Senkung der Mehrwertsteuer Handel fürchtet Millionenkosten für Umstellung

Ein halbes Jahr niedrigere Mehrwertsteuer: Die Maßnahme aus dem Konjunkturpaket soll auch die Umsätze im Einzelhandel ankurbeln. Die Branche klagt jedoch über einen "hohen zweistelligen Millionenbetrag" an Kosten.
Hohe Straße in Köln (am 16. Mai): Kassensysteme müssen umgestellt, Preise neu ausgezeichnet werden

Hohe Straße in Köln (am 16. Mai): Kassensysteme müssen umgestellt, Preise neu ausgezeichnet werden

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Marius Becker/ dpa

Für die Koalition ist es das Herzstück ihres Konjunkturpakets - doch in einer der dadurch unterstützten Branchen herrscht keine ungetrübte Begeisterung: Die geplante temporäre Absenkung der Mehrwertsteuer stellt den Einzelhandel vor große Herausforderungen. "Wir haben es mit einem vergleichsweise hohen Aufwand zu tun. Das würde einen hohen zweistelligen Millionenbetrag kosten", sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, Stefan Genth. Kassensysteme müssten umgestellt werden, Preisschilder ersetzt und Werbung neu gestaltet werden.

Rechtlich sei Genth zufolge jedoch auch ein sogenannter Rechnungsrabatt möglich: Dabei würden die Preise der einzelnen Artikel - in einem durchschnittlichen Supermarkt sind das rund 15.000, in großflächigen sogar 40.000 - wie bisher am Regal ausgeschildert und die Vergünstigung erst an der Kasse berechnet. "Man kann den Gesamtpreis an der Kasse entsprechend reduzieren. Das ist juristisch und verbraucherrechtlich möglich", sagte Genth. Allerdings müsse sich zeigen, ob es bei den Kunden dafür Akzeptanz geben oder ob eine mangelnde Preistransparenz bemängelt werde.

Um die durch die Corona-Pandemie schwer angeschlagene Konjunktur wieder anzukurbeln, hatte die Bundesregierung beschlossen, den Mehrwertsteuersatz ab dem 1. Juli von 19 auf 16 Prozent zu senken. Der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der etwa für lebensnotwendige Güter gilt, soll auf fünf Prozent fallen. Bundestag und Bundesrat müssen dem noch zustimmen. Die Regelung ist bis zum 31. Dezember befristet.

Für die Händler bedeutet das allerdings, dass nach sechs Monaten erneut alle Preise neu berechnet und ausgezeichnet werden müssten. Hinzu kommt Genth zufolge, dass eine Wiedererhöhung der Preise schwerer an die Kunden vermittelbar sei. "Es wäre fatal, wenn am 1. Januar drei Prozent aufgeschlagen werden müssen und der Handel auf einem Teil der Kosten sitzen bleibt."

"Das kommt sehr kurzfristig, es sind nur noch gut drei Wochen, um sich umzustellen", sagte die Steuerberaterin und Umsatzsteuerexpertin der Beratung Baker Tilly, Marion Fetzer. "Das ist sowohl für große Unternehmen als auch für kleinere Händler eine Herausforderung."

Bei den Handelsketten war zunächst noch unklar, wie man sich auf die Umstellung in wenigen Wochen vorbereiten wollte. "Wir haben jetzt eine Menge Arbeit damit. Aber wir werden uns dieser Aufgabe stellen - und werden das auch an die Kunden weitergeben", sagte ein Sprecher der Supermarktkette Rewe. Auch andere Ketten wie Edeka, Aldi, Lidl oder Netto hatten bereits angekündigt, die gesenkte Mehrwertsteuer in Form von Preissenkungen an die Kunden weitergeben zu wollen. Auf welche Weise dies geschehen soll, gaben die Konzerne aber noch nicht bekannt.

Experten haben allerdings große Zweifel, dass die Senkung mehrheitlich an die Verbraucher weitergegeben wird. Gerade in der Gastronomie müssten Wirte nun pro Gast mehr verdienen, daher ist es wahrscheinlich, dass sie die Preise unverändert lassen und so ihre Marge erhöhen. Auch viele Händler abseits des Lebensmittelhandels planen keine generellen Preissenkungen.

Auch für die Buchhaltung in größeren Unternehmen und all jene Händler, die Kassensysteme im Einsatz haben, bringt die temporäre Senkung Umstellungen mit sich. Beim Softwarekonzern SAP, dessen Dienste viele Unternehmen dafür nutzen, bleibt man dennoch gelassen. "Die Mehrwertsteuersätze zu ändern, ist ein einfacher, schlanker Prozess", sagte ein Sprecher. Die Kunden müssten lediglich in dem betreffenden Kästchen die Zahlen anpassen.

"Große Konzerne, die weltweit in über hundert Ländern aktiv sind, machen das ständig - die Logik der Mehrwertsteuer ist zwar in jedem Land dieselbe, aber die Parameter ändern sich immer mal wieder", sagte der SAP-Sprecher. Die Kunden seien es gewöhnt, es gebe auch keine verstärkten Nachfragen. Nutzten sie die Cloud-Software, veranlasse SAP die Änderung selbst, und auch das sei nur ein Handgriff.

fdi/dpa
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