SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Oktober 2011, 16:03 Uhr

Landesweiter Protest

Griechische Randalierer prügeln sich mit Polizisten

Krawallmacher beschädigen Regierungsgebäude, Polizisten werfen Tränengasgranaten: Bei Demonstrationen in mehreren Städten Griechenlands kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Zehntausende gehen gegen die Sparpolitik der Athener Regierung auf die Straße.

Athen - Erst war die Stadt wie ausgestorben, die Bahnhöfe verwaist, die Flughafenhallen weitgehend leer. Dann kamen die Demonstranten, Zehntausende versammelten sich ab Mittag auf den Straßen griechischer Städte, um gegen die Sparpakete der Regierung zu protestieren. Und mit den überwiegend friedlichen, wenn auch wütenden Demonstranten kamen die Randalierer.

Immer wieder gab es heftige Zusammenstöße auf den Straßen Athens und anderer griechischer Ortschaften. In der Hauptstadt, auf dem zentral gelegenen Syntagma-Platz, bewarf eine Gruppe Jugendlicher Polizisten mit Steinen. Augenzeugen berichten, manche hätten Marmorkacheln zertrümmert und Beamte damit beworfen. Die Polizei feuerte ihrerseits Tränengasgranaten auf die Randalierer und jagte die Demonstranten über den Platz und durch die umliegenden Straßen.

Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters berichtet, Passanten hätten einen blutüberströmten Mann aus der Menge gezogen, der sich mit Demonstranten geprügelt habe. Einige Randalierer versuchten derweil, ein Regierungsgebäude zu stürmen und hätten dabei Fensterscheiben am Eingang zerstört, berichtet der Reporter weiter. Die Ausschreitungen seien heftig gewesen - aber weniger heftig als bei den Protesten im Juli. Seinerzeit waren rund hundert Menschen verletzt worden.

An den Protesten beteiligten sich Zehntausende Menschen: In Athen gingen mindestens 16.000 Demonstranten auf die Straße, in Thessaloniki versammelten sich rund 10.000 Menschen zu einer Kundgebung.

Streiks legen Griechenland lahm

Zuvor hatten ebenfalls Zehntausende Menschen gegen das Sparpaket der Regierung gestreikt. Im Flugverkehr geht seit Mitternacht nichts mehr, weil sich viele Fluglotsen im Ausstand befinden. Maschinen von und nach Griechenland können nicht starten und landen. In Athen wurden nach Angaben einer Flughafensprecherin mehr als 400 Flüge gestrichen.

Auch Züge fahren seit Mitternacht nicht mehr. Die Busfahrer streiken zweimal drei Stunden, am Morgen und am Abend. Auch Ministerien, Staatsunternehmen und Schulen werden bestreikt. Ärzte in staatlichen Krankenhäusern behandeln nur dringende Fälle. Die staatliche Nachrichtenagentur stellte ebenfalls ihren Dienst ein.

Die griechische Regierung plant angesichts der drohenden Staatspleite, 30.000 Staatsbedienstete zu entlassen. Insgesamt will die Regierung in den kommenden Monaten weitere 6,5 Milliarden Euro sparen - zusätzlich zu den zahlreichen ohnehin schon beschlossenen Maßnahmen.

Nach Angaben des IWF-Europa-Direktors Antonio Borges ist die Situation des Landes vielleicht sogar so schlecht, dass das Rettungspaket, das EZB, IWF und EU-Kommission im Juli beschlossen hatten, überarbeitet werden muss. So hat Borges jetzt auch den Kauf europäischer Staatsanleihen durch den IWF ins Spiel gebracht.

Schuldensünder Griechenland hängt am Tropf der Troika; die berät derzeit über die Auszahlung der nächsten Tranche aus dem ersten Hilfspaket für die Hellenen. Eine Entscheidung darüber wurde verschoben, weil die Troika mehr Zeit braucht, um die griechischen Sparbemühungen zu überprüfen. Ohne neue Hilfen hat das Land nach offiziellen Angaben noch Geld bis Mitte November, danach droht die Staatspleite.

ssu/dpa/Reuters

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung