Milliardenrisiken Wer beim Griechen-Bankrott bluten muss

Ist Griechenland noch zu retten? Die Regierung hofft, mit einem freiwilligen Verzicht privater Gläubiger die Staatspleite zu vermeiden. Doch die Banken drohen mit einem Scheitern des Deals. Sollte es wirklich zum Staatsbankrott kommen, lägen die größten Risiken bei der Europäischen Zentralbank.

Parthenon-Tempel in Athen: Ein Land in Schieflage
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Parthenon-Tempel in Athen: Ein Land in Schieflage

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Hamburg - In Athen wird heftig gezockt: Der Internationale Bankenverband droht, den Deal über einen Schuldenschnitt scheitern zu lassen. Die Zeit werde knapp, viele Schlüsselthemen seien noch ungelöst. Die Gegenseite von der griechischen Regierung gibt sich dagegen zuversichtlich - bis Ende kommender Woche könnte das Abkommen stehen, heißt es aus dem Finanzministerium.

Klar ist: Scheitert die Einigung mit den privaten Investoren, droht dem Land und der gesamten Währungsunion ein Desaster, eine unkontrollierte Staatspleite. Um das zu vermeiden, beraten am Freitag auch Vertreter der Euro-Gruppe über den Schuldenschnitt - parallel zu den Gesprächen in Athen.

Die hektischen Verhandlungen zeigen, dass sich die Hoffnungen auf eine Entspannung in Griechenland schon wieder zerschlagen haben. Eigentlich sollte 2012 alles besser werden. Die griechische Wirtschaft sollte in diesem Jahr langsam auf Erholungskurs einschwenken, die Sparmaßnahmen sollten greifen und der Schuldenberg endlich kleiner werden. Doch das einzige, was derzeit schwindet in Griechenland, ist die Hoffnung. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Land auch langfristig kaum von seinen gewaltigen Verbindlichkeiten runterkommt.

Bei den Experten wachsen deshalb die Zweifel, ob ein genereller Schuldenschnitt und damit eine Staatsinsolvenz noch zu vermeiden sind. Der Internationale Währungsfonds (IWF), der selbst an den bisherigen Rettungsversuchen beteiligt ist, glaubt offenbar immer weniger daran, dass die Pläne aufgehen. Und auch in Deutschland wird die Skepsis immer größer.

"Bei Griechenland ist klar, dass Hopfen und Malz verloren sind", sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts. "Es wäre besser für das Land, endlich aus dem Euro auszutreten und die Außenschulden in Drachmen zu verwandeln, als ständig um neue Hilfe zu betteln und sich auf dauerhafte Almosen einzurichten."

Ein Austritt, da sind sich die meisten Ökonomen einig, dürfte ohne einen wirklichen Schuldenschnitt nicht funktionieren. "Das geht nur zusammen", sagt Hanno Beck, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim. Er ist überzeugt, dass eine geordnete Insolvenz für Griechenland die bessere Lösung wäre. "Man darf das Land nicht noch weiter kaputtsparen", sagt Beck. Zudem sei es billiger, das Finanzsystem zu retten als einen Staat.

Doch wie teuer würde eine Insolvenz Griechenlands für die Gläubiger - die Staaten, die Banken und Versicherungen - und für die Europäische Zentralbank?

Deutschland hat bisher 15 Milliarden Euro gezahlt

Im Mai 2010 hatten die EU-Staaten und der IWF ein Rettungspaket über insgesamt 110 Milliarden Euro beschlossen, die in mehreren Raten an Griechenland gezahlt werden sollen. 73 Milliarden Euro davon sind bereits geflossen - 20 Milliarden Euro vom IWF, 53 Milliarden Euro von den EU-Staaten. Deutschlands Anteil an den bisher ausgezahlten Krediten liegt bei rund 15 Milliarden Euro.

Streit gibt es nun um das zweite Hilfspaket über insgesamt 130 Milliarden Euro, das beim EU-Gipfel Ende Oktober vereinbart worden war und dessen erste Tranche im März ausgezahlt werden soll. Daran geknüpft ist auch ein Verzicht der privaten Gläubiger Griechenland - allen voran Banken, Versicherungen, Investment- und Hedgefonds.

Sie halten zusammengenommen noch Griechen-Anleihen im Volumen von 205 Milliarden Euro. Auf mindestens die Hälfte des Geldes sollen sie nun verzichten. Einen Großteil der Verluste haben sie aber ohnehin schon in ihren Bilanzen abgeschrieben. Deutsche und französische Banken könnten eine Pleite deshalb wohl verschmerzen. Allenfalls die griechischen Institute müssen schwerere Turbulenzen fürchten. Sie halten mit 50 Milliarden Euro den größten Anteil unter den privaten Gläubigern - allerdings haben auch sie den Wert der Papiere bereits teilweise nach unten korrigiert.

Wie werthaltig sind die Sicherheiten der Banken?

Noch größer sind jedoch Risiken, die bei der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen. Die hat seit Mai 2010 Anleihen europäischer Krisenstaaten im Wert von insgesamt 213 Milliarden Euro am Markt gekauft. Schätzungen zufolge sind davon rund 55 Milliarden Euro griechische Staatspapiere. Bereits diese Ankäufe von Wackelanleihen allein haben bei vielen Experten heftige Kritik hervorgerufen.

Doch die Notenbank trägt noch deutlich höhere Risiken. Grund sind die Sicherheiten, die Geschäftsbanken einreichen, wenn sie sich Geld bei der EZB leihen. Meist handelt es sich dabei um Staatsanleihen des eigenen Landes. Griechische Banken hinterlegen also vor allem ihre griechischen Staatspapiere bei der EZB, wenn sie sich von ihr Geld borgen. Zunehmend machen sie aber auch von der Möglichkeit Gebrauch, selbst Anleihen auszugeben, die der griechische Staat garantiert. Auch die akzeptiert die Notenbank als Sicherheit für Geldgeschäfte.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren haben gerade die Institute der schuldengeplagten Euro-Staaten wie Griechenland, Irland oder Portugal exzessiven Gebrauch von den Leihgeschäften mit der EZB gemacht. Seit dem bisherigen Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008 versorgt die EZB die Banken der Euro-Zone in noch nie dagewesenem Ausmaß mit Liquidität. Im Dezember lieh sie den Instituten sogar erstmals für den ungewöhnlich langen Zeitraum von drei Jahren frisches Geld - insgesamt fast eine halbe Billion Euro. Abgewickelt werden die Geschäfte über die jeweiligen nationalen Notenbanken.

Zwar veröffentlicht die EZB keine offiziellen Zahlen dazu, welche Banken sich wie viel Geld leihen. Doch griechische Institute haben kaum mehr andere Geldquellen als die Notenbank. Andere Geschäftsbanken leihen ihnen schon längst nichts mehr. Und selbst die heimischen Sparer ziehen immer mehr Kapital ab, um es ins Ausland zu schaffen.

Griechenlands Notenbank steht mit 100 Milliarden Euro in der Kreide

Abzulesen ist das alles an den sogenannten Target2-Salden. Dabei handelt es sich um ein Zahlungssystem zwischen den europäischen Notenbanken. Wenn eine griechische Bank sich Geld bei der griechischen Zentralbank leiht, muss diese sich das Geld wiederum bei der EZB beziehungsweise den anderen Notenbanken des EZB-Systems borgen. In der Bilanz entsteht eine Verbindlichkeit.

Bis zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 waren die Salden zwischen den Notenbanken noch weitgehend ausgeglichen. Doch ab 2008 entwickelten sie sich dramatisch auseinander: Während die Bundesbank laut aktuellen Daten von Ende September 2011 Forderungen von insgesamt 465 Milliarden an die restlichen Zentralbanken hat, weisen die Krisenstaaten Irland, Griechenland, Spanien, Portugal und Italien gewaltige Defizite auf. Bei der griechischen Notenbank sind es 101 Milliarden Euro, die sie dem Rest des Europäischen Zentralbankensystems schuldet. "Im Falle eines Staatsbankrotts dürfte ein Großteil des Geldes weg sein", sagt Wirtschaftsprofessor Beck.

Geschätzte 55 Milliarden Euro aufgekaufte Staatsanleihen, 101 Milliarden Euro Verbindlichkeiten der griechischen Notenbank: Das Risiko, das die EZB bei einem Griechenland-Bankrott trägt, ist immens. Einfach addieren lassen sich die Zahlen zwar nicht, weil selbst bei einem Staatsbankrott nicht alles Geld verloren wäre und die EZB die Anleihen in der Regel auch nicht zum Nennwert aufgekauft hat. Dennoch drohen hohe Verluste. Im schlimmsten Fall müssten die Euro-Staaten frisches Kapital nachschießen, um die Zentralbank zu stabilisieren. Auf Deutschland kämen dann gemäß seinem Anteil an der EZB 27 Prozent der Kosten zu.

Ökonom Sinn hält diese Gefahr noch für "beherrschbar". Schwerer einzuschätzen seien die Ansteckungseffekte einer Griechen-Pleite auf größere Staaten wie Spanien oder Italien. "Keiner kann sagen, wie sich das entwickeln würde", meint Sinn. "Auch ich bin unsicher."

Allerdings sei es besser, Griechenland aus der Währungsunion austreten zu lassen, als immer weitere Risiken in den Bilanzen der Zentralbanken und den Haushalten der anderen Euro-Staaten anzuhäufen. "Wir haben nur noch die Wahl, ob wir ein kurzfristiges Risiko eingehen oder ein langfristiges", sagt der Ökonom. "Das langfristige ist unermesslich groß."

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Gerdtrader50 13.01.2012
1. Elendes Geschwafel ahnungsloser Typen, überbezahlt, absolute Luschen
Zitat von sysopIst Griechenland noch zu retten? Die Regierung hofft,*mit*einem freiwilligen Verzicht privater Gläubiger*die Staatspleite zu vermeiden. Doch die Banken drohen mit einem Scheitern des Deals.*Sollte es wirklich zum Staatsbankrott kommen, lägen die größten Risiken bei der Europäischen Zentralbank. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,808091,00.html
Ganz klar ist festzustellen: Würden die geringfügig intelligenten selbsternannten "Eliten" aus dem Politikkader endlich mal ihre Klappe zu halten und ihre Arbeit machen, könnte die Eurokrise/Schuldenkrise/Griechenlandgeschrei und derer negativen Auswirkungen auf die gesamte Eurozone mit den paar "lächerlichen" 350 Milliarden Euro(1 Bundehaushalt der BRD für 17 Mitgliedsstaaten an Belastung), die von den Griechen noch mit Zustimmung aller Kreditgeber für ein Land mit dem Bruttosozialprodukt von Hessen willfährig über Jahre hinweg gewährt wurden, lange erledigt sein. Das Bashinggeschrei schädigt die gesamte Eurozone. Die EZB lacht über die verhältnismässig geringe Summe. Schlimmer wie die fehlenden Milliarden ist der fehlende Verstand dieser Politiker-Elite-Einbildungskranken. Überlasst der EZB die Geldhohheit, kürzt die nationalen Parlamente in den Rechten bzgl. Haushaltshohheit, Neuverschuldungsobergrenzen und führt die Fiskalharmonisierung durch, alles in der Hand von neuen Europabehörden und der Theater der Finanzmärkte hört innerhalb von 6 Wochen auf. Mit ihrem elenden Geschrei und Gejaule und Rumgebettel in ehemaligen Entwicklungsländern, anstatt durch Buchgeldschöpfung in ausreichender Höhe, Garantien für alle Staatsanleihen im Eurolandverbund dafür zu sorgen, dass der Kraftmeierkontinent Europa nochmal das ist in der Welt, was er immer war. Es kann kann doch keiner was dafür, wenn eierlose Politiker ihre Schwäche überall in der Welt hinausposaunen, anstatt ihre Arbeit zu machen und gehen nur ihren Völkern andauernd auf dem Keks rum für ihre überbordenden Gehälter, die in keinem Verhältnis zu ihrem dummen Geschwätz und der Erfolglosigkeit in Sachen Währungsrettung stehen.
schüttmen 13.01.2012
2. 10 Jahre schon...
und Wir werden immer noch von den Banken verarscht.... Die Politiker sind alle Denen hörig, kein Realwert.... Was muss noch passieren dass diese Verbrecher gestoppt werden. Damit meine ich die Politiker die seit 10 Jahren nichts gegen diese Bängster tun und die Banken selber, die sich so Systemrelevant sehen. Ich sage nur alle zur Hausbank und die Konten Plündern, alles auf Null bringen nur so werden Sie es merken. LG Bananenrepubliken
siegfriedluckner 13.01.2012
3. Na super! Toll gemacht!
Gratulation an unsere Super-Politiker und unsere Super-Notenbanker! Das habt ihr toll hingekriegt. Jetzt ist die EZB Hauptgeschädigter und damit sie, alle teilhabenden Staaten und deren Steuerzahler endgültig erpressbar. Tolle Leistung. Beim Bankrott Griechenlands ist die EZB direkt mit pleite, wenn nicht umgehend ihr verlorenes Eigenkapital von meines Wissens lediglich ca. 20 Mrd. EUR frisch aufgefüllt und aufgestockt wird. Das kostet Deutschland dann mal auf einen Schlag mindestens ca. 30 Mrd. Vergesst die verlogenen Parolen der Politiker! Beginnt selbst zu denken und bringt Euch und Euer Erspartes in Sicherheit (= Sachwerte, vor allem Edelmetalle). Wer jetzt noch dem Geschwätz von Politikern glaubt und weiter in Riester,- Rürup- und Kapitallebensversicherungen einzahlt, dem ist nicht mehr zu helfen.
Andreas Rolfes 13.01.2012
4. Geld spielt keine Rolex!
15 Milliarden(!) wären in Deutschland sicher besser angelegt gewesen...
montaxx 13.01.2012
5. Dreimal
Zitat von sysopIst Griechenland noch zu retten? Die Regierung hofft,*mit*einem freiwilligen Verzicht privater Gläubiger*die Staatspleite zu vermeiden. Doch die Banken drohen mit einem Scheitern des Deals.*Sollte es wirklich zum Staatsbankrott kommen, lägen die größten Risiken bei der Europäischen Zentralbank. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,808091,00.html
Dreimal darf man raten,wer bei der EZB zwar nicht das Sagen,aber immerhin das Zahlen hat...
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