Liz Mohns neue Macht Matriarchat in Gütersloh

Liz Mohn ist so mächtig wie nie zuvor. Ihr verstorbener Mann Reinhard hat ihr wichtige Herrschaftsrechte vermacht. Doch die Witwe tritt ein schweres Erbe an. Bertelsmann steckt tief in der Krise.

Liz Mohn (r., mit Tochter Brigitte): Herrscherin über Bertelsmann
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Liz Mohn (r., mit Tochter Brigitte): Herrscherin über Bertelsmann

Von , Frankfurt am Main


Die Disziplin ist beängstigend. Das Kostüm, das Make-up - Liz Mohns Auftritte sind immer perfekt. Nach einem stressigen Tag lasse sie sich nicht etwa aufs Sofa fallen, erzählte sie einmal der "Gala". Sie bevorzuge einen ordentlichen Lauf auf dem Band. Ihr übliches Pensum: eine Stunde, 20 Minuten. Damals war Mohn 64. Liz Mohn ist auch heute mit 68 noch zäh, daran gibt es keinen Zweifel.

Jetzt ist die Frau, die 1958 als Telefonistin beim Bertelsmann Buchclub in Rheda begann, endgültig Herrscherin in Gütersloh. Ihr Mann Reinhard Mohn hat ihr sein Vetorecht in der Verwaltungsgesellschaft der Bertelsmann AG (BVG) vererbt. Liz Mohn hat damit das letzte Wort im eigentlichen Machtzentrum des Medienhauses. Auch seine Stifterrechte übertrug ihr der Patriarch. "Reinhard Mohn hat gewollt, dass seine Frau Liz seine Rolle übernimmt", erklärte Aufsichtsratschef Gunter Thielen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Der Einfluss der Familie auf den Verlag ist damit zementiert. Für Jahre. Bis sie 75 ist, soll Mohn dem Vermächtnis ihres Mannes zufolge Vorsitzende der BVG bleiben. Danach darf sie der "FAZ" zufolge selbst bestimmen, wer ihr nachfolgt.

Lange war Liz Mohn vor allem eines: die Dame an seiner Seite

Damit ist Liz Mohn endgültig eine der mächtigsten Medienfrauen überhaupt, Herrin über gut 100.000 Beschäftigte, 45 Fernsehsender, 32 Radiostationen, dazu Zeitschriften und Druckereien. Ein Imperium mit 16 Milliarden Euro Umsatz. Ihre Karriere ist derart einzigartig, dass sie klingt wie erfunden für einen Hollywood-Streifen. Die gelernte Zahnarzthelferin lernt ihren späteren, 20 Jahre älteren Mann bei einer Betriebsfeier kennen. Beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel. Die beiden bekommen insgesamt drei Kinder, doch es dauert lange bis zur Hochzeit. Für beide ist es die zweite Ehe.

In den achtziger Jahren spielt Liz Mohn noch eine relativ kleine Rolle im Konzern. Sie ist die Frau an Mohns Seite, gründet den "Damenkreis" für die Ehefrauen der Bertelsmänner, ruft einen Gesangswettbewerb und den "Rosenball" für karitative Zwecke ins Leben.

Mit der Gründung der Schlaganfallhilfe schafft sich Mohn 1993 erstmals ein ganz eigenes Spielfeld. Im gleichen Jahr übernimmt sie die Leitung der Bereiche Medizin und Gesundheit bei der Bertelsmann-Stiftung. Ab der Jahrtausendwende wird ihr Einfluss zunehmend größer. Schon seit 2002 ist Mohn Familiensprecherin der BVG. Bald halten Insider sie für die eigentliche Chefin bei Bertelsmann.

Dabei hatte Reinhard Mohn lange versucht, den Einfluss der Familie im Verlag zu begrenzen, Erbstreitereien zu verhindern. 1993 ließ er die Mehrheit der Bertelsmann AG auf die Stiftung übertragen, die heute mit 76,9 Prozent größter Anteilseigner ist. Die Stimmrechte dagegen wurden der BVG übertragen, in der neben Familienmitgliedern auch externe Manager sitzen. Das System sollte für Ausgleich sorgen. Noch 2001 erklärte Mohn: "Das Prinzip des über Generationen stabilen Familienunternehmens ist gescheitert. So viele gute Leute gibt es in keiner Familie."

Doch wenig später kam der Sinneswandel. Bertelsmann trennte sich von Chef Thomas Middelhoff, der unter anderem den Börsengang des Unternehmens aggressiv vorangetrieben hatte. Nachfolger wurde Gunter Thielen, der als Vertrauter von Liz Mohn galt. Nach dem Zerwürfnis mit Middelhoff setzte Reinhard Mohn wieder stärker auf die eigene Familie als auf externe Manager. Als der Patriarch sich 2004 endgültig aus den Geschäften zurückzog, nahm Tochter Brigitte seinen Platz im Präsidium der mächtigen Bertelsmann-Stiftung ein.

2006 siegt das Familienprinzip - der Preis ist hoch

So mancher Bertelsmann betrachtete den Machtzuwachs der Mohns argwöhnisch. "Das Risiko von Fehlentscheidungen" werde dadurch "keineswegs kleiner", warnte der damalige Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen im SPIEGEL-Interview. Ende des Jahres folgte sein recht abrupter Abgang.

2006 siegte endgültig das Familienprinzip. Die Groupe Bruxelles Lambert, der 25 Prozent von Bertelsmann gehörten, drängte erneut auf einen Börsengang. Daraufhin kaufte Bertelsmann kurzerhand die Anteile der Belgier zurück. Insider halten Liz Mohn für diejenige, die diese Entscheidung vorantrieb.

Der Preis der wiedergewonnenen Unabhängigkeit war hoch. Um den 4,5-Milliarden-Euro-Deal zu stemmen, musste Bertelsmann sich dramatisch verschulden. Beobachter warnten schon damals, die schwere Last werde die AG auf Jahre hinaus lähmen.

Tatsächlich ist es um Bertelsmann derzeit alles andere als rosig bestellt. Zusätzlich zu den Schulden setzt auch die Finanz- und Wirtschaftskrise dem Unternehmen mächtig zu. Die Werbeeinnahmen sind drastisch eingebrochen. Im ersten Halbjahr hat Bertelsmann mit einem Verlust von 333 Millionen Euro tiefrote Zahlen geschrieben. Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski musste ein hartes Sparprogramm auflegen - bis Ende des Jahres sollen die Ausgaben bereits um 900 Millionen Euro gesenkt werden.

In diesen schwierigen Zeiten tritt Liz Mohn ein schweres Erbe an. Ihr Gatte war unangefochtene Autorität bei Bertelsmann, er galt als eine der großen Unternehmerpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte. Der Mann mit den preußischen Tugenden hatte Bertelsmann nach dem Krieg vom Hundert-Mann-Unternehmen zum Weltkonzern aufgebaut. Gleichzeitig schuf er eine ganz eigene, soziale Unternehmenskultur, führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein. Auch nach seinem Abschied aus dem Tagesgeschäft fuhr der Patriarch regelmäßig in die Zentrale, aß mittags in der Kantine und sprach bei allen wichtigen Entscheidungen mit.

Das Rennen ist neu eröffnet

Liz Mohn gilt als machtbewusst und durchsetzungsstark. Sie scheint das genaue Gegenteil des Patriarchen zu sein. Er mied den großen Auftritt, sie liebt das Blitzlichtgewitter. Er war ein Kopfmensch, sie vertraut ihrer Intuition.

Nebenbei dürfte es auch an anderer Stelle spannend bleiben. Denn noch scheint ungeklärt, welches Kind eines Tages das Zepter von Liz Mohn übernimmt. Bislang galt Tochter Brigitte als Favoritin. In seinem letzten Buch hatte der Patriarch die "zielgerichtete und verantwortungsvolle Art" der promovierten Politologin gelobt, Beobachter hatten das als klaren Hinweis verstanden.

Brigittes Bruder Christoph galt schon deshalb als wenig wahrscheinlicher Kandidat, weil er mit der Internetfirma Lycos ziemlich unglücklich scheiterte. Doch nun hat Mohn dem 44-Jährigen seine Sitze in der BVG und im Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung vererbt. Damit scheint das Rennen neu eröffnet zu sein. Aufsichtsratschef Thielen zumindest sagte der "FAZ": "Es gibt keinen Automatismus, nach dem Brigitte Mohn später die Rolle ihrer Mutter übernimmt. Christoph Mohn hat die gleichen Chancen wie seine Schwester." Dass die Rolle der Familie im Unternehmen eines Tages wieder kleiner werden wird, hält Thielen offensichtlich für unwahrscheinlich.



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Seite 1
Peter-Freimann 09.10.2009
1.
Zitat von sysopLiz Mohn ist so mächtig wie nie zuvor. Ihr verstorbener Mann Reinhard hat ihr wichtige Herrschaftsrechte vermacht. Doch die Witwe tritt ein schweres Erbe an. Kann der Bertelsmann Konzern mit ihr aus der Krise kommen?
Es ist zu hoffen, daß Bertelsmann an der Krise zugrundegeht. Positive Wirkung: ein wichtiger Mitspieler weniger, der für die gewaltige Verrohung der Sitten im Unterhaltungsfernsehen verantwortlich ist (siehe DSDS), ein wichtiger Mitspieler weniger, der für die Zerschlagung des Bildungssystemes und dessen Zurichtung auf rein ökonomische Spinnereien (Competence-Schnickschnack) verantwortlich ist.
lemming51 10.10.2009
2. Liz Mohn
Bertelsmann ?? Einflussnahme auf alles und jeden zum Wohle der "Eliten" und deren Profitgier ?? Bertelsmann als Sinnbild von Lobbyismus ?? Bertelsmann, Think-Tank für NeoCons und Marktradikale ?? ZERSCHLAGEN UND ABWICKELN !!!
Pinarello, 10.10.2009
3.
Zitat von lemming51Bertelsmann ?? Einflussnahme auf alles und jeden zum Wohle der "Eliten" und deren Profitgier ?? Bertelsmann als Sinnbild von Lobbyismus ?? Bertelsmann, Think-Tank für NeoCons und Marktradikale ?? ZERSCHLAGEN UND ABWICKELN !!!
Nicht zu vergessen, für die angerichteten Schäden natürlich auch zum Schadensersatz heranziehen. Alleine deshalb, daß beide Mohn´s diesen Middleshoff "ausgebrütet" haben, gehört ja schon die Firma aufgelöst und eingestampft. Von den übrigen Vergehen an dieser Gesellschaft gar nicht erst zu reden, ich bin mir auch sicher, daß in diesen Tagen die neoliberalen Schreibhengste rund um Gütersloh eine Überstunde nach der nächsten schieben, schließlich müssen die neuen Gesetzesvorlagen nach Berlin geschafft werden, damit die Schwestern Angela und Guido ihren Pflichten nachkommen, denn jetzt muß auf soziales Gedöns jedweder Art keinerlei Rücksicht genommen werden, den Rüttgers kriegen die auch noch klein, der Seehofer ist es schon.
lemming51 10.10.2009
4. Aha !!
Zitat von PinarelloNicht zu vergessen, für die angerichteten Schäden natürlich auch zum Schadensersatz heranziehen. Alleine deshalb, daß beide Mohn´s diesen Middleshoff "ausgebrütet" haben, gehört ja schon die Firma aufgelöst und eingestampft. Von den übrigen Vergehen an dieser Gesellschaft gar nicht erst zu reden, ich bin mir auch sicher, daß in diesen Tagen die neoliberalen Schreibhengste rund um Gütersloh eine Überstunde nach der nächsten schieben, schließlich müssen die neuen Gesetzesvorlagen nach Berlin geschafft werden, damit die Schwestern Angela und Guido ihren Pflichten nachkommen, denn jetzt muß auf soziales Gedöns jedweder Art keinerlei Rücksicht genommen werden, den Rüttgers kriegen die auch noch klein, der Seehofer ist es schon.
Ich sehe, Sie haben mich verstanden. Sehr schön !!
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