Studie Tarifflucht trifft vor allem Schlechtverdiener

Nur noch 35 Prozent der Unternehmen zahlen nach Tarif, dadurch steigt die Ungleichheit beim Einkommen: Gutverdiener erhalten laut einer Studie zunehmend höhere Reallöhne, Niedrigverdiener hingegen geringere - trotz Mindestlohn.
Bauarbeiter: Wer viel verdient, bekommt noch mehr

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Foto: Christoph Schmidt/ picture alliance / dpa

Tarifverträge waren in der Bundesrepublik stets ein wichtiger Kern der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Doch diese Kooperation löst sich zunehmend auf - und das macht sich bei den Löhnen in Deutschland bemerkbar. Diese haben sich einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren immer stärker auseinanderentwickelt. Grund sei die Tarifflucht vieler Betriebe, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des ifo-Instituts.

Während die Beschäftigten im oberen Fünftel der Einkommensskala seit Mitte der Neunzigerjahre ihre Reallöhne steigern konnten, sanken sie für das untere Fünftel deutlich ab. Verantwortlich für diese Entwicklung sei "zu 43 Prozent die stark rückläufige Zahl" der tarifgebundenen Unternehmen, heißt es in der Untersuchung. Dagegen leiste der verstärkte internationale Handel mit lediglich 15 Prozent einen eher geringen Beitrag zu dieser Entwicklung.

In den vergangenen 20 Jahren ist demnach der Anteil der Unternehmen, die nach Tarif zahlen, von 60 Prozent auf mittlerweile 35 Prozent gesunken. Der Anteil der tarifgebundenen Beschäftigen fiel von 82 auf 62 Prozent. "Dieser Rückgang ist der stärkste Treiber für die wachsende Lohnungleichheit", heißt es in der Studie. Denn im gleichen Zeitraum stiegen die Reallöhne inflationsbereinigt im oberen Fünftel um 2,5 Prozent, während das Lohnniveau im unteren Fünftel um zwei Prozent zurückging.

Neue Jobs entstehen vor allem im Niedriglohnbereich

Trotz dieser Entwicklung sei die Lohnungleichheit in Deutschland immer noch weniger groß als im Durchschnitt des Industrieländer-Klubs OECD, hieß es. Allerdings seien die Löhne in Deutschland in den vergangenen beiden Jahrzehnten stärker auseinandergedriftet als beispielsweise in den USA und Großbritannien.

Als Hauptgrund sieht die Studie vor allem den veränderten Arbeitsmarkt. Neue Arbeitsplätze seien vor allem durch flexiblere Bezahlung im Niedriglohnsektor entstanden. Laut Statistischem Bundesamt waren 2006 rund 19 Prozent im unteren Lohnbereich beschäftigt, 2010 waren es bereits fast 21 Prozent.

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass es zwischen national und international tätigen Unternehmen ein Lohngefälle gibt. Bereits Mitte der Neunzigerjahre zahlten exportorientierte Betriebe einen um elf Prozent höheren Bruttolohn. Bis 2010 wuchs dieser Unterschied auf knapp 15 Prozent.

"Wir brauchen in Deutschland mehr Anstrengungen, um die Einkommensungleichheit zu verringern und dabei die Beschäftigungsverluste möglichst gering zu halten", forderte der Chef der Bertelsmann-Stiftung, Aart De Geus. Zudem müsse der Staat verhindern, dass die Löhne im Zuge des Wettbewerbs immer stärker nach unten gedrückt werden. Auch nach Einführung der Mindestlöhne bestehe hier weiter Handlungsbedarf.

mmq/Reuters/dpa
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