Kritik an Exportstärke Deutsche Wirtschaft nennt US-Tadel völligen Unsinn

"Nicht nachvollziehbar" und "völliger Unsinn": Bundesregierung und Wirtschaftsverbände wehren sich mit drastischen Worten gegen die Kritik der USA an der Exportstärke Deutschlands. Bei SPD und gewerkschaftsnahen Forschern stoßen die Vorwürfe jedoch teilweise auf Verständnis.
Exporthafen in Emden: "Die Kritik ist nicht nachvollziehbar"

Exporthafen in Emden: "Die Kritik ist nicht nachvollziehbar"

Foto: Christian Charisius/ REUTERS

Berlin/Washington - Die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände haben die harsche Kritik der US-Regierung an Deutschlands Exportstärke zurückgewiesen. "Die Kritik ist nicht nachvollziehbar", teilte das Bundeswirtschaftsministerium mit. Die Handelsüberschüsse Deutschlands seien Ausdruck der starken Wettbewerbsfähigkeit. Überdies sei inzwischen auch die Binnenwirtschaft Wachstumsmotor für die Bundesrepublik.

Auch die Vertreter von Exportbranchen äußerten sich mit deutlichen Worten. Die Vorwürfe der USA seien "völliger Unsinn", sagte Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauer-Branchenverbands VDMA, SPIEGEL ONLINE. Vielmehr sei die deutsche Wirtschaft ein Fundament, "auf dem die wirtschaftliche Stabilität Europas steht". Ohne deren Stärke würde ganz Europa vermutlich in eine Wirtschaftskrise schlittern.

In seinem halbjährlichen Währungsbericht (hier im PDF-Format ) hatte das US-Finanzministerium Deutschland vorgeworfen, seinen wirtschaftlichen Erfolg mit hohen Exportüberschüssen auf Kosten seiner Partner in der Welt zu sichern. Die Bundesrepublik tue zu wenig für den privaten Konsum und die Investitionen im Inland und damit auch zu wenig für das globale Wachstum. Und das geschehe noch in Zeiten, in denen Euro-Länder mit massiven Problemen kämpften.

"Wir haben deshalb Überschüsse, weil wir gut sind"

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) reagierte befremdet: "Die Exportstärke Deutschlands ist das Ergebnis von innovativen Produkten, die in der ganzen Welt beliebt sind und gekauft werden", sagte Stefan Mair, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung, SPIEGEL ONLINE. Außerdem profitiere auch die Industrie in anderen Euro-Staaten von den deutschen Exporterfolgen.

Politiker der Unionsparteien wiesen die Kritik aus Washington ebenfalls klar zurück. Er könne die Vorschläge, Deutschland solle beim Export auf die Bremse treten, "auf gar keine Weise nachvollziehen", sagte Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter (CDU). Diejenigen Staaten, die Ungleichgewichte beklagen, müssten wettbewerbsfähiger werden und so ihren Beitrag zur weltwirtschaftlichen Entwicklung leisten. Die frühere CSU-Agrarministerin Ilse Aigner sagte, die hohe Exportfähigkeit sei auch für viele Arbeitsplätze wichtig.

Außenhandelspräsident Anton Börner sagte, er sehe in der US-Kritik ein taktisches Manöver mit Blick auf die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen. Nachvollziehen könne er sie nicht im Geringsten. Im Übrigen gelte: "Wir haben deshalb Überschüsse, weil wir so gut sind", sagte der Chef des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA).

"Wir erzeugen damit Scheinvermögen"

Bei SPD-Politikern und gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschern stießen die Vorwürfe aus Washington jedoch zumindest teilweise auf Verständnis. "Die Aufgabe, die wir national wahrnehmen müssen, ist die Binnennachfrage in Deutschland zu stärken", sagte der SPD-Politiker Hubertus Heil. Das bedeute auch eine angemessene Lohnentwicklung. Zudem müsse für mehr Investitionen im Inland gesorgt werden. Das ändere aber nichts daran, sagte Heil, dass man eine hohe Wettbewerbsfähigkeit für deutsche Produkte und Dienste halten wolle und müsse, um in der Welt erfolgreich zu sein.

Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sagte, die Kritik sei "absolut gerechtfertigt". Deutschland schade sich mit dieser Politik letztlich nur selbst. Ein Großteil der Überschüsse lande über den Kapitalexport im Ausland. "Wir erzeugen damit ein Scheinvermögen." Wegen der Euro-Krise sei in den vergangenen Jahren bereits ein Fünftel der deutschen Auslandsanlagen verlorengegangen.

Laut dem Ifo-Institut dürfte Deutschland in diesem Jahr erneut einen Rekordhandelsüberschuss von rund 200 Milliarden Euro erzielen. Im ersten Halbjahr sei der Überschuss auf 96 Milliarden Euro gestiegen, das entspreche einem Anteil von 7,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Bereits 2011 und 2012 hatte Deutschland die höchsten Exportüberschüsse weltweit erzielt.

fdi/Reuters/dpa