Ländervergleich Berlin ist Deutschlands Armutshauptstadt

Jeder fünfte Berliner bekommt staatliche Unterstützung - aber nur jeder zwanzigste Bayer: Einer neuen Studie zufolge ist die Gefahr des sozialen Abstiegs nirgends so groß wie in der deutschen Hauptstadt. Bei Beschäftigung, Einkommen und Sicherheit steht sie ganz unten im Länderranking.

Obdachloser in Berlin: Hohes Armutsrisiko in der Hauptstadt
DPA

Obdachloser in Berlin: Hohes Armutsrisiko in der Hauptstadt


Gütersloh - Das Armutsrisiko ist in Deutschland nirgendwo größer als in Berlin. Das geht aus einem am Montag von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Ländervergleich hervor. Die Studie "Bundesländer im Standortwettbewerb 2010" zeigt, dass jeder fünfte Einwohner der Bundeshauptstadt staatliche Unterstützung erhält.

Zum Vergleich: In Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ist nur rund jeder Zwanzigste darauf angewiesen (siehe Tabelle). Eher selten auf staatliche Hilfe angewiesen sind die Einwohner im Süden, im Mittelfeld liegen Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen - deutlich schlechter schneiden die östlichen Bundesländer ab:

Empfänger von staatlicher Hilfe pro 1000 Einwohner*

Bayern 51,4
Baden-Württemberg 54,3
Rheinland-Pfalz 72,6
Hessen 86,7
Saarland 94,5
Deutschland-Durchschnitt 98,0
Niedersachsen 98,7
Schleswig-Holstein 101,6
Nordrhein-Westfalen 104,9
Thüringen 124,5
Hamburg 133,0
Sachsen 139,4
Brandenburg 143,2
Sachsen-Anhalt 165,2
Bremen 168,3
Mecklenburg-Vorpommern 173,2
Berlin 196,6

*Empfänger von Arbeitslosengeld II, Grundsicherung, Sozialgeld/-hilfe je 1000 Einwohner

"Das Risiko, auf Unterstützung vom Staat angewiesen zu sein, wird insbesondere durch die sozialen Strukturen sowie die Möglichkeiten sozialer Mobilität bestimmt", sagte Gunter Thielen, Vorsitzender der Bertelsmann-Stiftung und Aufsichtsratschef der Bertelsmann AG. "Beide Faktoren können die Bundesländer durch gezielte Familien-, Regional-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik sowie die allgemeine Wirtschaftspolitik beeinflussen."

Die Bertelsmann-Analyse basiert auf Daten aus den Jahren 2006 bis 2008. Um die Standortqualität in den einzelnen Bundesländern zu messen und zu vergleichen, untersuchte eine Expertengruppe die Erfolge und Aktivitäten der Bundesländer in Bezug auf:

  • Einkommen (BIP pro Kopf, Wirtschaftswachstum)
  • Beschäftigung (Erwerbstätige, Arbeitslosenquote)
  • Sicherheit (unter anderem Anteil nicht aufgeklärter Straftaten je 100 Einwohner)

Deutschlands Süden scheint diese Herausforderungen besser zu meistern als der Norden - siehe Grafiken:

Fotostrecke

4  Bilder
Ländervergleich: Einkommen, Beschäftigung, Sicherheit

Eine Ursache für die großen regionalen Unterschiede ist laut Bertelsmann-Stiftung, dass es in den neuen Bundesländern einen hohen Anteil junger Alleinerziehender gibt. Diese seien tendenziell eher von Armut bedroht als Paare. Dabei schwankt der Anteil junger Alleinerziehender in den westdeutschen Flächenländern zwischen 16,6 Prozent in Baden-Württemberg und 22,3 Prozent im Saarland. In den neuen Bundesländern müssen dagegen durchschnittlich 35 Prozent der unter 20-jährigen Eltern ihre Kinder ohne Partner aufziehen.

Hinzu komme die schwierigere Arbeitsmarktsituation im Osten. "Insgesamt zeigt sich, dass der Aufholprozess in den neuen Bundesländern nur sehr schleppend vorangeht", schreiben die Forscher.

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland war 2009 mit minus fünf Prozent so stark eingebrochen wie nie zuvor seit Gründung der Bundesrepublik. Studien zufolge war Ostdeutschland nicht so stark von der Rezession betroffen, weil die Wirtschaft weniger von Exporten abhängig ist. Die Arbeitslosigkeit sank sogar - liegt aber immer noch deutlich höher als in vielen westdeutschen Ländern.

Die erfolgreichsten Länder bei der Beschäftigung sind Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg. Die fünf ostdeutschen Bundesländer und Berlin liegen wie seit Jahren in der Schlussgruppe.

Wird das Einkommen nach Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und Wirtschaftswachstum beurteilt, sind die beiden Stadtstaaten Hamburg und Bremen sowie Bayern und Baden-Württemberg an der Spitze. Am Ende der Rangliste befinden sich die ostdeutschen Länder (außer Sachsen-Anhalt) und Schleswig-Holstein.

ssu/apn/dpa



insgesamt 1449 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kryptiker51, 18.01.2010
1.
Zitat von sysopJeder fünfte Einwohner Berlins bekommt staatliche Unterstützung - in Bayern nur jeder Zwanzigste: Einer Studie zufolge ist die Gefahr des sozialen Abstiegs nirgends so groß wie in der deutschen Hauptstadt. Wie umgehen mit der Armut in Deutschland?
The same procedure as every year: ignorieren, statistisch beschönigen, die Armen dafür verantwortlich machen und beschimpfen als Sündenböcke der Gesellschaft.
Galaxia, 18.01.2010
2.
Zitat von sysopJeder fünfte Einwohner Berlins bekommt staatliche Unterstützung - in Bayern nur jeder Zwanzigste: Einer Studie zufolge ist die Gefahr des sozialen Abstiegs nirgends so groß wie in der deutschen Hauptstadt. Wie umgehen mit der Armut in Deutschland?
Die Regierung zB. lächelt so etwas, einfach weg.
masc672 18.01.2010
3.
Zitat von sysopJeder fünfte Einwohner Berlins bekommt staatliche Unterstützung - in Bayern nur jeder Zwanzigste: Einer Studie zufolge ist die Gefahr des sozialen Abstiegs nirgends so groß wie in der deutschen Hauptstadt. Wie umgehen mit der Armut in Deutschland?
Mal überlegen. In Berlin regieren die Gutmenschen. Und speziell bei einer Partei wird das arbeiten verhöhnt, weil das unter der Würde des Menschen ist. Also deshalb wundert es mich nicht. Bitte nicht aufregen. Ist viel Ironie mit dabei.
fsiggi2 18.01.2010
4. Kurzarbeit?
Insgesamt mehr als eine Million Einwohner bekommen staatliche Unterstützung durch Kurarbeit, und zwar deutlich mehr im Süden als im Norden und Osten. Die Studie verzerrt daher die Realität signifikant und ist deshalb methodisch falsch und schlicht unbrauchbar.
Zazaz 18.01.2010
5. Fazit
Man kann der Liste auf den ersten Blick einen Trend entnehmen: Je linker die Landespolitik, desto arm.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.