Frühjahr 2017 Tariflöhne steigen deutlich

So stark haben die Tarifverdienste schon lange nicht mehr zugelegt: Von April bis Juni stiegen sie um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr - das dürfte allerdings ein Ausreißer sein.

Mitarbeiter der Hamburger Stadtreinigung auf Recyclinghof
DPA

Mitarbeiter der Hamburger Stadtreinigung auf Recyclinghof


In diesem Frühjahr haben Arbeitnehmer, für die ein Tarifvertrag gilt, im Schnitt deutlich mehr verdient als vor einem Jahr. Die Tarifverdienste waren im zweiten Quartal 2017 um durchschnittlich 3,8 Prozent höher als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Das ist der höchste Anstieg seit der Einführung dieser Statistik im Jahr 2011. In die Steigerung waren auch Sonderzahlungen eingerechnet - ohne diese lag der Anstieg noch bei 3,4 Prozent.

Da die Preise im Zeitraum von April bis Juni lediglich um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stiegen, erhöhten sich auch die realen Tarifverdienste, also die Kaufkraft der Beschäftigten. Das deutet darauf hin, dass sich der Trend der vergangenen Jahre zu steigenden Reallöhnen fortsetzt. Seit 2012 verzeichnet etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung wieder einen Anstieg, nachdem die Reallöhne zuvor zwei Jahrzehnte lang im Schnitt stagnierten - und für die unteren 50 Prozent der Einkommen sogar deutlich fielen.

Allerdings lassen die aktuellen Zahlen der Statistiker nur begrenzt Rückschlüsse auf die gesamte Lohnentwicklung in Deutschland zu. Denn die Statistik umfasst ausschließlich die Löhne der Arbeitnehmer, für die ein Tarifvertrag gilt. Diese Tarifbindung ist jedoch in den vergangenen Jahrzehnten stetig zurückgegangen, zuletzt lag sie nur noch bei 50 Prozent.

Zudem dürfte das zweite Quartal einen Ausreißer nach oben darstellen, in den kommenden Quartalen erwarten die Statistiker deutlich geringere Anstiege. Denn ein großer Teil des jüngsten Anstiegs gehe auf statistische Effekte zurück: So galt zum Beispiel für den Öffentlichen Dienst der Länder bereits seit Januar eine vereinbarte Lohnerhöhung von zwei Prozent. Ausbezahlt wurde diese aber erst im zweiten Quartal, mitsamt hoher Nachzahlungen für die ersten drei Monate des Jahres.

Bei den Angestellten von Bund und Gemeinden war es im vergangenen Sommer ähnlich, zusammen mit einer weiteren Tariferhöhung in diesem Februar trug auch das zu der hohen statistischen Steigerung bei. In der Metall- und Elektroindustrie wirkte sich die zweite Stufe eines Tarifabschlusses aus. Bereits im Juli 2016 waren die Löhne um 2,8 Prozent erhöht worden, ab April 2017 noch einmal um 2,0 Prozent.

Besonders stark war der Anstieg der Tarifverdienste mit 7,4 Prozent im Bergbau. In den Branchen Wasserversorgung und Entsorgung, Öffentliche Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung sowie im Gesundheits- und Sozialwesen wuchsen die Tarifverdienste um 4,5 Prozent. In der Industrie legten sie um 4,1 Prozent zu. Im Gastgewerbe und im Handel stiegen die Tariflöhne hingegen mit 0,9 beziehungsweise 1,1 Prozent nur schwach.

fdi

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Seite 1
yvowald@freenet.de 30.08.2017
1. Nicht der Rede wert
Schön und gut, daß die Tariflöhne und Tarifgehälter gestiegen sind. Aber eine Steigerungsrate von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist eigentlich nicht der Rede wert. Um wieviel mehr sind denn die Gewinne aus Kapitalanlagen (Dividende etc.) im gleichen Zeitraum gestiegen? Daraus resultiert ja das Phänomen, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden! Außerdem: Welche tatsächliche Lohnerhöhung ergibt sich bei einem Monatseinkommen von 1.000 EURO? 38 EURO Brutto. Nicht der Rede wert. Welcher Gehaltszuwachs ergibt sich bei einem Monatseinkommen von 8.000 EURO? 304 EURO. Fantastisch! Warum erhalten nicht alle Beschäftigten beispielsweise 80 oder 100 EURO monatlich mehr? Das wäre eine gerechte Tarifpolitik, wenn die Gewerkschaften dies endlich erkennen und durchsetzen würden.
karljosef 30.08.2017
2. Wie gut ist es doch,
dass immer weniger Arbeitgeber im Arbeitgeberverband sind, also nicht an die Tarife gebunden sind! Wie schlecht ist es doch, dass wir einen vorgegebenen Mindestlohn haben? Wie gut ist es aber, dass es durchaus Mittel und Wege gibt, diesen zu umgehen? Zynische Grüße aus einem der reichsten Länder weltweit!
hansriedl 30.08.2017
3. Tariflöhne steigen.
Steigen sie auch so hoch, das die Menschen dadurch die rasant ansteigenden Kosten bei Mieten abdecken? Da die Lebens Erhaltungs Kosten den Löhnen enteilen steigt die Armut immer schneller.
Nordstadtbewohner 30.08.2017
4. Mehr Wissen, weniger Halbwissen
Zitat von yvowald@freenet.deSchön und gut, daß die Tariflöhne und Tarifgehälter gestiegen sind. Aber eine Steigerungsrate von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist eigentlich nicht der Rede wert. Um wieviel mehr sind denn die Gewinne aus Kapitalanlagen (Dividende etc.) im gleichen Zeitraum gestiegen? Daraus resultiert ja das Phänomen, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden! Außerdem: Welche tatsächliche Lohnerhöhung ergibt sich bei einem Monatseinkommen von 1.000 EURO? 38 EURO Brutto. Nicht der Rede wert. Welcher Gehaltszuwachs ergibt sich bei einem Monatseinkommen von 8.000 EURO? 304 EURO. Fantastisch! Warum erhalten nicht alle Beschäftigten beispielsweise 80 oder 100 EURO monatlich mehr? Das wäre eine gerechte Tarifpolitik, wenn die Gewerkschaften dies endlich erkennen und durchsetzen würden.
Ich denke, dass Sie bisher keinen Tarifvertrag tatsächlich gelesen haben. Bei einem Monatsbrutto von 8000 Euro im Monat ist man im Allgemeinen AT-Beschäftigter in einer Führungsposition und die werden nicht von Tarifverträgen erfasst. Ausnahmen dürfte es da nur in der Automobilbranche und bei Krankenhausärzten geben. Eine Erhöhung von 3,8% ist bei einer Inflation von fast 0% schon ganz ordentlich. Von daher verstehe ich die Beschwerden nicht. Wie Gewerkschaften Löhne und Gehälter aushandeln, ist deren Sache. Wem es nicht gefällt, der kann so wie ich seine Vergütung selbst aushandeln. So gesehen sind Gewerkschaften nicht notwendig, denn ein mündiger Mensch kann für sich selbst sprechen und (ver)handeln.
marcaurel1957 30.08.2017
5.
Zitat von hansriedlSteigen sie auch so hoch, das die Menschen dadurch die rasant ansteigenden Kosten bei Mieten abdecken? Da die Lebens Erhaltungs Kosten den Löhnen enteilen steigt die Armut immer schneller.
Mieten steigen, von Ballungsräumen abgesehen, eher unterdurchschnittlich. Der Anstieg der Lebenshaltungskosten liegt bei weniger als 2%!
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