Lotto-Jackpot And the Winner is . . . Tipp-24

Der Rekord-Jackpot vom vergangenen Wochenende hat den privaten Glücksspielanbieter Tipp-24 viel Geld gekostet, die Aktie rauschte in den Keller. Trotzdem ist die Freude bei der Firma groß: Allein wegen des Werbeeffekts kann das Dotcom-Unternehmen auf einen Ansturm neuer Kunden hoffen.

Lottoangebot von Tipp24.com: Von der Annahmestelle zum ernsthaften Konkurrenten
dpa

Lottoangebot von Tipp24.com: Von der Annahmestelle zum ernsthaften Konkurrenten

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Berlin - Selten zeigte sich ein Verlierer so zufrieden. "Das Geld wurde, soweit ich gehört habe, von der My-Lotto-24 bereits auf das Kundenkonto gebucht", erklärt Andrea Fratini, Sprecherin der Holding Tipp-24 AG. Die Freude scheint auf den ersten Blick schwer nachvollziehbar - immerhin kostete die Niederlage 31,7 Millionen Euro.

Ein 33-Jähriger hatte den Betrag beim Lottospielen im Internet gewonnen. Genau genommen handelt es sich nicht direkt um ein Lottospiel, sondern um eine Wette, welche Zahlen bei der wöchentlichen Ziehung des deutschen Lottoblocks denn wohl gezogen werden würden. Als Gewinn stellte der britische Glücksspielanbieter My-Lotto-24 genau den Betrag in Aussicht, den die staatlichen Lottogesellschaften in jeder Gewinnklasse ausloben.

Rein finanziell ist die Gewinnausschüttung für die My-Lotto-24-Muttergesellschaft deshalb ein schwerer Schlag. Am Tag nach der Ziehung musste das Unternehmen Tipp-24 AG eine Gewinnwarnung herausgeben. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern werde um zehn Millionen Euro niedriger ausfallen als geplant, hieß es. Es werde aber immer noch ein Plus von mindestens 30 Millionen Euro erreichen. "Einen gewissen Teil der Ausschüttung übernimmt My-Lotto-24, hinter den restlichen Zahlungen stehen Sicherungen", erklärte die Sprecherin. An der Umsatzprognose von 85 Millionen Euro halte man fest.

"Kaum mit Gold aufzuwiegen"

Kein Wunder - denn das Wettwunder im Internet geht mit einem gewaltigen Popularitätszuwachs einher. Seit bekannt ist, dass, sozusagen, auch im Netz der Jackpot geknackt wurde, berichten Zeitungen und Rundfunksender quer durch die Republik über den sonderbaren Doppelgewinn. "Jeder spricht von Tipp-24", jubelt Fratini. "Eine solche Werbung ist kaum mit Gold aufzuwiegen."

Tatsächlich ist der Wett-Coup unbezahlbar. Denn Werbung für Glücksspiele im Internet ist in Deutschland ist verboten - auch wenn die Anbieter in ihrem Heimatland eine Lizenz für den Wettspielbetrieb besitzen. Solche Lizenzen werden übrigens in Deutschland für private Anbieter überhaupt nicht vergeben. In dem 2006 geschlossenen Staatsvertrag Glücksspiel haben die Bundesländer einen umfangreichen Schutz für das staatliche Lottospiel formuliert. Ihr Argument: Lottospiel im Internet könnte zur Sucht führen. Seit Anfang 2009 nun ist die letzte Stufe des Glücksspielverbots in Kraft.

Für Tipp-24 stand deshalb zwischenzeitlich das eigene Geschäftsmodell in Frage. Bis zum Jahreswechsel verdiente das Unternehmen sein Geld als Vermittler der staatlichen deutschen Lotterie, als Lottoannahmestelle im Internet sozusagen. Doch der Vorstand unter Führung von Tipp-24-Gründer Jens Schumann ersann eine Firmenkonstruktion, mit der das Unternehmen trotz des Staatsverbots weiter gut leben kann: Sie gründeten eine Tochtergesellschaft namens MyLotto24 in Großbritannien - und übertrugen eine 60-Prozent-Mehrheit an eine Stiftung in der Schweiz.

Die Hamburger Tipp-24 AG gebietet als Holding über eine Minderheitsbeteiligung und kann deshalb in Deutschland ungestört arbeiten. Für den Fall, dass sich die Verhältnisse eines Tages wieder ändern und der Betrieb in Deutschland wieder möglich sein sollte, hat Tipp-24 mit der Stiftung eine Rückkauf-Option vereinbart.

Mit seinem Geschäftsmodell hat das Unternehmen durchaus Erfolg: Der Umsatz der Tipp24 AG stieg im ersten Quartal mit 25 Millionen Euro auf mehr als das Doppelte, das Ergebnis kletterte gar von 2,7 auf 14,6 Millionen Euro. Der Aktienkurs verzeichnet im Vergleich zum Jahresbeginn ein ansehnliches Plus.

Konkurrenz für staatliche Lotto-Gesellschaften

Die komplizierte rechtliche Konstruktion gilt unter Experten als juristisch wasserdicht - zumal jeder Lottospieler bei der Abgabe seines Wettscheins versichern muss, dass er zu diesem Zeitpunkt nicht in Deutschland weilt. Schwierig zu beantworten ist lediglich die Frage, ob der Glückspilz seinen Gewinn wieder abliefern muss, wenn ihm nachgewiesen werden kann, dass er entgegen seiner Versicherung doch in Deutschland war. "Diese Frage ist so eindeutig nicht geregelt", sagt ein Rechtsanwalt. "Sicher ist aber, dass das Verbot Glückspiele anzubieten nicht damit gleichzusetzen ist, dran teilzunehmen."

Kritiker werfen der Regierung ohnehin vor, sie versuche durch Einschränkungen bei Online-Wetten lediglich das Lottomonopol der staatlichen Annahmestellen zu verteidigen. Tipp24-Chef Schumann moniert, der Glücksspielvertrag in seiner jetzigen Form sei nicht haltbar. "Bei uns dürfen Privatanbieter Spielautomaten betreiben und im Internet Pferdewetten anbieten - Online-Lottodienste dagegen sind verboten", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Auch Jochen Reiche, Analyst bei SES-Research, glaubt nicht an den Sinn des Verbots des Internet-Lottos. Das habe den staatlichen Lotto-Gesellschaften eher Nachteile beschert, erklärt er. Aus einer Annahmestelle, die letztlich ihre Interessen vertreten habe, sei nun ein ernsthafter Konkurrent erwachsen, der bei seinen Geschäften statt mit elf Prozent Provision nun mit einer Marge von mehr als 40 Prozent rechnen könne. "Das Geschäftsmodell funktioniert", sagt Reiche. dass zeige sich schon daran, dass das Unternehmen einen Millionen-Jackpot problemlos auszahlen könne.

Ganz anders sehen dies naturgemäß Vertreter der staatlichen Lottogesellschaften. Es ärgere ihn, dass es weiterhin Firmen gibt, die "illegalerweise diese Dinge anbieten", ätzte Erwin Horak, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern, in der "Süddeutschen Zeitung". Schließlich sei das Online-Glücksspiel doch mit Inkrafttreten der letzten Stufe des Glücksspiel-Staatsvertrags am 1. Januar 2009 verboten. Eigentlich dürfte es solche Online-Angebote damit nicht mehr geben.



insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
siamkat 25.09.2009
1. Mutter Theresa
Zitat von sysopDer Rekord-Jackpot vom vergangenen Wochende hat auch den privaten Glücksspielanbieter Tipp-24 viel Geld gekostet. Trotzdem ist die Freude groß. Allein wegen des Werbeeffekts kann das Dotcom-Unternehmen jetzt auf einen Ansturm neuer Kunden hoffen. Wie stehen Sie zum Internet-Lotto?
Das Thema betrifft mich zwar nicht, aber eins ist sicher, wenn das Internet-Lotto verboten wird, nicht weil irgendein Politiker besorgt wäre, einige seiner Bürger könnte das Schicksal der Spielsucht erleiden. 1001 andere Gründe, aber das Wohl des Volkes steht bestimmt an letzter Stelle. Bei jedem regierenden Politiker. Jedem.
Silverhair, 25.09.2009
2.
Zitat von sysopDer Rekord-Jackpot vom vergangenen Wochende hat auch den privaten Glücksspielanbieter Tipp-24 viel Geld gekostet. Trotzdem ist die Freude groß. Allein wegen des Werbeeffekts kann das Dotcom-Unternehmen jetzt auf einen Ansturm neuer Kunden hoffen. Wie stehen Sie zum Internet-Lotto?
Es ist seltsam - die größten Zocker in Deutschland, die Politiker und allen voran die Ministerpräsidenten die zig Mrd. verzockt haben in ihren Landesbanken bringen Gesetze wie Online-Spielverbot und Internet-Lotto Spielverbot auf die Tagesordnung - schaffen Gesetze dagegen, und müssen sich letztlich auch vom BVerfG vorhalten lassen das sie das nicht so einfach dürfen - sondern nur wenn sie die "Spielsucht" als solche damit "mindern". Und ob Internet oder Lotto-Halle, was ändert das - Nichts und absolut nichts, ausser das die Gewinne mal wieder nicht in den Zockerhöllen der Minister landen - sondern vielleicht irgendwo anders. 37 Mio für eine einzige Person - hört sich viel an- aber wenn wir mal die Boni und Gehälter der Bangster sehen ist das doch harmlos - und was sind 37 Mio gegenüber 35.000 Mio die mal eben dieser oder jener Bank "geschenkt" werden - weil die "Politiker" sich verzockt haben? Und sage und schreibe über 300.000 Mio Euro wurden an "Gewinnen" aus dem Steuersäckel an die Zocker in den Banken gezahlt .. nur damit deren Zockerbuden weiter laufen. Man sollte Banken verbieten - und Lotto und Spiele öffentlich freigeben, das erste kostet alle Steuerzahler Mrd. das zweite bringt sogar Steuern ein - und nicht wenig! Und man sollte Politiker die da den "moralischen" Finger heben schlicht und einfach auf den Mond schießen - sie sind keineswegs um die Moral..sondern eher um ihre eigene Brieftasche bekümmert! Wer Zockerspielchen in Mrd.Höhe "legitimiert" durch Gesetze , wer unbegrenzte Einkommen von einigen wenigen Gewinnern als "wirtschaftlichen Anreiz" sieht .. warum sollte der Mio gewinner im Lotto den nicht auch liefern? Vielleicht baut der ja dem nächst eine Fabrik , oder beteiligt sich an Banken (wird er mit sicherheit wohl über Aktien machen) ... Wie gesagt - Schutz vor Spielsucht .. Banken verbieten, CDS und Leerverkäufe, Hedges-Fonds .. da wäre der Menschheit wirklich mit geholfen .. da wird 24 Std. am Tag ohne irgendeine Staatliche Kontrolle gezockt! Und am Spieltisch eben unsere Politiker und Minister!
ergoprox 25.09.2009
3.
..hinter diesem Verbot stehen doch handfeste Interessen der Lottogesellschafts-Lobby, deren Managerposten größtenteils auch nur abgehalfterten Politikern als Auffangbecken dient. Die wollen sich und ihre Pfründe schützen. Nur darum gehts.
plopp! 25.09.2009
4. Hinter dem Mond
Zitat von ergoprox..hinter diesem Verbot stehen doch handfeste Interessen der Lottogesellschafts-Lobby, deren Managerposten größtenteils auch nur abgehalfterten Politikern als Auffangbecken dient. Die wollen sich und ihre Pfründe schützen. Nur darum gehts.
Genau so ist es. Das Schamlose an der ganzen Sache ist, dass in meiner Tageszeitung regelmäßig vorausgefüllte Tippscheine unserer Landeslottogesellschaft liegen. Wenn das mal nicht dem Glücksspielstaatsvertrag widerspricht, der ausdrücklich Werbung für Glücksspiel untersagt. Ich spiele übrigens seit dem Online-Lotto-Verbot in Deutschland nicht mehr Lotto, denn ich lass mich nicht gern bevormunden. Hab statt dessen einen Weg gefunden, rechtsfest bei einer ausländischen Lottogesellschaft zu spielen. Ätsch, ihr deutschen Schnarchnasen, nu bekommen andere mein Geld und das wird sich auch nicht ändern, wenn die EU den schwachsinnigen Glücksspielstaatsvertrag kippt.
Muggenhorst, 25.09.2009
5.
Zitat SPIEGEL-Artikel: ---Zitat--- Der Rekord-Jackpot vom vergangenen Wochenende hat den privaten Glücksspielanbieter Tipp-24 viel Geld gekostet, die Aktie rauschte in den Keller. Trotzdem ist die Freude bei der Firma groß: Allein wegen des Werbeeffekts kann das Dotcom-Unternehmen auf einen Ansturm neuer Kunden hoffen. ---Zitatende--- Ob da nicht mehr der Wunsch der Vater des Gedankens ist? Ein Unternehmen, das gleich beim ersten geknackten Jackpot so finanziell ins Schlingern kommt, dass es eine Gewinnwarnung herausgeben muß, vermittelt dem Kunden gegenüber eher wenig Seriosität. Man stelle sich die persönliche Tragödie vor, einmal im Leben sechs Richtige zu haben und dann ist die Lottofirma insolvent... :D
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