Wohlstand Amerikas Mittelschicht verliert Spitzenrang in der Welt

Die Top-Verdiener Amerikas sind beim Einkommen nach wie vor Weltspitze - doch die Mittelschicht der USA hat diesen Status nun nach Jahrzehnten verloren. Schuld am Abstieg der Massen sind die Steuerpolitik und schwache Gewerkschaften.
Passanten in New York: Beim Wohlstand von Kanada überholt

Passanten in New York: Beim Wohlstand von Kanada überholt

Foto: © Brendan McDermid / Reuters/ REUTERS

New York - Noch immer weisen die USA mit das höchste Wirtschaftswachstum der Industrienationen auf - doch bis auf eine schmale Oberschicht rutscht die amerikanische Gesellschaft im globalen Wohlstandsvergleich immer weiter ab. Die US-Mittelschicht, für viele Jahrzehnte die reichste der Welt, hat diesen Status nun verloren, berichtet die "New York Times". Demnach dürfte das Medianeinkommen inzwischen in Kanada am höchsten sein.

Diesen Schluss zieht die Zeitung aus einer Analyse von Zahlen der Luxembourg Income Study  (LIS), die Einkommensdaten von 30 Industrienationen sammelt. Das Medianeinkommen teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften - in die Menschen mit einem höheren und die mit einem niedrigeren Einkommen.

Zwar liegen die jüngsten LIS-Daten erst für das Jahr 2010 vor - damals hatte das Medianeinkommen in Kanada gerade mit dem in den USA gleichgezogen. Doch offizielle Statistiken belegen dem Blatt zufolge, dass die Einkommen seitdem in Kanada stärker gestiegen sind als in den USA - der nördliche Nachbar hat also überholt. Im Vergleich mit westeuropäischen Staaten wie Großbritannien, Schweden und den Niederlanden hätten die USA zwar noch die Nase vorn - aber der Vorsprung sei inzwischen stark geschrumpft.

Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der USA stark gestiegen

Für die selbstbewussten Amerikaner ist das ein Einschnitt. Seit vielen Jahrzehnten galt die US-Mittelklasse wie selbstverständlich als die wohlhabendste der Welt. "1960 waren wir viel reicher als alle anderen. 1980 waren wir reicher. In den neunziger Jahren waren wir gerade noch reicher", sagte der Harvard-Ökonom Lawrence Katz der Zeitung. Nun sei das nicht mehr der Fall.

Noch schlechter stehen die unteren Einkommensklassen der USA im weltweiten Vergleich da. Einer US-Familie mit einem Haushaltseinkommen im unteren Fünftel des landesweiten Vergleichs stehe deutlich weniger Geld zur Verfügung als ihren Pendants in Kanada, Skandinavien oder den Niederlanden, stellt die "New York Times" fest. Noch Ende der siebziger Jahre sei es genau umgekehrt gewesen.

Das Erstaunliche an dieser Entwicklung ist, dass die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung in den USA so stark gestiegen ist wie in kaum einem anderen Industrieland. Noch immer belegen die Zahlen die klare Führung Amerikas unter den Wirtschaftsmächten der Welt. Und auch die Einkommen sind im Durchschnitt kräftig gestiegen - profitiert hätte davon aber nur ein kleiner Teil der Haushalte.

Für die Entwicklung macht die Zeitung drei Faktoren verantwortlich:

  • Den Niedergang des US-Bildungssystems: Die 55- bis 65-jährigen US-Amerikaner seien ihren Altersgenossen in anderen Industriestaaten bei den sprachlichen, mathematischen und technischen Fertigkeiten im Schnitt noch überlegen. Die 16- bis 24-jährigen US-Amerikaner würden in dieser Hinsicht jedoch klar von Australiern, Japanern, Skandinaviern und Kanadiern überflügelt.
  • Die ungleiche Bezahlung: US-Firmen verteilten die Einkommen höchst unterschiedlich. Spitzenkräfte würden deutlich besser bezahlt als in anderen Industriestaaten, zudem würden ihre Gehaltserhöhungen großzügiger ausfallen. Die mittleren und unteren Einkommensempfänger hingegen bekämen weit weniger. Das liege auch daran, dass die Gewerkschaften in den USA zu schwach seien, um mehr für die Mittelschicht herauszuholen.
  • Die US-Steuerpolitik: In Westeuropa, aber auch in Kanada würden die Regierungen weitaus stärker darauf bedacht sein, das Nettoeinkommen der Mittel- und Niedrigverdiener zu erhöhen, indem sie per Steuerpolitik umverteilen. Janet Gornick vom LIS stellt fest, dass die Reichen in Amerika weniger Steuern bezahlen müssen als fast überall sonst.

Der Report der "New York Times" ist allerdings auch für die politische Debatte in der Bundesrepublik interessant: Denn Deutschland ist das einzige große Industrieland, dessen Mittelschicht gegenüber der US-amerikanischen nicht aufholen konnte. Stattdessen seien die Einkommen in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren stagniert - weil Politik und Tarifparteien die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gezielt stärken wollten.

Dennoch habe Deutschland eines besser gemacht, so die Zeitung: Selbst in der Bundesrepublik sei es den einkommensschwächeren 40 Prozent seit dem Jahr 2000 deutlich besser ergangen als in den USA.

fdi