Landesweiter Protest Griechen wehren sich mit Streik gegen Sparkurs

Bahnhöfe sind verwaist, im Athener Flughafen herrscht gähnende Leere, Ärzte arbeiten nur im äußersten Notfall: Ein Streik versetzt Griechenland in einen Ausnahmezustand. Zehntausende wollen gegen die immer neuen Sparpakete der Regierung demonstrieren - die Polizei hat bereits Tränengas eingesetzt.

AFP

Hamburg - Die griechischen Gewerkschaften zeigen der Regierung ihre Macht: Im ganzen Land haben die beiden größten Arbeitnehmerorganisationen zu Streiks aufgerufen, um gegen die harten Sparmaßnahmen zu demonstrieren. Viele sind dem Aufruf gefolgt.

In der Hauptstadt Athen kam es erneut zu Ausschreitungen. Eine Gruppe von rund 300 Links-Autonomen bewarf die Polizei mit Steinen, die Sicherheitskräfte setzen Blendgranaten und Tränengas ein, um die Randalierer auseinander zu treiben. Mehrere Demonstranten wurden festgenommen. Angaben über Verletzte gab es zunächst nicht.

Auch in anderen Städten des Landes gibt es Demonstrationen, diese verliefen friedlich, wie das Fernsehen berichtete. Es wird damit gerechnet, dass sich im Laufe des Tages Hunderttausende Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes dem Streik sowie mehreren Protestmärschen in Athen anschließen würden.

Im Flugverkehr geht seit Mitternacht nichts mehr, weil sich viele Fluglotsen im Ausstand befinden. Maschinen von und nach Griechenland können nicht starten und landen. In Athen wurden nach Angaben einer Flughafensprecherin mehr als 400 Flüge gestrichen. Immerhin sind nur wenige Touristen gestrandet; die Fluglinien hatten die meisten Kunden rechtzeitig informiert.

Züge fahren seit Mitternacht ebenfalls nicht mehr. Die Busfahrer streiken zweimal drei Stunden, am Morgen und am Abend. Auch Ministerien, Staatsunternehmen und Schulen werden bestreikt. Ärzte in staatlichen Krankenhäusern behandeln nur dringende Fälle. Die staatliche Nachrichtenagentur stellt ebenfalls ihren Dienst ein.

Forderung nach Abschaffung des Mindestlohns

Die Regierung plant angesichts der drohenden Staatspleite, 30.000 Staatsbedienstete zu entlassen. Dem Öffentlichen Dienst, der jahrzehntelang gehätschelt wurde, geht es damit an den Kragen. Insgesamt will die Regierung in den kommenden Monaten weitere 6,5 Milliarden Euro sparen - zusätzlich zu den zahlreichen ohnehin schon beschlossenen Maßnahmen.

Die strengen Finanzkontrolleure der Troika von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) fordern nach Informationen aus dem Arbeitsministerium zudem, dass der Mindestlohn von netto 548 Euro abgeschafft wird. Die Betriebsräte sollen nach diesen Vorstellungen mit dem jeweiligen Arbeitgeber neue Tarifverträge unterhalb des geltenden Mindestlohns aushandeln können.

Schuldensünder Griechenland hängt am Tropf der Troika; die berät derzeit über die Auszahlung der nächsten Tranche aus dem ersten Hilfspaket für die Hellenen. Ohne neue Hilfen hat das Land nach offiziellen Angaben noch Geld bis Mitte November, danach droht die Staatspleite.

ssu/lgr/dpa/dpa-AFX/Reuters

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Dumme Fragen 05.10.2011
1. Liebe Griechen, ihr seid PLEITE!
Bei der Lektüre der Spiegel-Titel-Geschichte zum Thema dachte ich ja teilweise "das kann ja wohl nicht wahr sein"! Z.B. die Story über das Kartaster. Nein, in Griechenland gab es kein Kartaster (also eine genaue Liste mit allen Grundstücken). So konnte es z.B. vorkommen, dass die Griechen für die Agrarsubventionen eine Fläche angaben, die der dreifachen Fläche Griechenlands entsprach. Selbst die EU hat das dann nicht glauben mögen und den Griechen 150 Millionen Euro für die Erstellung eines Kartasters zur Verfügung gestellt. Nach einem Jahr wurde dann nachgefragt, wie weit die Griechen damit seien. Antwort "wir haben das Projekt aufgegeben". Wo die 150 Millionen geblieben seien? Wusste niemand. Zurückzahlen wollten die Griechen sie aber auch nicht. Man einigte sich dann darauf, dass sie nur 75 Millionen zurückzahlen müssen. Dieses kleine Beispiel hat mir sehr viel klar gemacht. Griechenland ist nur einen sehr kleinen Schritt entfernt von einem "failed state" wie Somalia. Da helfen auch 3000 Jahre Geschichte nicht weiter. Schlimmer finde ich aber, wie unsere Regierungen (Merkel und ja, auch die unter Schröder) die Gemeinschaftswährung kaputt gemacht haben, z.B. durch Nichteinhaltung der Maastricht-Kriterien. Ich hab keine Ahnung, wie es weitergehen könnte. Aber damit bin ich wohl nicht ganz allein. Es gibt ja nicht mal eine einzige Partei, die eine klare Linie fährt. Und kommt nicht mit der FDP - die hat das Thema doch auch nur genommen, um Populismus zu betreiben. Deren wirkliche Seele zeigte sich, als sie den Hoteliers die Steuern senkte!
hahahans 05.10.2011
2. In der Realität angekommen?
Interessant ist doch, dass die Griechen gegen Maßnahmen demonstrieren und streiken, die die Troika laut gestrigen Medienberichten längst noch nicht für ausreichend hält. Es scheint als sei die griechische Bevölkerung, deren Arbeitnehmer immerhin zu einem Viertel im öffentlichen Dienst beschäftigt sein sollen, immer noch nicht in der Realität angekommen. Dazu kommt, dass sich die Griechen nicht nur gegen staatliche Ausgabenkürzungen verbissen wehren, sondern auch eine Steigerung der Effizienz ihrer Verwaltung als unzumutbar erachten. So etwa, wenn die Sprache auf die Schaffung eines Katastaamtes oder auf ein effizientes Finanzamtes fällt. Kein europäisches Land hat wohl soviele öffentlich Bedienstete und ist gleichzeitig so lausig verwaltet!
Der Duderich 05.10.2011
3. Was, die streiken immer noch?
Dieser Artikel ist doch schon ein paar Stunden her: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789840,00.html Danke, SPON
synoptiker 05.10.2011
4. Zum Streiken in die Sonne!
Diejenigen, die streiken sollten, sind wir. Wir sollten alle zum Streik nach Griechenland reisen, da scheint die Sonne.
gambitfalle 05.10.2011
5. Generalstreik.
Rollen bald Panzer durch Griechenland ? Oder hat das gr. Militär noch keine Befehle. Wie geht es dann dort weiter ? Mit Tauschhandel ?
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