Mauerstreit schadet US-Grenzorten Mexikaner zahlen - aber ohne Mauer

Trump hat die texanische Stadt McAllen zum Epizentrum der Einwanderungskrise erklärt. Doch der prosperierende Ort am Rio Grande fürchtet nur eins: dass die Mexikaner wegbleiben.

Präsident Trump am Rio Grande
AP

Präsident Trump am Rio Grande

Aus McAllen berichtet


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In seinem Amtszimmer hat Bürgermeister Jim Darling eine gerahmte Schwarz-weiß-Fotografie aufgehängt. Ein gelangweilter Cowboy sitzt am Rand einer holprigen Sandpiste, hinter ein paar einsamen Häusern verliert sich die Straße im staubigen Nichts. "So sah die Hauptstraße von McAllen einmal aus", sagt Darling. "Vergleichen Sie das mit heute."

McAllen boomt. Die Stadt am Rio Grande im tiefsten Süden von Texas gehört zu den am schnellsten wachsenden Regionen Amerikas. Die Zahl der Einwohner ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um über 30 Prozent auf 143.000 gestiegen. Die Einzelhandelsumsätze des Bezirks haben sich verdoppelt, der Autoumsatz vervierfacht, die Hotels nehmen über 20 Prozent mehr ein. Diesen Aufstieg verdankt die Stadt vor allem - Mexiko.

Jim Darling, Bürgermeister von McAllen, zeigt wie seine Stadt früher aussah
Ines Zöttl

Jim Darling, Bürgermeister von McAllen, zeigt wie seine Stadt früher aussah

Nur ein paar Kilometer sind es von McAllen bis zu dem langsam dahinmäandernden Fluss, der die USA von Lateinamerika trennt. Drüben liegen die Städte Reynosa und Monterrey, in deren Großraum fünf Millionen Menschen leben. Jeden Tag überqueren Tausende - ganz legal - die mehrspurige McAllen-Hidalgo-Reynosa International Bridge gen Norden, um ihre Pesos in Dollar zu wechseln, und die Dollar in amerikanische Waren.

McAllen ist zum Shoppingparadies für Mexikos wachsenden Mittelstand geworden. "40 Prozent unserer Mehrwertsteuereinnahmen stammen von Mexikanern, die zu uns zum Einkaufen kommen", sagt Bürgermeister Darling. Keine andere Stadt in dem Bundesstaat nimmt pro Kopf mehr Verkaufssteuern ein.

Nafta hat alles verändert

Dabei ist noch nicht lange her, dass das Rio Grande Valley von der Landwirtschaft lebte. An den Bäumen neben den Highways wachsen noch heute die prallen rosafarbenen Ruby-Red-Grapefruits.

Doch dann kam Nafta, das Nordamerikanische Freihandelskommen. "Das hat alles verändert", sagt Darling. Seine Stadt hat die Chance genutzt, nach dem Motto: Wandel durch Handel. Mitten im Zentrum steht eine palmengesäumte Stadt in der Stadt: die La-Plaza-Mall. Auf 100.000 Quadratmetern Verkaufsfläche gibt es alles, was die mexikanische Konsumlust begehrt.

Schmuck, Designerklamotten, Disney-Devotionalien und natürlich die Starbucks-Filiale für den Cold Brew danach. Die Verkäufer sprechen Spanisch so fließend wie Englisch, oder sie mischen beides virtuos zu einer Sprache, die sie hier Spanglish oder Tex-Mex nennen. 18 Millionen Besucher im Jahr zieht McAllen nach eigenen Angaben an - die deutsche Hauptstadt Berlin kommt auf rund 13 Millionen Touristen.

Doch an diesem Freitagnachmittag ist in der Rolex-Boutique des Juweliers Deutsch & Deutsch wenig los, ebenso wie am Stand von iiRepair, wo zwei Halbwüchsige für 30 Dollar iPhone-Akkus ersetzen. Durch die straßenbreiten Gänge zwischen den blankgeputzten Schaufenstern ziehen nur vereinzelt tütenbepackte Konsumenten.

Dem Bürgermeister, einem kleinen lebhaften Mann mit deutschen Vorfahren und feinem Humor, machen solch flaue Tage Angst. Denn seit Donald Trumps Amtsantritt ist sein Geschäftsmodell ins Wanken geraten. Dass der Präsident eine Mauer an der Südgrenze bauen wolle, für die dann auch noch die Mexikaner zahlen sollten, habe jenseits des Rio Grande "große Verärgerung" ausgelöst, erzählt das Stadtoberhaupt.

Mexikaner rufen zum Boykott der US-Malls auf

Plötzlich blieben viele Käufer weg. Unter dem Hashtag #AdiosMcAllen riefen wütende Mexikaner zum Boykott seiner Stadt auf. Darling flog sofort rüber. "Ich habe dem Gouverneur gesagt: Wir sind doch Familie, lasst euren Ärger nicht an uns aus. Wir lieben euch. Kümmert euch nicht drum, was der Präsident redet." Mehr als eine Viertelmillion Dollar ließ sich McAllen eine Kampagne zur Wiederversöhnung unter dem Slogan "Amigos Always" kosten.

Im Video: Trump beharrt auf Grenzmauer - "Ich bekomme sie gebaut"

REUTERS

Doch die Schadensbegrenzung währte nur kurz. Dann kündigte sich Donald Trump persönlich an. Als Darling Anfang Januar am Flughafen auf die Air Force One wartete, war er noch vorsichtig optimistisch. Mitarbeiter des Weißen Hauses hatten ihm Trumps Redemanuskript zugesteckt, es klang moderat. "Er muss dann aber vom Teleprompter abgewichen sein", sagt Darling ironisch.

Trump erklärte McAllen zum Epizentrum einer nationalen Einwanderungskrise. Während die Kameras auf den Berg an konfiszierten Waffen, Drogen und Geld schwenkten, die das Weiße Haus für den Anlass hatte herbeischaffen lassen, schlug der Präsident Alarm: "Die Leute, die reinkommen - die Kriminellen, die Gangs, die Schleuser, die Drogen - es ist alles Verbrechen."

Daran allerdings stimmt nur eines: im Sektor McAllen kommen die meisten Flüchtlinge aus Mexiko, Nicaragua oder Honduras an. "Aber wir sind die sicherste Stadt in Texas", sagt Darling. 2018 gab es nicht einen einzigen Mord - auch wenn der frühere Staatsanwalt scherzhaft zugibt, manchmal selbst solche Gedanken zu hegen.

"Sie halten das hier für ein Kriegsgebiet"

Der Vater von sechs Kindern weiß, dass er gegen Trumps simple Angstbotschaft wenig Chancen hat. Selbst Politiker aus Washington, die bei der Tour mit dem Patrouillenboot der Border Patrol über den nebelverhangenen Rio Grande blicken, fühlen sich bei ihm inzwischen wie in Vietnam. "Sie halten das hier für ein Kriegsgebiet", lästert der Vietnam-Veteran.

"Die Rhetorik aus Washington schadet uns", warnt Darling. Wenn ihn nun potentielle Investoren anrufen, weiß er, dass immer die eine Frage kommt: "Ist es bei euch wirklich sicher?" Rund eine Million Dollar gibt die Stadt im Jahr dafür aus, Unternehmen aus aller Welt anzuwerben - ob die dann diesseits oder jenseits der Grenze ihre Fabrik bauen, ist für Darling nicht entscheidend.

Im Gegenteil: Lange hat die Wirtschaftsförderung ihre Gelder darauf verwandt, für die "maquiladoras" zu werben, die Montagefabriken in Reynosa, in denen Arbeiter für unschlagbar niedrige Löhne Exportprodukte fertigen. McAllen profitiert davon mittelbar über den Konsum und den Handel. In der örtlichen Freihandelszone haben sich viele Logistikanbieter angesiedelt. Die Arbeitslosenrate ist von über 20 Prozent Anfang der 90er-Jahre auf 4,5 Prozent im Dezember 2018 gesunken. Die Stadt hat ein modernes Klinikum gebaut und in Schulen investiert. Doch immer noch hat sie ökonomisch Nachholbedarf. Die Einkommen sind niedrig.

Auf Darlings Schreibtisch flattert im Luftzug der Klimaanlage neben der amerikanischen und texanischen Flagge die rot-weiß-grüne Landesfahne Mexikos. Die Region hat sich zum gemeinsamen Wirtschaftsraum McAllen-Reynosa zusammengeschlossen. Investoren aus Mexiko seien "integraler Teil der Wirtschaft von McAllen", hat die Handelskammer feststellt. Oder, wie David Deanda, der Präsident der regionalen Lone Star National Bank, erklärte: "Wir hängen stärker von ihnen ab als sie von uns."

Armando O'Cana würde das so nicht formulieren. Doch der Bürgermeister von Mission, der kleineren Nachbarstadt westlich von McAllen, hält die Mauerdebatte für so schädlich wie sein dortiger Amtskollege.

Armando Ocana, Bürgermeister der Stadt Mission, und ein Trump-Foto auf seinem Handy
Ines Zöttl

Armando Ocana, Bürgermeister der Stadt Mission, und ein Trump-Foto auf seinem Handy

Der wuchtige Mann kann nicht verbergen, dass ihm die Begegnung mit Trump schmeichelte. Stolz zeigt er sein Handy mit dem Photo, auf dem ihm der Präsident auf die Schulter klopft. Doch auf die Publicity, die der Besuch aus dem Weißen Haus seiner Gemeinde verschafft hat, würde er trotzdem gerne verzichten. "Die Leute zeigen nur Interesse, wenn es kracht."

O'Cana ist runter zum Rio Grande gekommen, um gemeinsam mit der Kirchengemeinde gegen Trumps Pläne zu protestieren. Denn hier sollen nach früherem Beschluss des Kongresses die ersten paar Meilen der Mauer entlang der 3144 Kilometer langen Grenze zwischen den USA und Mexiko gebaut werden. Mission ist damit zum Ground Zero der Trumpschen Krisenpolitik geworden. Die ersten Bagger sind schon angerückt. "Wir Amerikaner haben die Mauer in Berlin niedergerissen, warum bauen wir nun hier eine auf?", fragt O'Cana kopfschüttelnd.

Im Video: Geteilte Grenzstadt in Arizona - US-Bürgermeister wehrt sich gegen Trumps Stacheldraht

Kamera One

Doch eigentlich geht es ihm nicht um die große Politik, sondern um die wirtschaftliche Zukunft seiner Gemeinde. Er fürchtet, dass die Angstrhetorik des Präsidenten nicht nur die Mexikaner, sondern auch die eigenen Landsleute verschreckt: die vielen tausend "Wintertexaner", die jedes Jahr im Valley überwintern - und das Bruttoinlandsprodukt um Millionen steigern. "Jeder von ihnen lässt pro Tag 103 Dollar bei uns", sagt O'Cana.

Wenn der Grenzzaun die Öko-Oasen zerteilt

Nur ein paar Meter weiter auf dem Campingplatz stehen die Wohnwagen dicht an dicht am Ufer - manche der Fahrzeuge sind weit über 100.000 Dollar wert. Am Abend trifft man sich bei Livemusik zum Sundowner auf der Terrasse des Riverside Club - mit Blick auf das dicht bewachsene mexikanische Ufer jenseits des schmalen grünen Flusses.

Die Touristen kommen wegen des milden Klimas, aber auch weil sich der Süden des Ölstaats Texas zum Anziehungspunkt für Ökoreisende entwickelt hat. Der Grenzwall aber würde den Bentsen Park, wo Touristen mit Ferngläsern Ausschau nach den 370 Vogelarten halten, genauso zerschneiden wie das National Butterfly Center. "Glauben Sie, die Naturliebhaber kommen noch, wenn es hier aussieht wie auf einem Gefängnishof?" fragt Marianna Trevino-Wright bitter, die Geschäftsführerin des Schmetterlingszentrums.

Bürgermeister Darling hofft, dass am Ende zumindest die Öko-Oasen seiner Region verschont werden. Er rät zu Pragmatismus. So wie damals, als seine Stadt eine Straße durch einen der Naturparks bauen wollte. Eine Umweltschützerin, "eine wirklich liebenswerte Dame aus dem Schulvorstand", drohte , sich an einen der Bäume zu ketten, die gefällt werden sollten. Die Stadtoberen lösten das Problem konfliktfrei. "Wir haben die Straße an der Stelle verschoben. Nur drei Meter". Ein wenig Flexibilität, findet der studierte Jurist und Psychologe, würde Washington guttun.


Zusammengefasst: US-Präsident Donald Trump will unbedingt eine Mauer an der Grenze zu Mexiko und stellt die Grenzregion als Krisengebiet dar, wo es sich ohne Mauer nicht sicher leben ließe. Wer die Städte der Region besucht, findet etwas ganz anderes vor: Blühende Landschaften, die von der Nähe zu Mexiko profitieren - und deren Aufschwung stark vom südlichen Nachbarn abhängig ist. Trumps Angstrhetorik bedroht ihre Prosperität.

insgesamt 34 Beiträge
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m.klagge 25.02.2019
1. Herr Trump ist von fast der Hälfte der
Freien und Braven gewählt worden. Jetzt zahlen alle den Preis für die angewandte Dummheit dieser einen Hälfte. Statt jeden Cent in die völlig marode Infrastruktur zu stecken eifert der Herr der Dummen einem gewissen Herrn Ulbricht nach. Und nicht mal das kriegt er auf die Kette.
tailspin 25.02.2019
2. Das kann ja wohl nicht wahr sein
Der Siegel unterstellt, dass Del Rio nur durch die Mexikaner prosperiert hat, die offenbar bisher illegal durch den Rio Grande geschwommen sind, und die das kuenftig nicht mehr koennen? Barer Unsinn. Die Mexikaner kriegen selbstverstaendlich Besuchervisa fuer die USA ausgestellt, vorausgesetzt sie machen glaubhaft, dass sie wieder zurueckgehen. Das Trump derangement syndrom scheint das Logikzentrum in den Redakteurskoepfen anzufressen.
Botschafter der Kokosnuss 25.02.2019
3.
Es gibt interessanter Weise immer jemanden, der selbst von der Armut Mittelloser profitiert. Habe einen Bericht gesehen, über den Menschenhandel über das "befreite" Libyen. Das hat mich mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen. Einerseits nehmen Flüchtlinge sehr bewusst vieles in Kauf, andererseits profitieren sehr viele von den zum Teil doch unglaublich naiven Vorstellungen der Migranten. Okay, da gibt es also auch eine Stadt in den USA, die stark von einer Migration profitiert. Sicher stehen irgendwelche finanziellen Anreize dahinter. Während der Goldgräberzeit in Alaska waren es übrigens der Bäcker, die wirklich reich wurden, weniger die Glücksritter. Das Leben hat ganz eigene Antworten auf unsere Fragen.
stupamundi 25.02.2019
4. He, tailspin..
... Lesen, als Buchstaben Aneinanderreihung zu sehen, ist nicht Sinn der Sache, man sollte das Gelesene auch intellektuell erfassen. Eine Kunst, an der Sie noch etwas Übung brauchen. Sicherlich, da liegen Sie richtig, die Mexikaner kommen legal und mit Visa über die Grenze, die beiden Bürgermeister befürchten, wahrscheinlich mit Recht, daß sie das nicht mehr tun, wenn, Trumps Rethorik könnte der Auslöser sein, sie sich nicht mehr Willkommen geheißen fühlen. Und so wird es in dem Artikel kolportiert. Also noch einmal, lesen und dann, das Gelesene zu verstehen versuchen... dann brauchen Sie keine unausgegorenen Statements zu posten, wahrscheinlich ist diese Technik sogar gut für Ihre Gesundheit, denn unnötige Erregung ist ja nicht gut für einen ausgewogenen Blutdruck.
PETERJohan 25.02.2019
5. Die Mauer kommt nicht
Die Wirtschaft wird ihn bremsen den Supermann.Wenn er Milliarden aus den Militärhaushalt abzweigt, schafft er nur ein Teilstück und die Zeit läuft gegen ihn
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