Liechtensteiner Steuerskandal Der Rächer mit dem Daten-Band

Er wurde Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel zum Verhängnis: Der Liechtensteiner Bankangestellte Kieber hat mit seinem Datendiebstahl Tausende Steuerbetrüger geoutet. Dem "Stern" erzählte er nun, wie er die Kontodaten aus der Bank schleuste - und warum er keine Angst vor Morddrohungen hat.

Klaus Zumwinkel im Februar 2008: "Er war oberer Durchschnitt"
dpa

Klaus Zumwinkel im Februar 2008: "Er war oberer Durchschnitt"


Hamburg - Viel ist bislang über Heinrich Kieber nicht bekannt. Der frühere Angestellte der Liechtensteiner LGT Bank lebt im Zeugenschutzprogramm von Geheimdiensten, seit er 2006 Kontodaten von Tausenden Bankkunden an Steuerfahnder verriet. In Deutschland wurde dank seiner Informationen der Steuerbetrug von Klaus Zumwinkel aufgedeckt, der Ex-Post-Chef musste 3,9 Millionen Euro Steuern nachzahlen und wurde 2009 zu einer Strafe von einer Million Euro und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Nun hat sich der 45-Jährige im Magazin "Stern" erstmals ausführlich geäußert. Er schildert, wie die Bankkunden aus aller Welt Milliarden von Schwarzgeld nach Liechtenstein schafften. Der reichste Anleger der LGT Treuhand, bei der Kieber beschäftigt war, sei ein italienischer Industriellenerbe gewesen - mit einem Anlagevermögen von 450 Millionen Schweizer Franken (328 Millionen Euro), der reichste Deutsche ein Düsseldorfer Geschäftsmann mit 35 Millionen Schweizer Franken (25 Millionen Euro). Zumwinkel sei mit einem zweistelligen Millionenvermögen im Verhältnis nur "oberer Durchschnitt" gewesen, sagte Kieber dem "Stern".

Über Konten von Briefkastenfirmen, etwa in Spanien oder Portugal, die indirekt der fürstlichen LGT Treuhand gehörten, hätten die Kunden das Geld nach Liechtenstein transferiert, sagt der frühere Bankangestellte dem Magazin. Bargeld hätten die Kunden durch eine geheime Stahltür im öffentlichen Parkhaus von Vaduz direkt in einen Tresorraum der Bank fahren können: "Dort gibt es einen eingemauerten Abstellplatz mit einem metallenen Tor. Das ist wie ein befahrbarer Safe. Von dort kann der Kunde mit seinem Geld sicher und ungesehen in die LGT gelangen."

Zu seiner Überraschung sei Zumwinkel der einzige Prominente gewesen, "dessen Fall zumindest teilweise öffentlich wurde", sagte Kieber. Schließlich habe er Informationen über 46 "Politisch Exponierte Personen" an die Behörden weitergegeben. Insgesamt habe er Kontodaten von 5828 Personen an 13 Staaten verkauft, vom deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) habe er allein fünf Millionen Euro kassiert.

"Ich war ein bisschen nervös"

Kieber erzählt in dem Interview ausführlich, wie er die Daten entwendet hat: "Ich habe ein DLT mitgehen lassen, das ist ein Magnetband, ein sogenanntes Tages-Back-up-Band." An dem Tag im Jahre 2001, als er den Diebstahl beging, sei er "ein bisschen nervös" gewesen, sagte er dem "Stern". "Ich hab das Band nach dem Mittagessen eingesteckt, ein leeres Band auf den Tisch gelegt und weitergearbeitet. Es gab keine Kameras in den Büros. Das Band ist ja relativ klein und passt in die Jackentasche. Bei Feierabend hab ich es mitgenommen und bei mir zu Hause gut versteckt."

Sein Motiv für den Datendiebstahl sei Rache gewesen, behauptet Kieber, nicht Geldgier. Er habe in Liechtenstein eine Strafanzeige gestellt, weil er von Geschäftspartnern in Argentinien gefoltert worden sei. Er habe auf Unterstützung der Regierung gebaut, speziell von Fürst Hans-Adam II. "Aber da ist nie etwas passiert."

Obwohl in Liechtenstein ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt und es Morddrohungen gegen ihn gab, sehe er sich nicht als Staatsfeind Nummer eins. Früher oder später wäre der Steuerbetrug aufgeflogen, sagt er. "Es hat nicht einen speziellen Heinrich Kieber gebraucht, obwohl ich ein bisschen außergewöhnlich bin."

Nach Angaben des Magazins habe Kieber darauf bestanden, dass der "Stern" nicht beschreibt, wie und wo das Interview geführt wurde. Denn so wirklich sicher fühlt er sich offenbar nicht. "Wenn die Kugel kommt, kommt sie von Hans-Adam", behauptet er. Der Fürst von Liechtenstein sei nach seinen Informationen "von Angeboten überschwemmt" worden, "von Profis, Halbprofis und Möchtegernfirmen, die angeboten haben, ihm meinen Kopf, meine Leiche zu bringen, wenn die Kasse stimmt". Er betont dann aber: "Ich habe nie gesagt, dass Killer angeheuert wurden."

Auf die Frage nach den Vorsichtsmaßnahmen, die er deswegen ergreife, antwortet der Datendieb lapidar: "Ich gehe einfach nicht nach Liechtenstein."

cte



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mexi42 04.08.2010
1. Wir brauchen ...
Zitat von sysopEr wurde Ex-Postchef Klaus Zumwinkel zum Verhängnis: Der Liechtensteiner Bankangestellte Heinrich Kieber hat Daten von Tausenden Steuerbetrügern gestohlen. Dem "Stern" erzählt er, wie er die Kontodaten aus der Bank schleuste - und warum er keine Angst vor Morddrohungen hat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,710018,00.html
eine Kompanie von solchen Leuten. Und dafür weniger, die H4-Leute beobachten.
Rainer Daeschler, 04.08.2010
2. Bauernopfer Zumwinkel
---Zitat--- Zu seiner Überraschung sei Zumwinkel der einzige Prominente gewesen, "dessen Fall zumindest teilweise öffentlich wurde", sagte Kieber. Schließlich habe er Informationen über 46 so genannte "Politisch Exponierte Personen" an die Behörden weitergegeben. ---Zitatende--- Was wir schon immer geahnt hatten und hier bestätigt bekommen. Zumwinkel war das Bauernopfer, allerdings beileibe kein Unschuldsopfer.
jhartmann, 04.08.2010
3. .
Beweismittel, die zur Aufklärung und Unterbindung einer - fortgesetzten - Straftat nötig sind, kann man nicht "stehlen". Das ist kein "Diebstahl", sondern die Ausübung einer gesetzlichen Pflicht. (Jedenfalls nach deutschem Recht. Zumindest auf dem Papier.) Strafbar (nach dt. R.) hat sich der Mann trotzdem gemacht, aber nicht wegen "Diebstahls", sondern weil er von den Behörden für etwas, das die ohnehin fordern durften, Millionen erpresst hat.
Bre-Men, 04.08.2010
4. Blöd aber auch
Zitat von Rainer DaeschlerWas wir schon immer geahnt hatten und hier bestätigt bekommen. Zumwinkel war das Bauernopfer, allerdings beileibe kein Unschuldsopfer.
Wenn man Alphabet ganz unten steht.
Schalke 04.08.2010
5. ...
Jetzt kann ja wieder diskutiert werden ob Daten eine Sache sind, ob man sie stehlen kann, das ganze Hehlerei ist oder nicht und ob der Staat die Daten hätte kaufen und auswerten dürfen. Für mich steht fest, daß am Anfang der Kausalkette ein Diebstahl steht und am Ende Hehlerei mit Diebesgut.
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