Umstrittene Geflügelzucht "Tierquälerei gehört zum System"

Die Geflügelbranche wirbt mit ihrer Selbstverpflichtung zu Tierwohl und Tiergesundheit. Doch die Realität hält den Imagefotos nicht stand - das zeigen heimliche Videoaufnahmen aus Hühnerställen.
Von Anna Catherin Loll
Krankes Huhn: Gezüchtet für die Turbomast

Krankes Huhn: Gezüchtet für die Turbomast

Foto: PETA

In der Reklame ist alles gut: Lila ist der Hintergrund, davor hockt, im Overall und mit einem Lächeln im Gesicht, Ramona Harkers, Hähnchenhalterin aus Haselünne. Daneben abgedruckt: Ein Zitat von ihr. "Meine Hähnchen haben keine Namen. Aber meine Fürsorge."

Die Anzeige ist Teil der neuen Werbeoffensive des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). In der vergangenen Woche hat die Branchenvertretung eine Geflügel-Charta  veröffentlicht. Tierwohl und Tiergesundheit macht sich der ZDG darin zu zentralen Aufgaben. Das Ziel: "Wir wollen das beste Geflügelland der Welt sein."

Anzeige der Geflügelwirtschaft (im SPIEGEL): Die Realität sieht häufig anders aus

Anzeige der Geflügelwirtschaft (im SPIEGEL): Die Realität sieht häufig anders aus

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das Engagement kommt gut an bei der Politik. Die Charta sei ein "Zeichen für die Bereitschaft der Branche auf den Verbraucher und den Markt einzugehen", lobt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die Initiative und lässt sich mit ZDG-Vertretern fotografieren.

Doch die Realität außerhalb von Hochglanzbroschüren und Presseaktionen sieht oft anders aus. Viele Tierrechtsorganisationen in Deutschland veröffentlichen immer wieder Fotos und Videos aus Mastställen der sogenannten Intensivtierhaltung. Für ihre jüngste Recherche, deren Ergebnisse SPIEGEL ONLINE vorliegen, filmte die Organisation Peta nach eigenen Angaben in Ställen von sechs Vertragsmästern der Sprehe-Gruppe. Mit 780 Millionen Euro jährlichem Umsatz ist der Konzern aus dem Emsland Deutschlands drittgrößter Geflügelproduzent.

Für die Aufnahmen stiegen die Aktivisten in die Betriebe ein - durch eine offene Tür, ein unverschlossenes Fenster oder eine Lüftungsanlage. Die Filmaufnahmen zeigen vier Männer im Gegenlicht, vor ihnen ein Meer aus Geflügel. Immer wieder greifen die Arbeiter die wild mit den Flügeln schlagenden Hühner an den Beinen und werfen sie in mannshoch gestapelte Transportkisten. Wollen einzelne Tiere ausbüxen, werden sie von den Ausstallern, wie die Mitarbeiter, die die Tiere aus dem Stall für den Transport ins Schlachthaus fertigmachen genannt werden, zurück getreten. (Sehen Sie hier die Aufnahmen im Video)

Videoaufnahmen von Peta: Tierschutzwidriges Verhalten bei der Ausstallung

Videoaufnahmen von Peta: Tierschutzwidriges Verhalten bei der Ausstallung

Foto: PETA

Andere Bilder aus anderen Ställen: Ein Huhn liegt neben einem Futtertrog. Die Beine hat es in einem seltsamen Winkel abgespreizt. Das Tier scheint nur schwer atmen zu können. Es guckt in die Kamera - ängstlich? Resigniert? Bewegen kann sich das Huhn jedenfalls nicht mehr. Ebenso wie ein anderes Tier, welches mitten in der Herde auf dem Rücken liegt. Im Tod sind seine Augen trüb geworden. Ein anderes, das neben einem Artgenossen in einen Eimer gelegt wurde, fiept noch.

"Von Tierwohl sind solche Verhältnisse weit entfernt", sagt Cornelie Jäger, Mitglied des Tierschutzausschusses der Bundestierärztekammer und Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg. Sie sieht in den von Peta aufgezeichneten Fällen verschiedene Verstöße gegen das Tierschutzrecht dokumentiert.

Vieles, worunter die Tiere litten, sei jedoch nicht durch mangelnde Betreuung bedingt, sondern durch das System. Der Preisdruck durch Handel und Verbraucher, der scharfe Wettbewerb und die Vorgaben durch die Konzerne, die ihnen die Tiere abnehmen, ließen den Haltern oft wenig Spielraum.

Videoaufnahmen von Peta: Die Realität sieht häufig anders aus

SPIEGEL ONLINE

Ein großes Problem sei außerdem die Genetik der Tiere. Gezüchtet auf sogenannte Turbomast nehme ein solches Huhn am Ende der Mastperiode fast 100 Gramm pro Tag zu, um viel des besonders begehrten Brustfleischs anzusetzen, sagt Jäger. Dieses enorme Wachstum führe zu starker Belastung der Gliedmaßen und mache das Tier anfällig für Krankheiten.

Der hohe Antibiotikaeinsatz in der Geflügelindustrie sei deshalb kein Zufall, sagt Jäger. "Selbst wenn die Bauern anders arbeiten wollen, ist es schwer für sie. Sie können praktisch kaum Hühner mit anderem Genmaterial mästen."

Die Geflügel-Charta bezeichnet die Tierärztin als "hochgradig enttäuschend". Die Industrie verpflichte sich darin faktisch zu nichts und mache keine Vorschläge, wie nachhaltig für mehr Tierwohl gesorgt werden könnte.

Geflügelwirtschaftsverband erkennt tierschutzwidriges Verhalten

Der ZDG erklärt auf Anfrage, dass viele der in der Charta formulierten Regeln gelebter Standard seien. In Bezug auf die Peta-Aufnahmen erkennt der Verband tierschutzwidriges Verhalten zumindest bei der Ausstallung. Der ZDG hat nach eigener Aussage deshalb die sofortige Überprüfung durch unabhängige Auditoren veranlasst. Insgesamt sei der Zustand der Herden jedoch gut und kein Fehlverhalten des Geflügelhalters vorhanden.

Die Sprehe-Gruppe teilt auf Anfrage mit, ihr sei es gegenwärtig nicht möglich nachzuvollziehen, ob die Aufnahmen tatsächlich von Vertragsmästern stammten. Sollte dies der Fall sein, würde sie etwaige tierschutzwidrige Umstände umgehend abstellen.

Peta hat Strafanzeige gegen die besuchten Mäster gestellt. Es handele sich nicht um Einzelfälle, sagt Edmund Haferbeck, Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung bei Peta-Deutschland. Die Tierrechtler hätten über Jahre rund 80 Prozent der deutschen Geflügelproduktion dokumentiert. Immer wieder stoßen die Aktivisten auf die gleichen Probleme: Hühner mit verwahrlostem Gefieder, mit gebrochenen Gliedmaßen, und immer wieder tote, halb verweste Tiere dazwischen. "Tierquälerei gehört zum System der Massentierhaltung", sagt Haferbeck.

Bundesagrarminister Schmidt (M.): Lob für die Geflügelbranche

Bundesagrarminister Schmidt (M.): Lob für die Geflügelbranche

Foto: Frank Nuernberger/ dpa

Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt sieht das offenbar ganz anders: Beim Tierwohl setzt er in erster Linie auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie. Massentierhaltung sei ein diffamierendes Wort, sagte er in der Bundespressekonferenz. Und schließlich: Die Bauern seien der fünfgrößte Wirtschaftsfaktor in Deutschland; "wir wollen die Landwirtschaft ökonomisch attraktiv in diesem Lande behalten."

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