet - und mit ihr der wirtschaftliche Wohlstand in Europa.
Szenario 2: Die EZB als Retter
Sollten die anstehenden Gipfel wirklich kein Ergebnis bringen, ist das Schock-Szenario eigentlich nur noch durch die Europäische Zentralbank (EZB) zu verhindern. Sie kann sowohl die Banken eine Weile am Leben erhalten als auch die übrigen Euro-Staaten vor einer Ansteckung schützen - wenn sie nur will. Ihr Vorteil: Als Notenbank hat sie so viel Geld zur Verfügung wie sie möchte, sie kann es schließlich selbst drucken.
Volkswirt Schmieding plädiert seit langem für eine stärkere Rolle der Zentralbank in der Krise. "Die EZB muss den Banken Liquidität zur Verfügung stellen, um deren Geldversorgung zu sichern", sagt er. Das tut die Notenbank bereits jetzt. Seit Monaten leiht sie den Instituten billiges Geld in praktisch unbegrenztem Ausmaß. Scheitern die Rettungsgipfel, müsste sie diese Hilfe wohl noch ausweiten - und über einen längeren Zeitraum beibehalten.
Auch das zweite Problem, die Ansteckungsgefahren für andere Euro-Länder, könnte die EZB in den Griff bekommen - mit einem großangelegten Ankaufprogramm für Staatsanleihen. Das gibt es zwar bereits. Doch Kritiker werfen der EZB vor, dabei zu zaghaft vorzugehen - vor allem bei der Kommunikation. Die Zentralbank hat Staatsanleihen gefährdeter Euro-Länder im Volumen von mehr als 160 Milliarden Euro am Markt aufgekauft.
Schmieding ist sich sicher: "Wenn die EZB ein klares Signal senden würde, dass sie solvente Staaten vor Ansteckungsgefahren schützen, würden die Investoren schlagartig wieder Vertrauen gewinnen." Doch die Zentralbank fürchtet die Rolle als Retter. Vor allem die deutschen Vertreter im Führungsgremium, dem EZB-Rat, pochen auf die Unabhängigkeit der Zentralbank und wollen sich nicht von der Politik vereinnahmen lassen. Die EZB solle sich auf ihre Kernaufgabe beschränken, die Preise stabil zu halten und nicht in die Staatsfinanzierung einsteigen, fordern sie.
Deshalb hoffen gerade die Notenbanker auf den Erfolg der EU-Gipfel. Sie wollen die Anleihenkäufe schnellstmöglich beenden und die Rettung ansteckungsgefährdeter Staaten dem EFSF überlassen. Doch wenn dessen Schlagkraft nicht erhöht wird, könnte er schnell an seine Grenzen stoßen.
Sollten die Euro-Staaten in den kommenden Tagen keine Lösung finden, werden alle Beteiligten auf die EZB schauen: Die Notenbanker werden sich dann entscheiden müssen, ob sie als Retter einspringen oder den Schock auf die Wirtschaft durchschlagen lassen.