Thomas Fricke

Mainstream-Ökonomie Cancel Culture in der Wirtschaftspolitik

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Andersdenkenden den Mund zu verbieten, das geht natürlich gar nicht. Es gibt subtilere Wege dafür zu sorgen, dass richtig gedacht wird. Deutschlands Ökonomen haben da viel Übung.
In welche Richtung geht's?

In welche Richtung geht's?

Foto: John Stillwell / empics / picture alliance

Diesen Sommer gab es umständehalber recht wenig Kulturelles. Dafür ziemlich viel Aufregung um diese "Cancel Culture", was immer der Begriff auch meint - also, dass jemand wegen etwas, das er gesagt hat, nicht auftreten soll (manchmal dann auch nicht mehr will), zumindest nicht bei Leuten, die anderer Meinung sind. Absage. Was so in einer Demokratie natürlich nicht gut ist, auch wenn es gut ist, gegen Blödsinn zu demonstrieren.

Nur dass die Aufregung übers Canceln etwas, sagen wir, Kurioses trägt, gemessen daran, wie geräuschlos bei uns in sehr viel gravierenderen Fällen schon einmal unangenehme Meinungen auf galantere Art als "nicht hilfreich" herabgestuft wurden. Und noch werden. Ohne Aufschrei. Und ganz ohne neumodische Cancel Culture.

Etwa als über ein paar Jahrzehnte zur einzig wahren Ökonomielehre deklariert wurde, dass Wirtschaft immer irgendwie aus Verzicht (außer bei Managern und Topverdienern), Abbau von Sicherheiten, geringeren Spitzensteuern und überhaupt mehr Markt, also Power für Leute mit Geld, besteht. Was bis weit in die 2000er-Jahre nachgewirkt - und ja prima funktioniert hat, wenn man als Indiz nimmt, dass wir heute die niedrigsten Spitzensteuersätze, das größte Reichtumsgefälle und den größten Niedriglohnsektor seit Dekaden haben.

Daraus lässt sich lernen - auch, wie gefährlich so eine Art Cancel Culture sein kann.

Wer es mit einer eigentlich eher wackeligen Wirtschaftslehre so weit bringen will, kann zu viel Widerrede nicht brauchen. Das könnte erklären, warum beteiligte Ökonomen und Politprofis in der betreffenden Zeit so nachdrücklich oft von "der" ökonomischen "Vernunft" sprachen, wenn es um die eigenen Vorstellungen von Wirtschaftspolitik und Interessen ging. Was dann gang und gäbe wurde - und in manchen Kreisen bis heute nachwirkt, wenn es etwa heißt, die CDU brauche in der jetzigen Wirtschaftskrise wieder einen "Wirtschaftsexperten", also jemanden mit "wirtschaftlichem Sachverstand", also Friedrich Merz. Widerrede zwecklos. Da ist dann von Wahrheit und Sachzwängen die Rede, die dies oder jenes gebieten. Die Bedeutsamkeit anderer Einschätzungen ergibt sich dann von selbst.

Geistig Artverwandte werden gepusht

Solcherlei Semantik hilft wiederum dabei, die Kreise zu schließen, was erklären könnte, wie es zu so mancher Karriere in den Hochzeiten des Marktliberalismus kam: Wenn etwa jemand vom ordoliberalen Sachverständigenrat zur ordoliberalen Bundesbank, dann als Topmitarbeiter ins Kanzleramt und schließlich als Chef zurück zur Bundesbank wechselt, während der Vorgänger bei einer ähnlichen Runde nur die Kanzlerin ausließ.

Oder wenn in Deutschland Ehrenpreise für Wirtschaft eher für Linientreue - also ordnungspolitisches Gewissen - als für Erkenntnisgewinn vergeben werden. Und Lehrstuhlinhaber geistig artverwandte Lehrstuhlinhaber pushen. Was ebenfalls vor allzu viel Neuem schützt. Das alles doch recht freundlich begleitet von einer großen Zeitung aus Frankfurt.

Meinungsverschiedenheiten? Selten. Warum auch? Vernunft ist Vernunft. Und die Sachverständigen werden ja nicht umsonst "Wirtschaftsweise" gerufen.

Das Gute für die entsprechende Anhängerschaft ist, dass es in fortgeschrittenem Stadium solcher Mainstream-Wellen keine große Cancel Culture mehr braucht. Das geht ganz leise. Wer will schon mit Leuten zu tun haben, die unvernünftig sind? Irgendwann waren selbst Sozi-Kanzler und Grüne stolz, dass sie, sagen wir, den Spitzensteuersatz gesenkt haben. Irre.

Und wenn doch jemand widerspricht? Ist der halt irgendwie fehlgeleitet und im Zweifel "Keynesianer" - also untauglich. Weil die ja immer irgendwie nur Schulden machen wollen. Cancel Keynes. Weiter im Kreis.

Da werden Falschdenker auf Punkt und Komma geprüft - während Freunde auch mal ohne besondere akademische Leistung zum, sagen wir, Chefökonom der Europäischen Zentralbank wurden. Da sind ehemals angehimmelte anglo-amerikanische Ökonomen plötzlich nicht mehr ernstzunehmen, weil sie Angloamerikaner sind. Und der Internationale Währungsfonds, weil er von Franzosen geleitet wird. Basta.

In besonders brisanten Fällen lässt sich dann noch eins drauflegen, etwa bei Querulanten wie dem Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, den die große Zeitung aus Frankfurt auch mal für im Grunde nicht qualifiziert und überhaupt politisch gesteuert befindet. Wobei der Mann nicht zum Kommunismus aufgerufen hat, sondern als größte denkbare Unmöglichkeit vor Jahren befand, dass es in Deutschland an öffentlicher Infrastruktur mangelt und Einkommen wie Vermögen gefährlich auseinandergedriftet sind. Was nach orthodoxer Meinung nicht hätte passieren dürfen. Verrat. Als Befund heute international aber Standard - den selbst konservative Ökonomen und die FDP seit Kurzem teilen.

Womit wir beim Drama wären. Nirgendwo anders dürfte der Hang, ein sehr speziell-orthodoxes Verständnis von Ökonomie für einzig richtig zu erklären, so erfolgreich gewirkt haben wie bei uns. Was okay gewesen wäre, wenn es eben das einzig Richtige wäre. Ist es natürlich nicht. Und dann gilt in Anlehnung an einen großen Denker: Wenn so lange (fast) alle (fast) dasselbe denken, denkt irgendwann keiner mehr. Spätestens seit der großen Finanzkrise wurden die Deutschen international zunehmend heftig dafür kritisiert, wie sehr sie noch an alten ökonomischen Glaubenssätzen hängen - in einer Welt, in der es angesichts immer neuer Krisen und Schocks nötig geworden ist, dass Notenbanken wie Regierungen sehr viel mehr eingreifen. Und in der es nicht hilft, Spitzensteuersätze zu senken, Sozialregeln abzubauen und dem Markt zu huldigen.

Wenn in Deutschland selbst nach vielen Jahren Wirtschaftswachstum noch so viele Leute zu Niedriglöhnen arbeiten, dann liegt das auch daran, dass bei uns vor lauter ordnungspolitischer Grundsatztreue viel zu spät ein Mindestlohn eingeführt wurde - den selbst Briten und Amerikaner schon früher eingeführt oder erhöht haben.

Dass es zur heiligen Lehre keine Alternative geben durfte und konnte, dürfte auch erklären, warum manch frühere Regierungen viel zu spät auf akute konjunkturelle Krisen reagiert hat. Oder die Einsicht bei uns so spät reifte, dass die Europäische Zentralbank - wie alle  wichtigen Notenbanken – viel stärker bei Krisen eingreifen und im Zweifel Anleihen kaufen muss. Und, dass es an Infrastruktur mangelt. Und viel früher schon viel mehr etwa hätte investiert werden müssen, um eine klimaschonendere Wirtschaft aufzubauen.

Marktliberale Denkdominanz

Natürlich heißt all das nicht, dass alle Ökonomen, die ausgeprägt ordnungspolitisch denken, deshalb so krude mit anderen Meinungen umgehen. Nur: dass es da über Jahrzehnte in führenden Krisen nicht ums ergebnisoffene Streiten für den Erkenntnisfortschritt ging, lässt sich schwer leugnen. Mit zweifelhaften Folgen - auch wenn die Hochzeit selbst in Deutschland mittlerweile vorüber ist, wie sich an der sehr viel aktiveren Politik zu Corona-Zeiten ablesen lässt.

Es hat etwas Irritierendes, wenn es selbst in einer so aufgeklärten Demokratie über so lange Zeit gelungen ist, Wirtschaft und Wohlstand zu etwas zu deklarieren, für das es nur eine einzig vernünftig wahre weise Lehre gibt. Wobei wir festhalten sollten, dass es hier um sehr viel mehr geht als bei dem, was der eine oder andere von stramm rechts heutzutage als fürchterlicher rot-grünen Mainstream und (aua!) Meinungsdiktat bejammert. Vom Gendersternchen ist zumindest noch niemand verarmt.

Schlimmer noch: Die eindrucksvolle Geschichte der marktliberalen Denkdominanz zeigt, wie schnell so etwas dazu führen kann, dass reale Probleme übersehen werden - und es dann mehr Schaden anrichtet als wirtschaftlichen Fortschritt zu bringen. So wie es heute in Deutschland der Fall ist. Mit weniger Orthodoxie wären uns womöglich sowohl die Eskalation der Eurokrise als auch verfallende Schulen, überlastete Bahnnetze und die anhaltende gesellschaftliche Spaltung erspart geblieben.

Ist halt doch ganz hilfreich, wenn in einer Demokratie gelegentlich gestritten wird, um die besten Antworten zu finden.

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