Corona-Konjunkturpaket So viel sparen die Bürger durch die Mehrwertsteuersenkung

Zwei Cent weniger für Joghurt, zwei Euro weniger für eine Jeans - das soll die Konjunktur ankurbeln? Eine DIW-Berechnung zeigt: Die Mehrwertsteuersenkung kann die Kaufkraft tatsächlich steigern.
Supermarktregale (Archivbild): Im zweiten Halbjahr könnte die Kaufkraft merklich steigen - wenn die Unternehmen die Senkung weitergeben

Supermarktregale (Archivbild): Im zweiten Halbjahr könnte die Kaufkraft merklich steigen - wenn die Unternehmen die Senkung weitergeben

Foto: Oliver Berg/ dpa

Für Markus Söder ist sie das "Herzstück" des Konjunkturpakets: die Absenkung der Mehrwertsteuer in der zweiten Hälfte dieses Jahres. Sie soll, so die Hoffnung des CSU-Chefs und der Koalitionspartner von CDU und SPD, die Bürger in Kauflaune versetzen und die durch die Coronakrise darbende Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

Nicht wenige der Bürger selbst melden jedoch Zweifel an den Erfolgsaussichten an. In den sozialen Netzwerken rechnen einige vor, dass ein Joghurt künftig 97 statt 99 Cent kosten würde. Oder eine neue Jeans 67 Euro statt bislang 69 Euro. Davon würde man an der Kasse doch nicht wirklich etwas bemerken. Lässt sich so die Konjunktur ankurbeln?

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Berechnungen des Steuerexperten Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen nun: Die abgesenkte Mehrwertsteuer hat zumindest das Potenzial, die meisten Menschen spürbar zu entlasten und ihren finanziellen Spielraum so zu vergrößern. Je nach Einkommen und abhängig von der Zusammensetzung könnten die Haushalte pro Monat 26 bis 116 Euro sparen. Über das gesamte halbe Jahr der Absenkung könnte die Ersparnis also zwischen 157 und 696 Euro liegen.

Diese Beträge, betont DIW-Experte Bach, stellen jedoch eher die Obergrenzen der Entlastungen dar - und dienen vor allem dazu, ein Gefühl für die Größenordnung der möglichen Wirkung zu vermitteln.

Für seine Modellrechnung ging Bach von einigen Prämissen aus. Etwa der, dass

  • die Unternehmen die Senkung in vollem Umfang an die Kunden weitergeben und

  • die Verbraucher exakt so weiter konsumieren, wie sie es ohne die Senkung tun würden.

Aus den Daten der Langzeitstudie SOEP (Sozio-oekonomisches Panel), für die jährlich Zehntausende Personen befragt werden, lässt sich recht exakt bestimmen, wie hoch das Einkommen verschiedener Haushalte im Monat ist und wie viel sie davon auch wieder ausgeben.

Haushalte mit einem niedrigen Einkommen - 80 Prozent der deutschen Haushalte haben ein höheres Einkommen, nur 20 Prozent ein noch niedrigeres - müssen es vollständig ausgeben. Haushalte mit einem hohen Einkommen - nur 20 Prozent der deutschen Haushalte haben noch ein höheres, 80 Prozent ein niedrigeres - legen jedoch im Schnitt elf Prozent zur Seite. Haushalte mit einem mittleren Einkommen haben im Schnitt immerhin noch eine Sparquote von fünf Prozent. Bach berücksichtigte zudem, dass etwa auf Miete keine Mehrwertsteuer fällig wird und dass ärmere Haushalte einen höheren Anteil ihrer Ausgaben für Waren tätigen, auf die der ermäßigte Satz erhoben wird.

Die Berechnung macht klar: Von den geplant 20 Milliarden Euro, die der Staat weniger an Mehrwertsteuer einnimmt, werden Gutverdienende wesentlich mehr abbekommen als Geringverdiener.

Effekt könnte größer sein - aber auch kleiner

Demnach würde eine vierköpfige Familie (zwei Eltern und zwei Kinder unter 14 Jahren) mit einem niedrigen Monatsnetto von 2872 Euro durch die gesenkte Mehrwertsteuer 53 Euro im Monat sparen. Über das gesamte halbe Jahr blieben ihr 317 Euro mehr zur Verfügung. Bei einem mittleren Einkommen von 4431 Euro wären es bereits 82 Euro im Monat, also 489 Euro im halben Jahr. Und eine gut verdienende Familie würde im Monat 116 Euro sparen, insgesamt also 696 Euro.

Allerdings dürfte die ungleiche Entlastung in Wirklichkeit noch deutlich stärker sein, als die Modellrechnungen nahelegen:

  • So werden wohl nicht alle Unternehmen die Senkung in voller Höhe an ihre Kunden weiterreichen. Viele Gastronomen und Einzelhändler dürften die Preise unverändert lassen und ihre während des Lockdowns entstandenen Verluste so ein wenig ausgleichen. Zudem sind die Kosten der Umstellung für die Unternehmen relativ hoch. Optimistische Ökonomen rechnen damit, dass die Senkung zu etwa 75 Prozent auf die Verbraucher überwälzt wird - andere Studien ermittelten eine weitaus geringere Überwälzungsquote von nur 15 Prozent.
    Wer also sein Konsumverhalten unverändert lässt, wird durch die Senkung weniger stark entlastet als in der DIW-Berechnung.

  • Andererseits besteht ein gewollter Anreiz der befristeten Senkung darin, dass Verbraucher ohnehin geplante größere Anschaffungen vorziehen. Das Auto oder die neue Küche werden also nicht erst später, sondern bereits im kommenden Halbjahr gekauft. Bei diesen teuren Produkten werden die Kunden auf die Weitergabe der Senkung bestehen - und so auf einen Schlag deutlich mehr sparen, als die DIW-Modellrechnungen für das gesamte Halbjahr nahelegen.
    Bei einem Neuwagen, der bislang 50.000 Euro kostet, beträgt die Ersparnis 1261 Euro; bei einer Küche für 25.000 Euro sind es 630 Euro.

Damit wird die ungleiche Verteilung der Mehrwertsteuerersparnis noch verstärkt: Wer genug auf der hohen Kante hat, um bereits jetzt viel Geld auszugeben, spart auch deutlich mehr. Haushalte mit niedrigem Einkommen werden hingegen für viele Waren weiter den gleichen Preis bezahlen müssen wie bislang.

20 Milliarden Euro - aber nicht alles geht an die Bürger

Auf einen weiteren Aspekt macht DIW-Experte Bach aufmerksam: Von der Mehrwertsteuersenkung profitiert zu einem großen Teil auch der Staat selbst - schließlich kauft auch der Staat in großem Stil ein, von Bleistiften in Amtsstuben über die Einrichtung von Schulen und Kindergärten bis zu Rüstungsgütern. Insgesamt kommen ihm demnach rund vier Milliarden Euro der Ersparnis zugute, allein bei den gesetzlichen Krankenkassen dürfte es ein Milliardenbetrag werden, auf Medikamente ist der volle Steuersatz fällig. Aufgrund weiterer Effekte etwa bei den Investitionen in den Wohnungsbau kommen Bach zufolge lediglich gut 13 Milliarden Euro der Entlastung bei den privaten Haushalten an.

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