Längeres Arbeitslosengeld für Ältere Wirtschaftsvertreter kritisieren Schulz

Wirtschaftsverbände üben scharfe Kritik an den Reformplänen von Martin Schulz: Der SPD-Kanzlerkandidat argumentiere mit falschen Zahlen, die Verlängerung des Arbeitslosengeldes nutze niemandem.


Deutschlands Arbeitgeber haben die Reformvorschläge von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz für den Arbeitsmarkt kritisiert. Viele seiner Vorschläge seien "ohne präzise Kenntnis der Zahlen oder der Rechtslage in Deutschland formuliert", heißt es in einer Bewertung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), die von der Funke Mediengruppe zitiert wird.

Der Arbeitgeberverband warnt demzufolge, eine Verlängerung des Arbeitslosengeld-I-Bezugs würde "eine schnelle Wiederaufnahme von Arbeit erschweren", gemeint sein dürfte damit, dass dann der Anreiz fehle, sich einen neuen Job zu suchen . Zudem habe Schulz "viel zu hohe Zahlen" zu befristeten Beschäftigungsverhältnissen genannt. In der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren seien tatsächlich gut zwölf Prozent der Beschäftigten befristet tätig. Schulz hatte dagegen im Interview der "Bild"-Zeitung von knapp 40 Prozent gesprochen.

Der SPD-Kanzlerkandidat hatte angekündigt, mit einer Änderung der umstrittenen Agenda 2010 in den Wahlkampf ziehen zu wollen. "Menschen, die viele Jahre, oft Jahrzehnte, hart arbeiten und ihre Beiträge gezahlt haben und zahlen, haben ein Recht auf entsprechenden Schutz und Unterstützung, wenn sie - oft unverschuldet - in große Probleme geraten", sagte der 61-Jährige am Montag bei einer Arbeitnehmerkonferenz seiner Partei in Bielefeld.

Mehr über die Jobchancen Älterer lesen Sie hier: Die Rückkehr der Grauhaarigen

Während Schulz mit seinem Vorstoß überwiegend Zuspruch von Seiten der Gewerkschaften geerntet hat, kommt von Wirtschaftsverbänden und Ökonomen Kritik. BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter sagte der "Passauer Neuen Presse", wer wie Schulz die Agenda 2010 "zurückdrehen" wolle, gefährde die Erfolge der Reform.

Die von Schulz beklagte große Gerechtigkeitslücke in Deutschland könne er nicht erkennen, sagte Kampeter. "Dieses Märchen wurde auch schon im Wahlkampf 2013 erzählt." In Wahrheit seien die Renten zuletzt so stark gestiegen "wie seit mehr als zwanzig Jahren nicht und die Realeinkommen sind ebenso stark gestiegen. Es haben so viele Menschen Arbeit in Deutschland wie noch nie zuvor, viele davon in unbefristeten Vollzeit-Beschäftigungen."

Rückendeckung aus der eigenen Partei

Ähnlich äußerte sich der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, mit Blick auf eine mögliche verlängerte Bezugsdauer beim Arbeitslosengeld I. "Die Agenda 2010 hat die Auszahlung von maximal bis zu 32 Monaten zurückgenommen", wie sie in den Achtzigerjahren eingeführt worden sei, sagte Hüther der "Passauer Neuen Presse". Die Korrektur sei richtig gewesen: "Eine Ausdehnung der Zahlung "führt nicht zu höherer Wiederbeschäftigung", sondern "wäre reine Alimentierung".

Ältere Arbeitnehmer haben statistisch gesehen deutlich größere Schwierigkeiten, nach einem Verlust des Arbeitsplatzes einen neuen Job zu finden. Wirtschaftswissenschaftler weisen allerdings auch darauf hin, dieses Problem werde durch die von Schulz vorgeschlagene längere Auszahlung des Arbeitslosengelds nicht gelöst. Findet beispielsweise ein arbeitslos gewordener 50-Jähriger keine neue Stelle, drohe ihm Altersarmut in der Rente auch dann, wenn Schulz' Pläne umgesetzt würde. Der Arbeitsmarktforscher Thomas Brussig fordert deshalb mehr Betreuungs- und Weiterbildungsangebote, um Ältere bei der Jobsuche zu unterstützen.

Hier geht's zur Analyse des SPD-Vorstoßes: Schulz wird zum Hartz-Reformer

Rückendeckung bekommt Schulz von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Der Vorsitzende Michael Vassiliadis verurteilt die bisherige Befristung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes als "ein Übel, das inzwischen fast jede Familie kennt - egal, ob Akademiker oder einfache Arbeiter dazugehören". Die jetzige Regelung widerspreche jedem Gerechtigkeitssinn.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) stimmte dem Vorstoß seines Parteifreundes Schulz zu: "Wer länger in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat als andere, sollte auch mehr davon haben", sagte Weil. Schulz hatte am Montag angekündigt, die Agenda 2010 korrigieren zu wollen und dabei vor allem das Arbeitslosengeld in den Blick genommen.

beb/dpa



insgesamt 408 Beiträge
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fx33 21.02.2017
1. Wundert das wen?
Die Wirtschaft profitiert davon, dass den drohenden Ruin und existenzbedrohende Leistungskürzungen durch die Arbeitsagenturen vor Augen, Arbeitslose jeden Drecksjob zu jedem Dreckslohn und unter unwürdigsten Arbeitsbedingungen annehmen müssen. Deshalb kann die Wirtschaft Dreckslöhne für Drecksjobs zahlen, die Arbeitnehmer knechten und den dicken Profit einstreichen. Klar, diese Leute profitieren nicht von etwas weniger Druck auf die Arbeitslosen. Alle anderen profitieren.
isi723 21.02.2017
2. gutes Signal!
je höher der Widerstand der Arbeitgeber, desto sinnvoller erscheinen die Vorschläge für die betroffenen Arbeitnehmer!
nurmeinsenf 21.02.2017
3. Kritik von der richtigen Seite
Es ist sicher das zuvörderste Ziel der Arbeitgeberverbände, längerfristig Arbeitslosen wieder in Lohn und Brot zu helfen. Deshalb protestieren sie, weil sie fürchten, daß bei einem länger gezahlten ALG I die auf dem Arbeitsmarkt so gesuchten Arbeitslosen nicht mehr zur Verfügung stellen. Außerdem nutzt es "niemandem", wenn der unmittelbare Abstieg auf Hartz IV-Niveau nicht mehr ganz so drohend schnell näherkommt. Richtig so, liebe Arbeitgeber?
sponleser22 21.02.2017
4. Wunder gibt es immer wieder (alle 4 Jahre)
Was die Kritiker der Schulzschen Ideen wohl vergessen haben: Wir sind VOR der Wahl, und die Idee klingt für sehr, sehr viele Menschen gut. Also wird noch mehr davon kommen. Glaubt tatsächlich jemand ernsthaft daran, daß ein ehemaliger Eurokrat aus der USPD (Un-) wieder eine SPD formt?
suplesse 21.02.2017
5. Ist doch egal!
Hauptsache es klingt gut, was man sagt. Nachher passiert sowieso etwas völlig anderes. Links blinken und rechts abbiegen heisst das Motto.
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