Kritik von Verbraucherschützern Deutsche Banken kassieren satte Dispozinsen

Sanieren sich die Banken auf Kosten der Verbraucher? Trotz historisch niedriger Leitzinsen verlangen viele Institute immer noch extrem hohe Dispozinsen. Bis zu 17 Prozent müssen Kunden zahlen, die ihr Konto überziehen. Ein neues Gesetz könnte die Situation verschärfen.

Banken in Frankfurt am Main: Leitzinssenkung wird Kunden vorenthalten
dapd

Banken in Frankfurt am Main: Leitzinssenkung wird Kunden vorenthalten


Berlin - Kleine und regionale Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken kassieren oft besonders hohe Dispozinsen. Im Schnitt liegen diese 0,5 Prozentpunkte höher als bei den überregionalen Banken. Das berichtet die Stiftung Warentest in Berlin in der aktuellen Ausgabe ihrer Zeitschrift "Finanztest".

Die Tester untersuchten die Zinsen für Dispokredite von 992 Banken; 21 Institute verlangten am Stichtag 1. August 2010 dafür Zinsen in Höhe von 14 Prozent und mehr. Am günstigsten war eine Direktbank mit einem Zinssatz von 6,0 Prozent. Danach folgte eine weitere Direktbank mit einem Zinssatz von 6,95 Prozent.

14,95 Prozent ermittelten die Tester bei einer kleineren Raiffeisenbank, aber auch 16,98 Prozent bei einer großen Bank. Obwohl die Leitzinsen - also der Zins, zu dem sich die Banken Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen können - seit Mai 2009 bei einem Prozent liegen, sind die Dispozinsen damit hoch geblieben. Die Banken geben die Leitzinssenkung nicht an ihre Kunden weiter, lautet das Fazit der Finanztester.

In Deutschland steht den Angaben nach etwa jeder sechste Bankkunde mit seinem Konto im Minus. Laut Bundesbank summieren sich die Überziehungskredite auf 41,6 Milliarden Euro, ein Großteil davon läuft über Dispokredite. Gemessen an dieser Summe kostet jeder Prozentpunkt an Zinsen, den die Banken kassieren, die Bankkunden 416 Millionen Euro im Jahr. Wird dann auch noch der Dispo überzogen, verlangen einige Institute 20 Prozent und mehr.

Verbraucherschützer kritisieren Banken

Zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Stiftung Warentest kommt auch eine Untersuchung im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion, die am Montag veröffentlicht wurde. Für das Überziehen des Kontos müssen Kunden danach mindestens 7,99 Prozent und teils bis zu 17 Prozent zahlen, wie eine Stichprobe bei 33 Geldinstituten ergab. Angemessen wären angesichts eines Leitzinses von derzeit 1,0 Prozent für die Geldbeschaffung bei der Europäischen Zentralbank (EZB) höchstens 6,0 Prozent, monierten die Grünen.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ermahnte die Branche, Zinssenkungen auch an die Kunden weiterzugeben. "Banken dürfen sich nicht auf Kosten der Verbraucher sanieren", sagte Aigner. Die Institute könnten nicht einerseits die Vorteile der erheblichen Zinssenkungen einkassieren, andererseits aber die Kunden mit teuren Dispokrediten im Regen stehen lassen. Zinsen von bis zu 17 Prozent seien nicht begründbar. Die Banken sollten ihre Zinspolitik überdenken und sich dabei fair verhalten.

Referenzzins mit Turboeffekt

Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn kritisierte: "Mit den Dispozinsen wird seit Jahren das große Geld gemacht." Während die Institute die Sparzinsen sehr schnell an das niedrige Leitzinsniveau angepasst hätten, würden Sätze für Dispo- und Überziehungszinsen hochgehalten. Die Grünen forderten eine kartellrechtliche Prüfung der Praktiken.

Womöglich wird sich das Problem aber noch verschärfen. Denn im Juli hat der Bundestag die Verbraucherkreditrichtlinie der Europäischen Union in deutsches Recht gegossen. Die Banken müssen nun für ihre Dispozinsen einen Referenzzins nennen - etwa den Leitzins der EZB. Die Idee: Nur wenn der Referenzzins steigt, darf auch der Dispozins nach oben klettern. Die Banken können also nicht mehr willkürlich an der Zinsschraube drehen.

Doch wie der Leitzins sind auch viele andere der gängigen Referenzzinsen derzeit im Keller. Ausgerechnet jetzt bestimmen die Banken den Abstand zwischen Dispozinssatz und Referenzwert. Bankkunden drohen so noch höhere Zinsen. Denn steigen die Referenzwerte aus ihrem Tief, dürfen auch die Dispozinssätze steigen.

Finanztest (Stiftung Warentest)
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Corbis
Bankkunden ahnen oft nicht, wie viel Banken für die Über­ziehung des Giro­kontos kassieren. Finanz­test hat eine Übersicht mit Dispo­zins­sätzen von fast 1000 Banken erstellt.
Ergebnis: Die aller­meisten Banken verlangen trotz historisch niedrigem Zins­niveau 11 Prozent und mehr. Ein neues Gesetz könnte die Dispo­zinsen weiter steigen lassen.

Dispositionskredite im Test: Alle Ergebnisse
Tipps
Dispositionskredit. Überziehen Sie Ihr Girokonto nie für längere Zeit, denn kein Kredit ist so teuer wie der Dispo. Sprechen Sie mir Ihrer Bank, wenn Sie Ihr Konto weit überzogen haben. Manchmal können Sie den Dispokredit in einen Ratenkredit umwandeln – mit geringeren Zinsen.

Alternativen suchen. Häufig ist ein Abrufkredit günstiger. Die Bank gewährt Ihnen einen Kreditrahmen, den Sie beliebig ausschöpfen können. Genau wie beim Dispokredit sind die Zinsen variabel. Ähnlich günstig ist der Ratenkredit. Laufzeit, Zins und monatliche Rückzahlung stehen von vornherein fest. Abruf- und Ratenkredite können Sie bei jeder Bank beantragen.

Schuldenfalle vermeiden. Lassen Sie vom Dispo die Finger, wenn Sie bereits verschuldet sind. Nehmen die Schulden überhand, greift die Bank mitunter auf Ihren Zahlungseingang zu – ob Ihnen dann noch genug zum Leben bleibt, ist oft ungewiss. Auch der gewährte Disporahmen ist keineswegs sicher, die Bank kann ihn kürzen oder ganz streichen.

Kontrolle behalten. Eröffnen Sie ein Konto bei einer anderen Bank, wenn die Schulden drücken und Sie den Konflikt mit der Bank fürchten. So behalten Sie die Kontrolle über Ihren Zahlungseingang und können erst das Lebensnotwendige finanzieren. Außerdem stehen Sie nicht ohne Konto dar, wenn Ihnen die Bank im Streitfall kündigt.

Neues Konto. Ein Kontowechsel kann auch sinnvoll sein, wenn Sie bewusst ab und an auf den Dispokredit zugreifen möchten und Ihre Bank zu denen gehört, die am oberen Ende der Zinsskala liegen. Es gibt günstige Alternativen. Der Kontowechsel ist allerdings nicht ganz einfach.
Ergebnisse kompakt
Tabelle: Zinsen für Dispositionskredite im Überblick (die Tabelle zeigt eine Auswahl aus fast 1000 Banken)

mik/dpa

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Realist, 14.09.2010
1. ..
Gewinne werden privatisiert. Schulden werden sozialisiert. Mehr muss man nicht dazu sagen.
mexi42 14.09.2010
2. Und alle ...
Regierungen schauen tatenlos zu ...
sic tacuisses 14.09.2010
3. Auch das gehört zur Umverteilung von unten nach oben.
Zitat von sysopSanieren sich die Banken auf Kosten der Verbraucher? Trotz historisch niedriger Leitzinsen verlangen viele Institute immer noch extrem hohe Dispozinsen. Bis zu 17 Prozent müssen Kunden zahlen, die ihr Konto überziehen. Ein neues Gesetz könnte die Situation verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,717410,00.html
Haste nix biste nix haste wat biste wat war schon bei Kaisers so.
teenriot 14.09.2010
4. .,-
Vielleicht sollte man die staatlichen Bürgschaften ebenfalls verzinsen und an die Dispo-Zinsen koppeln.
idealist100 14.09.2010
5. Wer hätte
Zitat von sysopSanieren sich die Banken auf Kosten der Verbraucher? Trotz historisch niedriger Leitzinsen verlangen viele Institute immer noch extrem hohe Dispozinsen. Bis zu 17 Prozent müssen Kunden zahlen, die ihr Konto überziehen. Ein neues Gesetz könnte die Situation verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,717410,00.html
Wer hätte anderes erwartet. Die Zockerei muss doch irgendeiner bezahlen. Also der Handwerksmeister wg. ausstehender Rechnungen, die Mittelschicht Dispo für ihr Unternehmen brauchen und natürlich an erster Stelle die Minimalverdiener bei denen zum Monatsende die Kohle ausgeht. Um meine 6.-€ Kontoführung / Monat zu minimieren muss ich mind. 1000.-€ durchschnittlich / Monat auf dem Girokonto haben. Wie war das noch einmal vor X Jahren. Girokonto einrichten zur Gehaltszahlung, war ja umsonst, bis uns die Banken in den Krallen hatten, danach wurde abkassiert.
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