Lohngeiz Unternehmen speisen Mitarbeiter mit Einmalzahlungen ab
Wiesbaden - Bislang haben die Arbeitnehmer in Deutschland kaum vom Aufschwung profitiert. Obwohl sich die Wirtschaft im ersten Halbjahr ordentlich erholt hat, haben die Tarifparteien kaum Lohnerhöhungen beschlossen. "Viele Tarifneuabschlüsse im ersten Halbjahr sahen überwiegend Einmalzahlungen vor", teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag mit.
Trotz verbesserter konjunktureller Lage sei es bei den Abschlüssen vor allem um die Sicherung der Arbeitsplätze gegangen, sagen die Statistiker. Damit setzt sich eine Entwicklung der vergangenen zehn Jahr fort. Seit 2000 sind die Löhne in Deutschland so langsam gestiegen wie nirgendwo sonst in der Europäischen Union.
Die Arbeitgeber haben ihren Beschäftigten zuletzt vor allem Einmalzahlungen gewährt, sagen die Statistiker und verweisen auf Abschlüsse der Chemie-, Metall- und Elektroindustrie. Die Beschäftigten in der Chemieindustrie erhalten etwa einmalig zwischen 550 und 715 Euro sowie einen Konjunkturbonus von 200 bis zu 260 Euro. Dies gilt aber nur für Unternehmen, die nicht wesentlich von der Krise betroffen waren.
In der Metallindustrie vereinbarten die Tarifparteien für 2010 eine Pauschale von insgesamt 320 Euro sowie eine Tarifanhebung für 2011. Auch im Bankgewerbe und in der Kautschukindustrie wurden Pauschalzahlungen für dieses Jahr und Tariferhöhungen für 2011 vereinbart.
Laut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sind Einmalzahlungen in den vergangenen zehn Jahren immer mehr zur Regel geworden. Bis in die neunziger Jahre wurden Einmalzahlungen demnach vor allem genutzt, um die geringe Zahl an Monaten auszugleichen, die zwischen dem Auslaufen des alten Tarifvertrags und dem Beginn der vereinbarten Gehaltserhöhung lagen. Diese Zeitspannen sind laut den Forschern in den vergangenen Jahren immer größer geworden.
Bofinger nennt drei Prozent mehr vernünftig
Zwar gab es auch richtige Lohnerhöhungen, doch wurden hier zumeist nur frühere Abschlüsse umgesetzt. Davon profitierten laut Statistischem Bundesamt etwa die Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst der Länder, im Groß- und Außenhandel, beim Bau und im Versicherungsgewerbe.
Die Gewerkschaften haben nun das Ende der Bescheidenheit angekündigt. In der Tarifrunde für die 85.000 Beschäftigten der nordwestdeutschen Stahlindustrie fordert die IG Metall sechs Prozent mehr Lohn und Gehalt. Der Abschluss dürfte Vorbildcharakter für andere Branchen haben. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen unterstützt die Lohnforderungen der Gewerkschaften. In der Aufschwungphase sollten die Arbeitnehmer auch davon profitieren, sagte die CDU-Politikerin.
Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat sich für spürbare Lohnerhöhungen ausgesprochen. "Drei Prozent Lohnzuwachs ist eine vernünftige Marke", sagte er der "Rheinischen Post". "Wir müssen schauen, wie wir nicht nur im Export, sondern auch im Inland wieder erfolgreicher sein können", sagte Bofinger. Höhere Lohnabschlüsse könnten "ein Teil der Lösung" sein.