Lufthansa-Krise "Für Arbeitsvermittler sind wir Piloten wie ungelernte Hilfskräfte"

Die Coronakrise trifft die Lufthansa ins Mark. Die Airline will nun Hunderte Pilotenstellen streichen. Hier spricht Langstreckenkapitän Farid Merdaci über Existenzangst im Cockpit und ruppige Behandlung auf dem Arbeitsamt.
Ein Interview von Claus Hecking
Still gelegte Lufthansa-Jets am Flughafen Frankfurt: "Es gibt unter den Kollegen nur noch ein Thema: Wie geht es weiter?"

Still gelegte Lufthansa-Jets am Flughafen Frankfurt: "Es gibt unter den Kollegen nur noch ein Thema: Wie geht es weiter?"

Foto: Marcel Lorenz / imago images

SPIEGEL: Herr Merdaci, Pilot bei der Lufthansa – das war bis vor Kurzem ein hoch angesehener, krisensicherer Traumberuf. Die Pandemie hat alles schlagartig verändert. Hunderte Flugzeuge stehen am Boden, für viele Piloten gibt es seit Monaten kaum noch etwas zu tun. Wie wirkt sich das auf die Stimmung unter den Lufthansa-Kapitänen aus?

Merdaci: Es gibt unter den Kollegen nur noch ein Thema: Wie geht es weiter? Die einen sagen: "Es wird schon wieder werden", aber das werden immer weniger. Die anderen meinen: "Das ist ein echtes, dauerhaftes Problem, so wie vor der Pandemie wird es nie mehr", und diese Gruppe wird immer größer.

SPIEGEL: Was sind die größten Sorgen in Ihrem Kollegenkreis?

Merdaci: Als Lufthansa-Kapitän hatte man einen sicheren Arbeitsplatz, wir mussten uns im Cockpit keine Gedanken machen. Und wir müssen den Kopf frei haben, um sicher zu fliegen. Aber jetzt ist alles anders. Die Frau fragt, die Kinder fragen, die Nachbarn fragen: "Wie geht es weiter?" Viele Kollegen haben Kredite, die sie tilgen müssen: etwa für die Pilotenausbildung oder Wohneigentum. Natürlich machen sich da Existenzängste breit. Das ist nicht gut fürs Fliegen. 

SPIEGEL: Piloten gelten als hochqualifizierte Arbeitskräfte, die gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen. Gibt es keine Alternativen für Sie abseits der Fliegerei?

Merdaci: Wir sehen bei entlassenen Kollegen der ehemaligen Lufthansa-Töchter LGW und Sun Express, wie es laufen kann. Die mussten zum Arbeitsamt und wurden da teilweise ruppig behandelt. Einigen wurde vorgeschlagen, sie sollten zum Beispiel Gabelstapler fahren. 

SPIEGEL: Vermuten Sie böse Absicht dahinter?

Merdaci: Nein. Für die Arbeitsvermittler sind wir Piloten so etwas wie ungelernte Hilfskräfte; sie wissen nicht, wie sie mit uns umgehen sollen. Dabei werden jahrelang aufgebaute Kompetenzen wie der Umgang mit Hochtechnologie oder Personalführung völlig ignoriert. Aber Pilot ist vor dem Gesetz kein anerkannter Beruf, wir haben nur eine Lizenz. Vielen Kollegen macht das Angst.

SPIEGEL: Im Frühjahr hatten Sie mit der Lufthansa schon fast einen Krisentarifvertrag ausgehandelt. Der ist aber gescheitert, wohl auch an der Uneinigkeit innerhalb der Pilotenvereinigung Cockpit...

Merdaci: ... das ist schade. Aber auch dieses Abkommen hätte uns keine langfristige Sicherheit gegeben. Das Management hätte eine Ausstiegsklausel gehabt bei einer Verschlechterung der Lage.

SPIEGEL: Und die Lage der Lufthansa hat sich zuletzt zunehmend verschlechtert.

Merdaci: Ja. Voraussichtlich wird sie sogar schlechter sein als das sogenannte Beta-Szenario: eine Art Worst Case, den das Management im Frühjahr vorgestellt hat.

SPIEGEL: Womöglich wird die Lufthansa noch lange Geld verlieren. Aber noch immer verdienen viele Lufthansa-Kapitäne mehr als ordentlich. Wäre es höchste Zeit für Gehaltskürzungen?

Merdaci: Wir würden für eine langfristige Beschäftigungsgarantie durchaus auf Geld verzichten. Aber ab einem gewissen Umfang wird es schmerzhaft – gerade für die jungen Kollegen, die noch nicht so viel verdienen und oft noch ihre Ausbildungskredite zurückbezahlen müssen.

SPIEGEL: Zum Jahreswechsel endet das Übergangsabkommen zwischen der Pilotenvereinigung Cockpit und der Lufthansa. Was kommt danach?

Merdaci: Es wird vermutlich wieder auf ein kurzfristiges Übergangsabkommen hinauslaufen. Keine Airline auf dieser Welt, auch nicht die Lufthansa, weiß, wie es weitergeht. Aber das Lufthansa-Management baut Szenarien auf, die Angst schüren. Es heißt immer wieder, der Abbau der 1100 Stellen sei alternativlos – auch wenn unsere Pilotenvertreter Konzepte etwa für Teilzeit- oder Vorruhestandslösungen präsentieren.

SPIEGEL: Erwarten Sie eine Welle von Entlassungen?

Merdaci: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Staat den Luftverkehr fallen lässt: dass er hochqualifizierte Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt, die sich nach oben gearbeitet und jeden Tag Verantwortung für Hunderte Passagiere übernommen haben. Erst recht nicht wenige Monate vor der Bundestagswahl.

SPIEGEL: Vieles deutet darauf hin, dass sich der Luftverkehr auch nach einem Ende der Pandemie so schnell nicht wieder vollständig erholt. Das heißt: Die Lufthansa wird weniger Piloten brauchen als früher. Gibt es überhaupt eine Alternative zum Stellenabbau?

Merdaci: Nun: Stellenabbau heißt nicht automatisch Entlassungen. Lufthansa und der Staat sollten den Jungen, die aussteigen wollen, eine Perspektive ermöglichen: mit einer anständigen Abfindung, damit sie sich in Ruhe umorientieren und ein neues Leben aufbauen können. Bei älteren Kollegen sind Vorruhestandsregelungen oder freiwillige Abfindungsmodelle möglich.

SPIEGEL: Und was geschieht mit denjenigen, die bleiben wollen?

Merdaci: Mit diesen Piloten sollte die Lufthansa eine langfristige, verlässliche Bindung eingehen. Denn früher oder später wird sie diese Kolleginnen und Kollegen wieder brauchen. Deutschland ist eine Exportnation. Wir werden ohne eigene fliegerische Anbindung an die Welt nicht überleben können.

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