Steueroase in der EU Mafia-Blut an Maltas Geld

Wer sein Geld nach Malta bringt, hat nur selten unangenehme Fragen zu befürchten. Die "Malta Files" zeigen: Das lockt mächtige Mafiaclans aus Italien an.
Insel Malta

Insel Malta

Foto: Annette Reuther/ picture alliance / Annette Reuther/dpa

100 Kilometer und 90 Minuten mit der Fähre trennen italienische Mafiosi von Malta. Wer genug Zeit hat, kann seinen Geldkoffer packen und auf das kleine Land mitten im Mittelmeer übersetzen. Doch es geht auch schneller: per Überweisung an die eigens angemeldete maltesische Schattenfirma. IBAN eingeben reicht, das ist der Zauber der Europäischen Union.

Malta, das ist ein Land der tüchtigen Buchhalter und Finanzoptimierer. In Malta lässt sich Geld verdienen, verstecken - und waschen. Jeder, der sein Geld hier zu niedrigen Steuersätzen anlegen will, ist willkommen. Und deshalb nimmt auch die italienische Mafia die Einladung gerne an. Das offenbaren die "Malta Files", Hunderttausende Dokumente, die vom europäischen Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) in den vergangenen Monaten ausgewertet wurden. Sie geben einen Einblick in die Geschäftspraktiken einer Insel, die von der EU-Mitgliedschaft profitiert, dabei ihren Partnerländern durch entgangene Steuereinnahmen Schaden zufügt - und die organisierte Kriminalität anlockt.

Im Laufe der Recherche sind Journalisten der italienischen Zeitung "L'Espresso" auf zahlreiche Namen gestoßen, die in ihrer Heimat berüchtigt sind. Zum Beispiel auf den von Mario "Mariolino" Gennaro, Mafioso der mächtigen 'Ndrangheta aus Kalabrien. Die italienischen Behörden ließen seinen Klan aus der Küstenstadt Reggio Calabria 2015 auffliegen. Sie beschlagnahmten Bargeld, Immobilien und Unternehmensvermögen im Wert von zwei Milliarden Euro. Gennaro kooperierte und verriet sein Betätigungsfeld: Geld in Poker- und Wettanbieter auf Malta investieren.

Die Online-Gambling-Industrie boomt auf Malta, mittlerweile macht sie zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Regierung schätzt den Wert der Branche auf 1,2 Milliarden Euro.

Frage an Edward Scicluna, den maltesischen Finanzminister: Kann es wohl sein, dass diese Summen auch zwielichtige Gestalten angelockt haben? Scicluna stand im Februar dieses Jahres vor einer Delegation von EU-Parlamentariern, die gegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung kämpfen wollen. Die Gruppe um den deutschen Grünen-Abgeordneten Sven Giegold reiste nach Malta und fragte Scicluna nach den Mafiosi im Zocker-Sektor. Doch der Minister winkte ab: Er wisse nichts davon, dass die Mafia im Online-Gambling auf Malta involviert sei. Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Dabei reichen die Verwicklungen der organisierten italienischen Kriminalität bis nach ganz oben in die maltesische Politik. Denn Gennaros Klan hat über Firmenbeteiligungen eindeutige Verbindungen zu David Gonzi, einem Malteser. Aber nicht irgendeinen, denn Gonzis Vater war bis 2013 noch Ministerpräsident Maltas.

David Gonzi ist wegen seiner Tätigkeit mittlerweile öffentlich in Bedrängnis geraten. Seine Verteidigung: Er halte nur Anteile für Drittpersonen an den Mafia-Unternehmen, sein Job als Jurist sei es nun mal, Dienstleistungen für Unternehmer zu erbringen. Eine Aussage wie ein Achselzucken: Wer sein Geld nach Malta bringt, muss keine bohrenden Nachfragen befürchten.

Die maltesischen Ermittlungen gegen David Gonzi scheinen laut italienischen Beobachtern im Sande zu verlaufen, und "Mariolino" Gennaro ist auch schwer zu erreichen: Die "L'Espresso"-Redaktion wollte den Mafioso zu Malta befragen, doch Gennaro lebt an einem geheimen Ort, im Zeugenschutzprogramm der italienischen Polizei.

Kokain und eine Karibikinsel

"Malta ist ein Anziehungspunkt für schmutziges Geld", sagt der deutsche Europa-Abgeordnete Fabio De Masi. Kriminelles Geld gehe dahin, wo die Rendite am höchsten sei und wo davon nach dem Weißwaschen möglichst viel übrigbleibe. "Wenn die Mafia tatsächlich so eine starke Rolle auf Malta spielt, klebt Blut an diesem Geld", sagt der Linken-Politiker.

Um welche Summen es dabei geht, lässt sich nur erahnen. Journalisten von "L'Espresso" haben auch die Calabrò-Familie in den maltesischen Firmendaten entdeckt. Seit Jahren spezialisiert sich dieser Clan auf den Kokainschmuggel mit südamerikanischen Kartellen - und ist dabei wohl zu ähnlichem Reichtum gelangt wie der mexikanische Mafiaboss "El Chapo" Guzmán. Nun gibt es erstmals Verknüpfungspunkte zwischen der kalabrischen Mafia, Malta und einem Offshore-Land in der Karibik.

In Balzan, nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Valletta entfernt, ist etwa eine Firma namens Haru Pharma gemeldet. Obwohl es sie schon seit vier Jahren gibt, hat sie noch keinen Bilanzbericht vorgelegt. Ihr einziger Anteilseigner ist eine weitere Firma, die auf die steuerparadiesische Karibikinsel St. Kitts und Nevis führt. Und ihr Geschäftsführer ist der 30-jährige Sebastiano "Bastianeddu" Calabrò. Seine Familie stammt ursprünglich aus der Mafia-Hochburg San Luca; von hier stammten auch Opfer und Täter des Blutbads von Duisburg im Jahr 2007 mit sechs Toten.

Ob "Bastianeddu" aus San Luca oder "Mariolino" aus Reggio: Sie sind nur zwei Beispiele für Mafiosi mit Geschäftsanteilen auf Malta. Dafür dürften sich besonders die italienischen Behörden interessieren.