Thomas Fricke

Kritik an Corona-Politik Der Druck aus der Nölerecke

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
35, 50, 100 – was die Regierenden machen, wirkt wirr. Das könnte aber auch daran liegen, dass viele Kritiker noch viel wirrer und zu viel reden. Dabei sollte uns die Pandemie Demut lehren.
Demonstration gegen Corona-Auflagen in München (im Februar)

Demonstration gegen Corona-Auflagen in München (im Februar)

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Leonhard Simon / imago images

Um eins vorwegzunehmen: Es ist schwer fassbar, dass es in Deutschland nicht gelingt, die Menschen in so einer Not schneller zu impfen. Es ist irre, dass wir nicht schon viel mehr testen. Und es wirkt natürlich auch wirr, wenn unsere Corona-Krisenmanager mal diesen und mal jenen Inzidenzwert als Richtwert ausgeben.

Mindestens ebenso irre klingt nach einem Jahr Pandemie nur mittlerweile auch so manches, was in Endlosschleifen an Kritik im Land vorgetragen wird – gerade von denen, die gern von der Seitenlinie dozieren, was »die Menschen im Land« (angeblich) wollen. Das möchte ich gern selbst entscheiden (ich will auch grundsätzlich nicht, dass Herr Habeck befindet, ob ich durch die Regierung »alleingelassen« werde).

Wer weiß, vielleicht wirkt vieles, was Frau Merkel und die anderen seit Monaten so machen, ja gerade deshalb so wirr – weil sie versuchen, der Achterbahn-Kritik irgendwie zu folgen. Statt die Pandemie zu beenden.

Als uns Virologen und Epidemiologen vergangenes Jahr erklärten, dass in einer Pandemie halt unterschiedliche Kriterien vom R-Wert bis zur Inzidenz zu berücksichtigen sind, hieß es aus der Nölerecke bald: Das Volk brauche aber klare Anhaltspunkte. Das könne ja keiner mehr nachvollziehen. Worauf Frau Merkel und Anhang den 50er-Inzidenzwert aushängten.

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Mittlerweile erregt sich jeder Kreisblatt-Chefredakteur, wie dumm es ist, alles »sklavisch« an einen Inzidenzwert zu binden; dafür gebe es ja keinen wissenschaftlichen Beleg – was auch niemand gesagt hat und in den Runden mit der Kanzlerin sicher auch nicht so läuft. Nur dass es kürzlich noch hieß, man müsse doch einen klareren Richtwert haben.

Und dann geht der auch noch von 50 auf 35. Willkür! Auch hier als Kritik ein bisschen wohlfeil: Es gab ja plötzlich Mutationen – und einen Grund, die Marke neu zu setzen. Der britische Ökonom John Maynard Keynes soll in so einer Situation mal gekontert haben: »Wenn die Fakten sich ändern, ändere ich meine Meinung. Was machen Sie?«

Arg instabil wirkt so manche Kritik auch, wenn es um die richtigen Maßnahmen geht. Ähnliches Pingpong: Erst hieß es, die Regierenden müssten strikte Maßnahmen ohne große Ausnahmen machen. Als sie daraufhin einen mehr oder weniger konsequenten Shutdown machten, kamen die Ersten, die meinten, so ein Shutdown sei ja viel zu undifferenziert. Da müsse man doch gucken, welche Regionen wie betroffen seien und Bettenzahlen und überhaupt einbeziehen.

Was dann auch wieder nicht richtig ist, wenn es wie diese Woche Pläne mit etlichen abgestuften Regeln gibt: Dann heißt es, das sei jetzt aber viel zu kompliziert, das verstehe doch kein Mensch, warum jetzt die Fahrschulen früher öffnen dürfen – und Zoos. Und andere Geschäfte ab diesem oder jenem Inzidenzwert. Das ist Klamauk-Kritik. Auch für die Maßnahmen gibt es eben keine wissenschaftlich scharfen Kriterien, wie wir Deutschen das gern haben. Es kann immer nur ein Versuch sein, sich anzunähern, an die Virus-Lage anzupassen, und das geht nicht ohne ein Stück Willkür.

Da bekommt dann auch so mancher internationale Vergleich etwas Schein-schlaues. Was hilft es, die Österreicher hochzuloben, weil sie schneller mit Schnelltests gekommen sind – als Voraussetzung für öffentliche Kontakte und in Schulen – wenn in dem Land seit den Lockerungen die Inzidenzzahlen wieder drastisch hochgehen, während sie bei uns stabil blieben? Das spricht nicht gegen Testen, nur taugt Österreichs Kurs dann nicht als Modell. Das gilt selbst für Israel nur bedingt, wo die Inzidenz trotz Turboimpfung bei 400 liegt.

Das Virus hat kein Herz fürs Unternehmertum

Selbst die berechtigte Kritik an der Kniepigkeit bei der Beschaffung von Impfstoffen gewinnt etwas Absurdes – wenn sie von Leuten kommt, die am nächsten Tag den nationalen Schulden-Panikfall ausrufen, weil irgendwer gesagt hat, man könnte gegebenenfalls mal erwägen, die Schuldenbremse auch 2022 noch auszusetzen.

Es hat etwas Tragikomisches, wenn hiesige Wirtschaftsvertreter in einer globalen Gesundheitskrise vor sich hin schimpfen, es müsse nun mal einen verlässlichen Öffnungsplan geben, weil die Unternehmen Planungssicherheit bräuchten. Zu Befehl, Virus. Wie hohl das als Wunsch ist, zeigt sich jetzt, wo es so einen konkreteren Plan gibt  – es aber auch nicht viel hilft, da alle Öffnungen unter den (vernünftigen) Vorbehalt gestellt sind, dass nicht zwischendurch die dritte Welle eskaliert. So viel zur Planungssicherheit in Epidemiezeiten. Das Virus hat einfach kein Herz fürs Unternehmertum.

Und die Bürokratie? Ginge das Impfen nicht ohne so viele Zettel schneller? Sicher. Die Kritik läuft nur in einem Land ein bisschen auch ins Leere, in dem sich bis zu einem Drittel der Leute aus diffuser Angst vor den Nebeneffekten nicht impfen lassen wollen – und schon die unglückliche Kommunikation zur Wirksamkeit eines Impfstoffs ausreicht, um die Impfbereitschaft für diesen Stoff kollabieren und Millionen Dosen ungenutzt herumliegen zu lassen. Wenn in Deutschland nicht alles sofort gespritzt wurde, dann ja auch, um die Leute über Formulare zu beruhigen, dass da nicht irgendwas gespritzt wird. Macht es nicht besser. Nur mag der Deutsche eben ganz gern Dinge, auf denen der Amtsstempel steht.

Noch einmal: Das alles heißt nicht, dass Kanzlerin und Ministerpräsidenten alles top machen. Im Gegenteil. Da steckt viel Irrsinn drin. Und erstaunlich wenig Konsequenz. Das Impfdesaster ist eins. Nur könnte all das auch ein Stück daher kommen, dass sie immer auch dem gerecht werden wollen, was im Land so kreuz- und quer-kritisiert wird – mal zu viel Inzidenz, mal zu wenig; mal zu viel Lockdown, mal zu wenig. Was eben oft mindestens so durcheinander ist, wie das, was dann logischerweise beim Regieren herauskommt. Und sei's, weil die Dauerkrise uns alle leicht kirre macht.

Es wäre vermessen, jetzt zu behaupten, wie's geht. Pandemie lehrt Demut. Nach Stand der Dinge liegt nur dreierlei nahe: dass kein Geld und keine Mühe zu viel sind, jetzt die Impfungen mit seriös wirksamen Impfstoffen in einem großen nationalen Akt zu beschleunigen; und so schnell wie möglich überall Schnelltests anzubieten; und notfalls doch immer auch auf möglichst strikte Kontaktbeschränkungen zu setzen, solange nicht genügend Leute im Land immun sind.

Eine Pandemie ist halt eine Pandemie.

Wenn es eine Erkenntnis aus dieser Krise gibt, dann sicher nicht die, dass unsere Regierenden per se zu blöd sind (müßig), zu lange oder zu kurz an der 35 festhalten – oder Blumenläden zu früh öffnen. Oder dass Kritik nie schadet. Die tiefere Lehre wird eher sein, dass es höchste Zeit wird, unseren Staat zu modernisieren und auszustatten, wie es sich für ein so reiches Land im 21. Jahrhundert gehört. Egal, wie viel das kostet. Das könnte helfen, aus der jetzigen Krise schneller noch herauszukommen – übers Turbo-Impfen und Schnell-Testen. Es könnte uns auch vor der nächsten schützen.

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