Lotsen, Piloten, Lokführer Kleine Gruppe, großer Streik

Die Streikmacht der Minderheit: Weil die Gewerkschaft der Flugsicherung 200 Leute streiken lässt, liegt ab dem Nachmittag der halbe Frankfurter Flughafen lahm. Das schürt alte Ängste. Droht Deutschland ein Streik-Chaos, weil immer mehr Splittergruppen für ihre Rechte kämpfen?

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Hamburg - Viele Jets stehen still, wenn der Vorfeldlotse das so will: Am Frankfurter Flughafen streiken von Donnerstagnachmittag bis Freitagnacht gerade mal 200 Menschen, gerade zwei Prozent der gesamten Belegschaft. Trotzdem wird schätzungsweise rund die Hälfte aller Flüge ausfallen.

Es streiken Menschen, von denen die meisten Deutschen bislang vermutlich nicht einmal wussten, dass sie existieren: unter anderem die Vorfeldlotsen, deren Aufgabe es ist, Piloten zu sagen, zu welchem Gate sie rollen sollen, nachdem sie gelandet sind. Auch im Ausstand: die Fahrer sogenannter Follow-Me-Wagen, die die Jets durch das Flughafengewirr leiten.

Solche Jobs versprühen nicht gerade den Esprit von tollkühnen Männern in fliegenden Kisten. Und trotzdem: Wenn die Vorfeld-Crew das Headset abnimmt und den Motor abstellt, steht vieles still. Das Gros der 200 Mitarbeiter hat eine bestimmte Sicherheitslizenz erworben und lässt sich nicht mal eben ersetzen.

"Kleine Gruppe, große Wirkung" lautet das Prinzip. Und entsprechend stößt der Streik dieselbe Grundsatzdiskussion an wie schon 2007 der Arbeitskampf der Lokführergewerkschaft GDL oder die Ausstände der Pilotengewerkschaft Cockpit im Jahr 2010.

Es geht um die gefährliche Macht kleiner Berufsgewerkschaften, die viel aggressiver und streiklustiger agieren können als große Branchengewerkschaften wie Ver.di oder die IG Metall. Weil die Spartengewerkschaften eng definierte Partikularinteressen vertreten und nicht mehrere verschiedene Berufsgruppen, für die man erst Kompromisse finden muss.

"Zwei Prozent dürfen nicht ein Unternehmen erpressen"

Schon vor Beginn des Streiks in Frankfurt ist die Aufregung entsprechend groß. "Zwei Prozent der Beschäftigten dürfen einfach nicht ein Unternehmen erpressen", schimpft Fraport-Arbeitsdirektor Herbert Mai. Und von Gewerkschaftsseite ist zu hören: Ein neues Gesetz muss her! Es müsse endlich wieder der Grundsatz gelten: "Ein Betrieb, ein Tarifvertrag".

Dieses Motto galt bis zum 23. Juni 2010 als ungeschriebenes Gesetz. Doch dann fällte das Bundesarbeitsgericht einen Grundsatzbeschluss: Es gebe keinen Zwang für stets einheitliche Tarifregelungen. Die Aufregung war groß. Die Wirtschaft warnte vor endlosen Grabenkämpfen, die CDU vor einer verheerenden Streikwelle.

Manche fürchteten gar "britische Verhältnisse", in Anlehnung an die siebziger Jahre, als in England mehr als 400 kleine Gewerkschaften für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kämpften - und das Land sich gefühlt im Dauerstreik befand. Und schon damals forderten der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in seltener Einmütigkeit ein Gesetz, das die Tarifeinheit wiederherstellt. Doch ist es wirklich so schlimm gekommen? Eher nicht.

Nur wenige neue Spartengewerkschaften

Partikularstreiks wie die der Vorfeld-Crew in Frankfurt sind bislang noch immer die Ausnahme. Und Experten sind sich über die ideologischen Lager hinweg einig, dass das auch erst mal so bleiben wird. "Die Aufmerksamkeit, die Spartengewerkschaften bekommen, ist oft größer als ihre tatsächliche Macht", sagt Reinhard Bispinck von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Ich erwarte keine britischen Verhältnisse", sagt Hagen Lesch vom arbeitgebernahen IW Köln. Auch die Fakten sprechen eher gegen die Mär von der zersplitterten Tarifrepublik.

  • Seit dem Grundsatzbeschluss des Bundesarbeitsgerichts hätten sich gerade fünf neue Spartengewerkschaften gegründet, schreibt das IW Köln in einer Analyse. Keine davon habe bislang einen eigenen Tarifabschluss erzielt. Die meisten kämpften gerade erst dafür, von den Arbeitgebern als eigenständige Tarifpartner anerkannt zu werden.

Neu gegründete Spartengewerkschaften seit 2010

Mitglieder Jahr der Gründung Eigene Tarifverträge
Contterm (Beschäftigte auf den Container Terminals im Hamburger Hafen) rund 100 Dezember 2009 Nein
Neue Assekuranz Gewerkschaft (Angestellte in Versicherungen) mehr als 100 November 2010 Nein
Technik Gewerkschaft Luftfahrt (Flugzeugtechniker) Keine Angabe Dezember 2010 Nein
Gewerkschaft der Servicekräfte rund 100 Dezember 2010 Ja
Spartengewerkschaft für Betriebsfeuerwehren Potenzial wird mit 2000 angegeben Geplant für 2011 Nein

Quelle: IW Köln

  • Ernstzunehmende Player sind noch immer nur jene fünf Spartengewerkschaften, die bereits lange vor dem Arbeitsgerichtsbeschluss aktiv waren: die Pilotengewerkschaft Cockpit, die Ärztegewerkschaft Marburger Bund, die Lokführergewerkschaft GDL, die Flugbegleitergewerkschaft Ufo - und die gerade aktive GdF.

Deutschlands mächtigste Spartengewerkschaften
Sie vertreten zum Teil nur sehr wenige Arbeitnehmer, dennoch können sie mit punktuellen Streiks große Wirkung erzielen. Die wichtigsten deutschen Spartengewerkschaften in der Übersicht.
Vereinigung Cockpit
Die Vereinigung Cockpit (VC) wurde bereits 1969 gegründet - seinerzeit als loser Zusammenschluss von Piloten. 1999 setzte VC bei der Lufthansa ihre tarifpolitische Eigenständigkeit durch. Die Vereinigung fiel in den folgenden Jahren teils durch spektakuläre Streiks auf und erkämpfte teils zweistellige Gehaltsverbesserungen für ihre Berufsgruppe.
Gewerkschaft der Flugsicherung
Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) agiert seit 2003 eigenständig. Ursprünglich war sie aus dem Verband deutscher Flugleiter und dem Verband Deutscher Flugsicherungstechniker und -ingenieure hervorgegangen.
Marburger Bund
Der Marburger Bund wurde bereits 1947 gegründet und kooperierte lange mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Seit 2005 kämpft er eigenständig für die Tarife von Ärzten in kommunalen Kliniken. Die Allianz kündigte der Marburger Bund, nachdem der Bundes-Angestelltentarifvertrag durch einen neuen Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst abgelöst wurde. Die Spartengewerkschaft argumentiert, dass sich durch diesen Kompromiss erhebliche Verschlechterungen für die von ihr vertretenen Ärzte drohten.
Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) dürfte den meisten Deutschen durch ihren langjährigen Anführer Manfred Schell und dessen aggressive Streikwellen im Jahr 2007 in schlechter Erinnerung sein. Schon 2002 forderte sie die tarifliche Zuständigkeit für das gesamte Fahrpersonal in Zügen. 2008 setzte sie ihre tarifpolitische Eigenständigkeit durch, allerdings nur als Vertretung der Lokführer.
Unabhängige Flugbegleiter Organisation
Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) wurde bereits 1992 gegründet. Im Juli 2002 wurde sie von der Lufthansa als Tarifpartnerin anerkannt - und zwar gleichberechtigt zur Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di.

  • Die Befürchtung, gut ausgebildete Mitarbeiter könnten sich von den großen Gewerkschaften abwenden und kleine, aggressivere Vertretungen unterstützen, hat sich bislang nicht bestätigt. Laut aktuellen Statistiken des Deutschen Gewerkschaftsbunds verlieren die Großen nur minimal Mitglieder, einige gewinnen sogar erst mals seit Jahren wieder mehr Mitglieder hinzu als durch Renteneintritt, Tod und Austritt verlorengehen.
  • Auch ein Anstieg der Streiks ist derzeit noch nicht erkennbar. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung und der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der Streikenden und der Streiktage von 2008 bis 2010 deutlich zurückgegangen. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

Nun ist die Veränderung einer Tariflandschaft ein sehr langsamer Prozess. Könnte es also sein, dass Auseinandersetzungen, wie sie aktuell am Frankfurter Flughafen stattfinden, nur der Anfang eines Trends sind? Auch in diesem Punkt sagen Tarifexperten: eher nicht.

Hohe Hürden für Spartengewerkschaften

"Die Erwartung, dass bald Dutzende Splittergewerkschaften die Republik ins Chaos stürzen, ist völlig realitätsfern", sagt Bispinck von der Böckler-Stiftung. Auch Lesch vom IW Köln ist skeptisch. "Zwar gibt es viele Berufsgruppen, die in Frage kämen", sagt er. Doch nur wenige davon hätten das Zeug zur Spartengewerkschaft. Denn um eine solche zu gründen, brauche es mehrere Voraussetzungen.

  • Die Berufsgruppe muss homogen genug sein. So sei kaum denkbar, dass sich eine Gewerkschaft für bestimmte Ingenieure herausbildet, wenn diese in ganz unterschiendlichen Betrieben beschäftigt sind und ganz unterschiedliche Arbeitsbedingungen haben.
  • Die Gruppe muss sich zudem überhaupt erst einmal organisieren wollen. Eine Spartengewerkschaft besitzt erst die nötige Durchschlagkraft, wenn sich genug Berufstätige anschließen.
  • Die Spartengewerkschaften brauchen zudem eine große Verhinderungsmacht. Wie bei der GdF muss eine kleine Berufsgruppe große Streikwirkung erzielen. Lesch schätzt, dass dazu in Deutschland ohnehin nur einige Dutzend Gruppierungen in der Lage sind.

Und selbst wenn all diese Voraussetzungen erfüllt sind - auch die Macht von Spartengewerkschaften ist oft begrenzt. Nicht alle erzielen so überdurchschnittliche Ergebnisse wie die GdL 2007 oder Cockpit 2010. Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo etwa schaffte 2009 nur einen bescheidenen Abschluss. Und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ließ Mitte Januar rasch ihre Streikdrohungen ruhen und gab sich letztlich mit einer Lohnsteigerung von rund drei Prozent zufrieden, obwohl sie ursprünglich das Doppelte gefordert hatte. "Solche Tarifabschlüsse zeigen, dass auch die Macht der Spartengewerkschaften begrenzt ist", sagt Bispinck.

insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
Tengoinfo 16.02.2012
1. Von den Banken lernen
Zitat von sysopFraportDie Streikmacht der Minderheit: Weil die Gewerkschaft der Flugsicherung 200 Leute streiken lässt, liegt ab dem Nachmittag der halbe Frankfurter Flughafen lahm. Das schürt alte Ängste. Droht Deutschland ein Streik-Chaos, weil immer mehr Splittergruppen für ihre Rechte kämpfen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,815650,00.html
Ist wohl einfach der Zeitgeist die Macht zu nuten die man hat und ich finde bei Menschen die einen realen Mehrwert schaffen es weitaus berechtigter als bei einer ganzen Branche die sich künstliche aufgeblasen hat um dann to big to fail zu sein. Über die Gehälter von Piloten, Lokführern und Lotsen lachen sich die Bänker auch in Zukunft tot.
kdshp 16.02.2012
2.
Zitat von sysopFraportDie Streikmacht der Minderheit: Weil die Gewerkschaft der Flugsicherung 200 Leute streiken lässt, liegt ab dem Nachmittag der halbe Frankfurter Flughafen lahm. Das schürt alte Ängste. Droht Deutschland ein Streik-Chaos, weil immer mehr Splittergruppen für ihre Rechte kämpfen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,815650,00.html
Hallo, ja und! Die gewerkschaft der ärzte hat es doch allen vorgemacht wie man es richtig macht. Da sind dann auch reale lohnsteigerungen drin und nicht solche die unter der inflation liegen und so den unternehmern am ende nur wieder ein mehr bringt.
Systemrelevanter 16.02.2012
3. Fluglotsen
Fluglotsen und generell die Flugsicherung waren mal autonome Aufgaben des Staates, die durch Beamte ausgeführt wurden. Warum wundert man sich jetzt, dass diese Gruppen plötzlich nach Marktgesetzen funktionieren? What goes around, comes around. Bei einem Flugstreik trifft es wenigstens eher als bei einem S-Bahnstreik diejenigen, die mit ihrer neoliberalen Privatisierungsdoktrin dafür verantwortlich sind.
juergw. 16.02.2012
4. Schon ärgerlich !
Zitat von sysopFraportDie Streikmacht der Minderheit: Weil die Gewerkschaft der Flugsicherung 200 Leute streiken lässt, liegt ab dem Nachmittag der halbe Frankfurter Flughafen lahm. Das schürt alte Ängste. Droht Deutschland ein Streik-Chaos, weil immer mehr Splittergruppen für ihre Rechte kämpfen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,815650,00.html
wenn eine Gruppe Spezialisten Fraport lahm legt.Besser wären Zeitarbeiter,1 Euro Jobber,Langzeitpraktikanten die dafür ein warmes Essen bekommen.Gibt es vielleicht billige Inder ? Was bekommt eigendlich die Führungsspitze bei Fraport ? Bei allen Kosten die so anfallen sind wohl die Lohnkosten für 200 Leute marginal.
Titmouse 16.02.2012
5. Peanuts
Zitat von sysopFraportDie Streikmacht der Minderheit: Weil die Gewerkschaft der Flugsicherung 200 Leute streiken lässt, liegt ab dem Nachmittag der halbe Frankfurter Flughafen lahm. Das schürt alte Ängste. Droht Deutschland ein Streik-Chaos, weil immer mehr Splittergruppen für ihre Rechte kämpfen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,815650,00.html
[QUOTE=sysop;9648625]Die Streikmacht der Minderheit: Weil die Gewerkschaft der Flugsicherung 200 Leute streiken lässt, liegt ab dem Nachmittag der halbe Frankfurter Flughafen lahm. Das schürt alte Ängste. Droht Deutschland ein Streik-Chaos, weil immer mehr Splittergruppen für ihre Rechte kämpfen? [QUOTE] Kleine Gruppen = kleine Kosten. Die Lohnforderungen dieser Splittergruppe dürfte im Peanutsbereich sein für FRAPORT. Umgelegt auf die betroffenen Passagiere ebenfalls in keinem Verhältnis zu dem zu erwartenden Ärger. Muss Fliegen unbedingt so billig sein?
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