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14. September 2010, 12:45 Uhr

Kritik von Verbraucherschützern

Deutsche Banken kassieren satte Dispozinsen

Sanieren sich die Banken auf Kosten der Verbraucher? Trotz historisch niedriger Leitzinsen verlangen viele Institute immer noch extrem hohe Dispozinsen. Bis zu 17 Prozent müssen Kunden zahlen, die ihr Konto überziehen. Ein neues Gesetz könnte die Situation verschärfen.

Berlin - Kleine und regionale Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken kassieren oft besonders hohe Dispozinsen. Im Schnitt liegen diese 0,5 Prozentpunkte höher als bei den überregionalen Banken. Das berichtet die Stiftung Warentest in Berlin in der aktuellen Ausgabe ihrer Zeitschrift "Finanztest".

Die Tester untersuchten die Zinsen für Dispokredite von 992 Banken; 21 Institute verlangten am Stichtag 1. August 2010 dafür Zinsen in Höhe von 14 Prozent und mehr. Am günstigsten war eine Direktbank mit einem Zinssatz von 6,0 Prozent. Danach folgte eine weitere Direktbank mit einem Zinssatz von 6,95 Prozent.

14,95 Prozent ermittelten die Tester bei einer kleineren Raiffeisenbank, aber auch 16,98 Prozent bei einer großen Bank. Obwohl die Leitzinsen - also der Zins, zu dem sich die Banken Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen können - seit Mai 2009 bei einem Prozent liegen, sind die Dispozinsen damit hoch geblieben. Die Banken geben die Leitzinssenkung nicht an ihre Kunden weiter, lautet das Fazit der Finanztester.

In Deutschland steht den Angaben nach etwa jeder sechste Bankkunde mit seinem Konto im Minus. Laut Bundesbank summieren sich die Überziehungskredite auf 41,6 Milliarden Euro, ein Großteil davon läuft über Dispokredite. Gemessen an dieser Summe kostet jeder Prozentpunkt an Zinsen, den die Banken kassieren, die Bankkunden 416 Millionen Euro im Jahr. Wird dann auch noch der Dispo überzogen, verlangen einige Institute 20 Prozent und mehr.

Verbraucherschützer kritisieren Banken

Zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Stiftung Warentest kommt auch eine Untersuchung im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion, die am Montag veröffentlicht wurde. Für das Überziehen des Kontos müssen Kunden danach mindestens 7,99 Prozent und teils bis zu 17 Prozent zahlen, wie eine Stichprobe bei 33 Geldinstituten ergab. Angemessen wären angesichts eines Leitzinses von derzeit 1,0 Prozent für die Geldbeschaffung bei der Europäischen Zentralbank (EZB) höchstens 6,0 Prozent, monierten die Grünen.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ermahnte die Branche, Zinssenkungen auch an die Kunden weiterzugeben. "Banken dürfen sich nicht auf Kosten der Verbraucher sanieren", sagte Aigner. Die Institute könnten nicht einerseits die Vorteile der erheblichen Zinssenkungen einkassieren, andererseits aber die Kunden mit teuren Dispokrediten im Regen stehen lassen. Zinsen von bis zu 17 Prozent seien nicht begründbar. Die Banken sollten ihre Zinspolitik überdenken und sich dabei fair verhalten.

Referenzzins mit Turboeffekt

Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn kritisierte: "Mit den Dispozinsen wird seit Jahren das große Geld gemacht." Während die Institute die Sparzinsen sehr schnell an das niedrige Leitzinsniveau angepasst hätten, würden Sätze für Dispo- und Überziehungszinsen hochgehalten. Die Grünen forderten eine kartellrechtliche Prüfung der Praktiken.

Womöglich wird sich das Problem aber noch verschärfen. Denn im Juli hat der Bundestag die Verbraucherkreditrichtlinie der Europäischen Union in deutsches Recht gegossen. Die Banken müssen nun für ihre Dispozinsen einen Referenzzins nennen - etwa den Leitzins der EZB. Die Idee: Nur wenn der Referenzzins steigt, darf auch der Dispozins nach oben klettern. Die Banken können also nicht mehr willkürlich an der Zinsschraube drehen.

Doch wie der Leitzins sind auch viele andere der gängigen Referenzzinsen derzeit im Keller. Ausgerechnet jetzt bestimmen die Banken den Abstand zwischen Dispozinssatz und Referenzwert. Bankkunden drohen so noch höhere Zinsen. Denn steigen die Referenzwerte aus ihrem Tief, dürfen auch die Dispozinssätze steigen.

mik/dpa

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