Mindestlohn Deutschland wird vom Nachzügler zum Vorreiter

Zwölf Euro in der Stunde – diese Lohnuntergrenze soll nach den Plänen der Ampel ab Oktober gelten. Die Bundesrepublik hätte dann fast den höchsten Mindestlohn in Europa.
Café in Dresden (Mai 2020): In der Gastronomie wird relativ häufig Mindestlohn gezahlt.

Café in Dresden (Mai 2020): In der Gastronomie wird relativ häufig Mindestlohn gezahlt.

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Bis zum Herbst dieses Jahres soll der Mindestlohn in Deutschland kräftig steigen: Die Erhöhung von aktuell 9,82 Euro in der Stunde auf 10,45 Euro ab Juli ist bereits beschlossen, ab Oktober plant die Ampel dann einen erheblichen Sprung auf zwölf Euro – ein zentrales Wahlkampfversprechen der SPD.

Damit würde die Bundesrepublik laut einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI)  der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung im europäischen Vergleich an die Spitze stoßen. Derzeit steht Deutschland demnach unter sechs westeuropäischen Ländern mit einer Lohnuntergrenze noch an letzter Stelle: Sowohl in den Niederlanden (10,58 Euro), (10,57 Euro), Irland (10,50 Euro) sowie Belgien (10,25 Euro) liegt der Mindestlohn spürbar höher als die aktuell gültigen 9,82 Euro. In Großbritannien wird der Mindestlohn im April dieses Jahres auf umgerechnet 11,05 Euro angehoben.

Mit einem Mindestlohn von zwölf Euro würde der bisherige Nachzügler Deutschland also zum Vorreiter avancieren, schreiben die Autoren Malte Lübker und Thorsten Schulten. Innerhalb der EU würde dann nur noch in Luxemburg mit aktuell 13,05 Euro ein höherer Mindestlohn gelten. Außerhalb der EU haben aktuell Australien mit umgerechnet 12,91 Euro und Neuseeland mit umgerechnet 11,96 Euro ein ähnliches Niveau.

In Südeuropa liegen die Mindestlöhne allerdings deutlich niedriger. In Griechenland gelten 3,83 Euro, in Portugal 4,25 Euro und in Spanien 6,06 Euro. Auch in den meisten anderen mittel- und osteuropäischen Staaten liegt die Lohnuntergrenze recht tief. Die niedrigsten Mindestlöhne der EU gelten in Bulgarien mit 2,00 Euro und in Lettland mit 2,96 Euro.

Die geplante Untergrenze von zwölf Euro in Deutschland entspreche in etwa der Schwelle von 60 Prozent des Medianlohns, die international als Richtwert für ein angemessenes Mindestlohnniveau gilt, heißt es in der Studie weiter. Nach Berechnungen des Industrieländerklubs OECD lag Deutschland zuletzt mit einem Wert von nur 50,7 Prozent noch weit unterhalb dieser Schwelle.

Die Autoren fordern von der Bundesregierung, die Schwelle von 60 Prozent des Medianlohns als Kriterium für künftige Anpassungen im Mindestlohngesetz zu verankern. Im Wahlkampf hatten SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil und der damalige SPD-Finanzminister und jetzige Kanzler Olaf Scholz das angekündigt; im aktuellen Gesetzentwurf aus Heils Ministerium fehlt eine entsprechende Änderung allerdings.

fdi

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