Lehrstellen-Bewerber Firmen klagen über Gammel-Azubis

Deutschlands Unternehmer suchen mit Nachdruck Lehrlinge - doch immer öfter erfolglos. Im vergangenen Jahr blieben 17.000 Stellen unbesetzt. Nun entbrennt eine Debatte über die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen: Sind Schulabgänger zu dumm?

Hamburg - Szene aus einem mittelständischen Familienunternehmen in Berlin: Eine Handvoll Bewerber ist zum Einstellungstest für eine Ausbildung eingeladen worden. Die Vorstellungsrunde beginnt, jeder Kandidat erzählt, für welchen Ausbildungsberuf er sich interessiert. Dann ist der 16-jährige Hans B. (Name geändert) an der Reihe. Er wisse nicht, für welchen Job er sich beworben habe, sagt er. Seine Eltern hätten die Bewerbung für ihn geschrieben.

"Der ist natürlich aus dem Rennen", sagt die Ausbildungsleiterin. Sie berichtet, dass fast ein Viertel der Bewerber gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch kommen und nicht einmal vorher absagen. Es sei schwierig, an gute Leute zu kommen.

Im Jahre 2009 blieben laut Bundesinstitut für Berufsbildung bundesweit 17.000 von 583.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Gleichzeitig gab es aber auch 9600 Bewerber, die nicht vermittelt werden konnten. Der Zentralverband des Deutschen Handswerks warnte Ende Februar, dass in diesem Jahr etwa 10.000 Ausbildungsplätze nicht besetzt werden könnten.

"Ein ganz neues Phänomen"

Ein Grund: Schon jetzt macht sich der demografische Wandel bei den Schulabgängern bemerkbar. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) ist die Zahl der Jugendlichen in den vergangenen fünf Jahren um etwa 100.000 gesunken. "Das gilt besonders für den Osten", sagt Thilo Pahl, Referatsleiter Ausbildungspakt beim DIHK. "Dort hat sich die Zahl der Jugendlichen seit 2003 nahezu halbiert."

Das betrifft nicht nur Betriebe, die qualifizierte Lehrlinge suchen. Selbst Firmen, die bewusst Kandidaten für weniger anspruchsvolle Stellen rekrutieren wollen, klagen über einen Bewerbermangel. "Das ist ein neues Phänomen", sagt Christoph von Knobelsdorff, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung an der IHK Berlin. "Viele Schulabgänger werden nach der Schule in das Übergangssystem geschleust, obwohl sie auch direkt einen Ausbildungsplatz bekommen könnten. Viele haben noch nicht realisiert, dass es keinen Mangel mehr an Lehrstellen gibt."

Ein weiterer Grund für diese Entwicklung ist, dass etwa 20 Prozent der Schulabgänger gängigen Studien zufolge "nicht ausbildungsfähig" sind, also nicht die mathematischen, sprachlichen und sozialen Kompetenzen besitzen, die sie zu einem erfolgreichen Abschluss einer Ausbildung befähigen.

Am Mittwochmorgen hatte die Nachrichtenagentur dpa Zahlen aus dem Entwurf des "Berufsbildungsbericht 2010" veröffentlicht. Demnach sei mit 47,3 Prozent sogar fast jeder zweite Schulabgänger "nicht ausbildungsreif".Auch SPIEGEL ONLINE übernahm diese Nachricht. Inzwischen korrigierte das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Agenturmeldung. Die Schlussfolgerung, dass jeder zweite Schulabgänger nicht ausbildungsreif ist, sei falsch.

"Die Firmen müssen sich der Bewerbersituation anpassen"

Dass den Betrieben nicht genügend Bewerber zur Verfügung stehen, liegt nach Meinung von Gregor Berghausen, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung an der Industrie- und Handelskammer zu Köln, auch daran, dass Lehrstellen an Attraktivität verlieren. "Wir verzeichnen einen Rückgang der Schulabgänger an Haupt- und Realschulen und einen Zuwachs bei den Abiturienten", sagt er. Und die würden lieber an den Universitäten studieren. "Dadurch entsteht der Eindruck, die Kandidaten seien schlechter geworden."

Das merken selbst Unternehmen, die für Azubis attraktiv sind. So verzeichnet etwa Siemens einen Rückgang der Bewerberzahlen für eine Lehrstelle. Am größten Ausbildungsstandort des Konzern in Berlin bewerben sich aktuell nach Angaben von Ausbildungsleiter Martin Stöckmann bis zu 20 Prozent weniger Kandidaten als noch vor zwei oder drei Jahren. Das bedeutet, dass sich auf die 250 Plätze in Berlin nur noch 3500 Interessenten bewerben und nicht mehr über 4000, wie das früher einmal war. Und auch hier stellt Stöckmann fest: "Die Qualität der Schulabgänger nimmt ab. Manche können keine drei zusammenhängenden Sätze sprechen oder schreiben. Die Durchfallquote bei unserem Einstellungstest ist signifikant gestiegen."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht das Problem vor allem in der Rekrutierungsstrategie der Unternehmen. "Die Firmen müssen sich der neuen Bewerbersituation anpassen", sagt Hermann Nehls, Referatsleiter für Bildung und Qualifizierung beim DGB. "Die Kompetenzen der Jugendlichen haben sich verändert, sie haben einen viel selbstverständlicheren Umgang mit dem Internet und Computern." Das werde jedoch in den Auswahlverfahren überhaupt nicht berücksichtigt, kritisiert er. "Die Ausbildung ist dafür da, dass junge Menschen qualifiziert werden, sie ist Teil des öffentlichen Bildungswesens", so Nehls. "Die Firmen haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag."

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