Massentötung Das müssen Sie zum Streit über das Kükenschreddern wissen

Fast 50 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland getötet. Das verstößt nicht gegen das Tierschutzgesetz, urteilten jetzt erneut Richter. Die wichtigsten Antworten zum Thema.
Hühnerküken

Hühnerküken

Foto: Philipp Schulze/ picture alliance / dpa

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland schätzungsweise 48 Millionen männliche Küken getötet. Die rot-grüne NRW-Landesregierung wollte das per Erlass verbieten. Doch in zweiter Instanz urteilte das Oberverwaltungsgericht Münster jetzt, das Töten verstoße nicht gegen das Tierschutzgesetz.

Die wichtigsten Antworten zum Thema:

Worum geht es in dem Streit?

Im Kern dreht sich die juristische Auseinandersetzung um die Frage, ob wirtschaftliche Interessen von Betrieben, die ihr Geld mit dem Ausbrüten von Küken verdienen, über oder unter dem Tierschutz angesiedelt sind. Männliche Küken sind für Züchter nahezu wertlos, da sie später keine Eier legen und auch nicht viel Fleisch ansetzen. Das Geschlecht erkennen die Kükenbrütereien aber erst nach dem Schlüpfen. Männliche Küken von Legehuhnrassen werden deshalb als Eintagesküken getötet.

Wie begründet das Gericht das Urteil?

In dem verhandelten Fall müssten "ethische Gesichtspunkte des Tierschutzes und menschliche Nutzungsinteressen" gegeneinander abgewogen werden, betonte das OVG - ohne dass einem der Belange ein strikter Vorrang zukomme. Die Aufzucht männlicher Küken der Legelinien stehe im Widerspruch zum erreichten Stand der Hühnerzucht und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, hoben die Richter hervor. Technische Verfahren, um nur noch Eier mit weiblicher DNA auszubrüten, seien noch nicht praxistauglich. Zudem sei die Aufzucht der ausgebrüteten männlichen Küken aus einer Legehennenrasse für die Brütereien mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden. Eine an wirtschaftlichen Aspekten ausgerichtete Gestaltung dieser Verfahren sei für die Brütereien als Erzeuger der Küken unvermeidbar. Die Tötung der Küken sei "Teil der Verfahren zur Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Fleisch".

Gibt es Alternativen?

Ende 2016 soll ein Forschungsprojekt in Leipzig und Dresden abgeschlossen sein, bei dem ein Gerät mit Lasertechnologie ein kleines Loch in das drei Tage bebrütete Ei fräst und dann das Geschlecht des Embryos bestimmt. Anschließend muss das Ei wieder verklebt werden. Diese Schritte dürfen zusammen nur wenige Sekunden dauern. 2017 soll die Methode anwendungsreif sein. Die Bundesregierung hat mehr als drei Millionen Euro in das Forschungsprojekt gesteckt.

Was fordern Tierschützer?

Der Deutsche Tierschutzbund will langfristig eine Abkehr vom bisherigen System. Gelingen soll sie etwa durch die Zucht von sogenannten Zweinutzungshühnern, die als Eier- und Fleischproduzenten eingesetzt werden können.

Gibt es weitere juristische Möglichkeiten, das Kükentöten anzugreifen?

Tierschützer zeigen Kükenbrütereien immer wieder an und berufen sich dabei auf das Tierschutzgesetz. Zuletzt reagierte die Staatsanwaltschaft in Münster auf eine solche Anzeige und erhob Anklage vor dem Landgericht. Die Klage wurde aber abgewiesen.

Begründung: Zwar sehe das Tierschutzgesetz eine Strafe vor, wenn Tiere ohne vernünftigen Grund getötet würden. Dem stehe aber die Tierschutz­schlachtverordnung aus dem Jahr 2012 entgegen. Dieser Erlass regele die zulässigen Tötungsformen für Eintagsküken. Außerdem liegt nach Ansicht des Gerichts ein vernünftiger Grund für die Tötung vor.

Was passiert mit den getöteten Tieren?

Zum Teil landen die geschredderten oder vergasten männlichen Küken auf dem Müll. Ein kleiner Teil wird als Tierfutter genutzt.

Kann man noch mit gutem Gewissen Eier essen?

Mittlerweile gibt es Initiativen von Haltern, die auch männliche Küken aufziehen oder Eier von sogenannten Zweitnutzungshühnern verkaufen. Üblicherweise bekommt man diese aber nicht im Supermarkt, sondern in speziellen Bio- und Naturkostläden oder im Hofverkauf. Zu den Initiativen zählen die Bruderhahn-Initiative, das Haehnleinprojekt oder die Initiative "Ei care".

brt/dpa
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