Langzeitarbeitslose "Ich würde alles tun, um wieder zu arbeiten"

Wie kann es sein, dass man jahrelang einen Job sucht - und keinen findet? Deutschland diskutiert über Hartz IV. Auf SPIEGEL ONLINE erzählen Langzeitarbeitslose, Sozialhelfer und Ökonomen vom Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Und sagen, was sie von der aktuellen Debatte halten.

Von Alexander Landsberg


Hamburg - Die Bleistiftlinie führt elegant über das karierte Papier. Detlev B. hat sich Mühe gegeben - er sollte eine Skizze machen für ein Werkstück, und er hat sie so gut hinbekommen, dass Boris Dudziak voll des Lobs ist. Wie von einem technischen Zeichner sieht sie aus.

"Das hätte ich niemals für möglich gehalten", sagt Dudziak. Der Mann mit Vollbart und weißem Baumwollhemd ist Leiter einer Holzwerkstatt. Es ist nicht irgendeine Werkstatt, sondern ein sogenanntes "Aktivcenter", in dem Langzeitarbeitslose trainiert werden. Langzeitarbeitslose wie Detlev B. Menschen, die weiter vom Arbeitsmarkt entfernt sind als alle anderen.

"Die Menschen haben großes Potential", sagt Dudziak. "Aber in dieser Gesellschaft leider wenig Chancen." Einige seiner Leute können nicht richtig Deutsch. Oft können sie nicht mal das Einmaleins. Haben keinen Schul- oder Berufsabschluss. Stecken in Schulden. Oder sie sind seit Jahren isoliert.

Rund 960.000 Menschen in Deutschland gelten als langzeitarbeitslos. In Gesetzesdeutsch heißt das: Sie haben innerhalb eines Jahres keine sozialversicherungspflichtige Arbeit gefunden. Mehr als 800.000 von ihnen beziehen Hartz IV. Sie machen den größten Teil aller Hartz-IV-Empfänger aus, neben Alleinerziehenden und sogenannten Aufstockern, deren Niedriglöhne vom Staat auf Hartz-IV-Niveau angehoben werden.

Doch welche Schicksale stecken hinter diesen Zahlen? Und warum finden so viele Langzeitarbeitslose keine Arbeit?

Deutschland diskutiert über Hartz-IV-Empfänger, über ihre Bezüge und ihre angeblich geringe Arbeitsmoral - spätestens seit Guido Westerwelles (FDP) Sozialstaatskritik. Hannelore Kraft, SPD-Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen, hat gefordert: Wer jahrelang keinen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt bekommen hat, soll in einem öffentlich geförderten Bereich Tätigkeiten wie Straßensäuberung und Büchervorlesen übernehmen. "Wir müssen endlich ehrlich sein: Rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden."

Ist das wirklich so? Haben Hundertausende Menschen auf dem Arbeitsmarkt einfach keine Chance mehr? Und muss sich die Politik damit abgeben?

SPIEGEL ONLINE hat nachgefragt - bei Betroffenen, Sozialarbeitern und Ökonomen. Wie sie die Debatte empfinden, welche Lösungen sie vorschlagen:

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Langzeitarbeitslose in Deutschland: Endstation Hartz IV

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