Thomas Fricke

Lehre aus dem Corona-Jahr Am Ende der Ich-Party

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Ist es für die Gesellschaft am besten, wenn jeder als Erstes sein eigenes Interesse verfolgt? Die Corona-Pandemie könnte das Ende dieses absurd lange gehegten Ökonomen-Mantras besiegeln.
Passanten in Hamburg (Archivbild): Masken tragen, um andere zu schützen

Passanten in Hamburg (Archivbild): Masken tragen, um andere zu schützen

Foto: Christian Charisius / DPA

Es gibt nicht so viele Ereignisse, die es schaffen, sich über Jahrzehnte in den Geschichtsbüchern zu halten. Die Pandemie des Jahres 2020 hat mittlerweile alle Chancen darauf. Nicht, weil sie historisch viele Tote mit sich gebracht hat. Und auch nicht, weil danach im praktischen Leben alles anders sein wird. Da gab es Schlimmeres.

Die Corona-Pandemie könnte eher dazu führen, eine Epoche symbolhaft wie praktisch zu beerdigen – in der über vier Jahrzehnte als großes Leitmotiv galt, dass ein jeder nur sein Glück zu optimieren hat; und sich (fast) alles regeln lässt, wenn nur jeder nach eigenem Interesse strebt. Und die Summe vieler geldwerter Einzelglücke auch das höchste Glück für alle bedeutet. Individual-Religion. Von wegen.

Kollektiv statt individuell

Nichts symbolisiert das Absurde an diesem Dogma so sehr wie die anno 2020 so relevante Frage, ob in Pandemiezeiten ein Mundschutz zu tragen ist. Nichts wäre in diesen Monaten schlimmer gewesen, als hätte jeder nur nach – vermeintlich – eigenem unmittelbaren Interesse gehandelt. Weil das Tragen von Alltagsmasken ja nicht einen selbst schützt; und nur dadurch Sinn ergibt, dass es alle machen. Kollektiv statt individuell.

Nichts führt auch das Mantra von der Entscheidungsweisheit und Effizienz des freien Wirtschaftens so absurd wie die Ahnung, dass die Pandemie längst außer Kontrolle wäre, wenn nicht die Wirtschaft zumindest in Teilen vom Wirtschaften im Eigeninteresse abgehalten worden wäre.

Eine historische Ausnahme? Nicht so sicher. Gut möglich, dass in der Krise gerade vielmehr ein ohnehin zusehends absurdes Zelebrieren des Individualismus kollabiert.

Wie tief das Dogma über Jahrzehnte als gesellschaftliches Leitmotiv in den westlichen Demokratien steckte, beschreiben die beiden Ökonomen John Kay und Paul Collier in ihrem neuen Buch über das Ende der Gier (»Greed is dead«). Ein Ursprung der Individual-Hochzeit lag danach in dem epochal gewordenen Artikel des Reagan- und Thatcher-Vordenkers Milton Friedman von 1970 – und in seinem sagenhaft programmatischen Titel: »Die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmer ist es, ihre eigenen Profite zu steigern«. Klingt heute anstößig, wurde damals allerdings unter Ökonomen schick: Weil Profite (angeblich) nur dann entstehen, wenn jemand etwas verkauft, das auch gekauft wird – und niemand etwas kaufen würde, was nicht gut ist. Entsprechend werde jeder nach seiner Leistung belohnt. Dank des Wettbewerbs werde zudem so immer die beste und effizienteste Lösung herauskommen, auch weil der Mensch an sich egoistisch sei – basta. Bitterschöne Welt.

Was Ronald Reagan später in den USA umsetzen sollte, indem er etwa die Steuern für vorgeblich leistungsstarke Reiche senkte, spiegelte sich in Sprüchen (und Taten) von Margaret Thatcher wie dem, dass es keine (abstrakte) Gesellschaft gebe, nur eine Summe von Individuen – oder dass es für alle am besten sei, wenn jeder zuvorderst an sich selbst denkt. Was auf gut Deutsch übersetzt so klingt wie, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Man muss nur fest dran glauben.

Von Reagan bis zu Blair und Schröder

Das alles versetzte damals Denkergenerationen samt angehängter Politiker ins Schwärmen – bis hin zu Tony Blair und Gerhard Schröder. Mit dem immer selben Glaubenssatz, dass es für die Gesellschaft am besten ist, wenn jeder sein Eigeninteresse verfolgt. Buzzword: Eigenvorsorge. Vorlage für jede Idee zum Abbau von Sozialstaat, klar.

Dahinter steckte eine Heroisierung des Individuellen, die nach Collier und Kay ihre Entsprechung bei Leuten hat, die eher aus der anderen politischen Richtung kommen: in einem zunehmend aufs Individuum beschränkten Hang, den Schutz von Identität als vermeintlich größtes politisches Ideal zu behandeln – statt komplexerer gesellschaftlicher Missstände. Das könnte neben verstärkenden Phänomenen wie dem Einzug des atomisierenden Internets maßgeblich miterklären, warum seither so vieles niedergegangen ist, was dem Ich-Trieb zuwiderlief: vom Vereinsleben bis zur Organisation in Gewerkschaften.

Dass an der Grundthese etwas nicht so richtig stimmt, ließ sich über die Jahrzehnte schon erahnen – als etwa die Reichen tatsächlich höchst individuell reicher wurden, das aber nicht automatisch auch gesellschaftlich Wohlstand brachte. Im Gegenteil: In den USA stagnierten über Jahrzehnte die realen Einkommen der Normalos, während die Topvermögenden immer irrer reich wurden – anders als es Friedman und seine Jünger versprochen hatten; da hätte der Reichtum von oben nach unten sickern müssen.

Es gibt kaum ein gesellschaftliches Versprechen, das so offenbar und krachend gescheitert ist.

Auch dass individuelle Leistung nachvollziehbar über Einkommensglück entscheidet, hat sich als wackelige Annahme erwiesen. Sonst hätten nicht gerade in der Finanzwirtschaft so gigantische Gelder, Gehälter und Boni generiert werden können – einer Branche, deren Mehrwert für die Gesellschaft sich in Wirklichkeit ja stark in Grenzen hält. Und die spätestens in der großen Finanzkrise seit 2007 zudem noch unfreiwillig zum Demonstrationsobjekt dafür wurde, wie absurd die marktradikale Annahme von den effizienten Finanzmärkten war.

Da hat das hehre individuelle Wirken und unternehmerische Profitstreben zu enormen gesellschaftlichen Schäden geführt. Ähnlich wie mancher gewinnbestrebte Globalisierungsschub zum Niedergang ganzer Regionen geführt hat – ohne dass erkennbar wäre, was genau die Betroffenen da nun sozial gewonnen hätten. In der Pandemie wurde derweil offenbar, wie schlecht so manche bezahlt werden, die zum Überleben der Gesellschaft wichtiger sind als, sagen wir, alle Derivatehändler zusammen.

So geht das nicht. Es gibt mittlerweile reichlich Hinweise, dass mit individuellem Streben allein keine Klimakrisen zu stoppen sind. Da wirkt der Ruf nach Eigenverantwortung in etwa so müßig wie wenn es darum geht, Beschäftigte um eigene Leistung zu ermahnen, wenn gerade ihr Arbeitsplatz verloren gegangen ist. Da gibt es für jeden Einzelnen keinen automatischen Anreiz, etwa das eigene Haus zu dämmen, um CO₂ zu vermeiden, oder ein Elektroauto zu kaufen – wenn dazu nicht massive (staatliche) Anreize gegeben werden. Oder Regierungen für ein ausreichendes Ladenetz sorgen.

In entscheidenden Dingen geht es nur, wenn Menschen sich zusammentun

Ähnliches gilt für das Bemühen, die Schattenseiten der Globalisierung anzugehen oder das Auseinanderdriften zwischen Reich und Arm zu stoppen, wenn beides ja maßgeblich durch das Freilassen der individuellen Kräfte des Marktes überhaupt erst entstanden ist. Da gilt im Prinzip das, was jetzt auch in der Pandemie gilt. Dass es in entscheidenden Dingen nur geht, wenn Menschen sich zusammentun, es gemeinsame Ideen gibt, politische Entscheidungen, sich alle an etwas halten, auch wenn das für jeden Einzelnen auf Anhieb nicht zur Lustmaximierung taugt. Weil nur so etwas erreicht wird, was dann gesellschaftlich und für jeden Einzelnen gut ist: ob Ausbleiben von Klimakrisen, mehr Wohlstand für alle – oder Fortbestand der Demokratie.

Das mag nach ein paar Jahrzehnten Individual-Gehirnwäsche utopisch wirken. Ist es aber nicht. Wie Collier und Kay darlegen, gibt es mittlerweile enorm viel Gehirn- und andere Forschung, die nachweist, dass Menschen von Natur aus nicht ansatzweise so egoistisch sind, wie es Fetischisten des Leistungsdogmas dachten – oder weismachen wollten. Schon Kleinkinder zeigen in Tests erstaunlich altruistisches Verhalten. Verhaltensforscher wie Nora Szech haben in Experimenten auch nachweisen können, dass Menschen unter Marktbedingungen anders reagieren als im normalen Leben – und zwar eher unmenschlicher und unsozialer. 

Ein bisschen was zum Nachdenken

Womit wir wieder bei der Pandemie wären, in der sich ja genau das auch gezeigt hat: wie sehr so mancher zwar auf dem Egotrip festzuhängen scheint – die große Mehrheit aber dabei war, sich so zu verhalten, wie es für die Gemeinschaft am besten ist (und damit natürlich auch für sie selbst). Und die Regierung als Kollektivvertretung dafür gesorgt hat, dass der zeitweise Kollaps der Individualwirtschaft nicht zum Desaster für alle wird. Und Behörden im Gemeinschaftsinteresse so viel wie möglich gefördert haben, damit Forscher in Rekordzeit Impfstoffe entwickeln. Alles Dinge, die weit davon entfernt sind, optimal zu sein, aber nicht passiert wären, wenn es nach dem Dogma vom angeblich gesellschaftlich optimalen Profitstreben des Einzelnen gegangen wäre. Sosehr der dabei am Ende auch helfen kann.

Wer weiß, vielleicht bleibt von der Pandemie am Ende auch ein Stück des Gefühls, diese nicht als Ich-AG, sondern irgendwie zusammen überwunden zu haben? So ein leises: Wir haben das gemeinsam geschafft, nicht allein.

Dann könnte es 2021 nach der Krise umso wichtiger werden, sehr viel mehr darüber nachzudenken, nicht ob, sondern wie derart gemeinsame Herausforderungen angegangen werden sollten – jenseits der alten plumpen Alternative zwischen Markt und Staat.

Dann geht es darum, herauszufinden, welche Probleme sich am besten dadurch lösen lassen, dass man das Potenzial individueller Ideen und Antriebe wirken lässt – und wann es besser ist, gemeinschaftlich heranzugehen, weil die Summe individueller Entscheidungen zu Blödsinn, Finanzkrisen, sozialer Spaltung oder Klimakrisen führt. Und wer dann darüber entscheidet. Zumindest, wenn man verhindern will, dass das dann ein paar Beamte womöglich reichlich willkürlich tun.

Ein bisschen was zum Nachdenken. Für Lockdown und Fest. Frohes Fest.