McKinsey-Chef Mattern Top-Berater fordert höhere Löhne in Deutschland

Die Reformen in Italien und Spanien zeigen erste Erfolge - und das ist auch für die deutsche Wirtschaft gut, sagt McKinsey-Chef Frank Mattern. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Top-Berater, warum die Betriebe jetzt sogar großzügiger bei Lohnerhöhungen sein sollten.
Maschinenbau: Angleichung der realwirtschaftlichen Bedingungen ist dringend erforderlich

Maschinenbau: Angleichung der realwirtschaftlichen Bedingungen ist dringend erforderlich

Foto: dapd

SPIEGEL ONLINE: Herr Mattern, in Italien und Spanien werden erste Erfolge der Reformpolitik sichtbar. Die Handelsbilanzen für das erste Quartal 2012 sehen erheblich besser aus als im Jahr zuvor. Ist das Schlimmste überstanden?

Mattern: Die Zahlen sind tatsächlich ermutigend. Die Regierungen der beiden Staaten sind auf dem richtigen Weg. Doch es wird noch eine Zeit dauern, bis sich die Wirtschaft in beiden Ländern wieder erholt hat. Es gilt, wieder an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen, die Arbeitsmärkte zu beleben, so dass die Menschen wieder Geld verdienen, das sie ausgeben können. Das ist ein Prozess, der mindestens drei bis vier Jahre in Anspruch nehmen wird. Ein Jahr davon haben wir jetzt hinter uns. Ein wenig Geduld werden wir also noch brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Eine lange Zeit, wenn man den Druck in Rechnung stellt, der von den Finanzmärkten ausgeht.

Mattern: Die Zinsentwicklung an den Kapitalmärkten ist eher von kurzfristigen Einflüssen geprägt. Da spielen die Pläne der Zentralbanken eine Rolle und die Zuversicht, dass das investierte Geld nicht verlorengeht. Entscheidend sind aber die politischen Rahmenbedingungen, die die Regierungen der Euro-Partnerländer schaffen und damit das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung stärken.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es denn für die deutsche Industrie, wenn sich die Volkswirtschaften in den südeuropäischen Staaten wieder erholen?

Mattern: Wir sollten uns darüber freuen! Vielleicht macht dann der eine oder andere Unternehmer eine Flasche Champagner auf, weil die Nachfrage nach seinen Produkten wieder ansteigt. Immerhin liefern die Deutschen rund 40 Prozent ihrer Exporte an die Euro-Partnerländer, auch nach Spanien und Italien. Wenn die Konjunktur anzieht, werden die Investitionen ansteigen und damit wächst auch die Nachfrage nach deutschen Anlagen und Maschinen.

SPIEGEL ONLINE: Mancher Unternehmer wird klagen, dass seine Wettbewerber indirekt mit deutschen Steuergeldern wieder aufgepäppelt worden sind.

Mattern: Die Klage halte ich für unbegründet. Die Konkurrenz hat es ja immer gegeben. Wir können nicht unsere Nachbarn in Südeuropa immer wieder zu Reformen drängen und dann, sobald sich zarte Erfolge zeigen, vor Konkurrenzangst zittern. Viel wichtiger ist, dass die Ungleichgewichte innerhalb Europas abgebaut werden. Dazu leistet die Gesundung der Ökonomien in Italien und Spanien einen großen Beitrag. Die Wirtschaft in Südeuropa bedeutet für die deutsche Industrie in erster Linie Absatzmärkte, nur in zweiter Linie Konkurrenz. Nicht zu vergessen ist auch ein anderer Effekt: die Wertentwicklung des Euro, der im Zuge der Schuldenkrise zeitweise rund 20 Cent gegenüber dem Dollar verloren hat. Das hat die Wettbewerbsfähigkeit auch der deutschen Unternehmen in den USA und den Märkten in Fernost spürbar verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Steht uns womöglich wieder eine Diskussion ins Haus, die sich um neue Reformen in Deutschland dreht, um den alten Abstand in Sachen Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen?

Mattern: Eine Angleichung der realwirtschaftlichen Bedingungen ist dringend erforderlich, wenn der Euro als Gemeinschaftswährung eine Zukunft haben soll. Derzeit sind die Lohnkosten in Deutschland zwar höher als in Südeuropa. Die deutsche Industrie macht den Rückstand aber durch eine deutlich höhere Produktivität wett. Da bleibt auch Raum für höhere Lohnabschlüsse.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren für Lohnsteigerungen?

Mattern: Etwas höhere Lohnabschlüsse sind überhaupt kein Problem, solange sie von Produktivitätsfortschritten gedeckt sind. Sie führen hoffentlich auch dazu, dass die Nachfrage im Inland lebhafter wird. Davon würden am Ende auch südeuropäische Anbieter profitieren, die Olivenöl oder Wein in Deutschland verkaufen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Mit höheren Löhnen könnten wir also den Euro retten?

Mattern: So einfach ist es natürlich nicht. Entscheidend wird sein, dass die südeuropäischen Staaten die notwendigen Reformen und den Abbau der Staatsschulden weiter vorantreiben. Von ihrem Erfolg und von der Zinspolitik der EZB wird es abhängen, ob die Finanzmärkte wieder Vertrauen fassen. Wenn sie Anzeichen einer Besserung erkennen, werden die Märkte schnell reagieren.

Das Interview führte Michael Kröger
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