Mindestlohn für ausländische Hilfskräfte »Das ist ein Schock für viele, die Angehörige zu Hause pflegen«

Frauen aus Osteuropa sind oft die letzte Hoffnung für alte Menschen, die nicht ins Heim wollen. Doch laut Bundesarbeitsgericht müssen sie deutlich besser entlohnt werden. Pflegeexperte Claus Fussek sagt, was das bedeutet.
Ein Interview von Alexander Preker
Pflege zu Hause: »Unsere Schmerzgrenze lag bei 3000 Euro pro Monat«

Pflege zu Hause: »Unsere Schmerzgrenze lag bei 3000 Euro pro Monat«

Foto: Jana Bauch / picture alliance / dpa

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SPIEGEL: Herr Fussek, das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass auch ausländischen Pflege- und Haushaltshilfen der Mindestlohn zusteht – und das auch für die Betreuungsbereitschaft rund um die Uhr. Was bedeutet das für Familien, in denen gepflegt wird?

Claus Fussek: Das ist ein Schock für viele Menschen, die Angehörige überlastet zu Hause pflegen und deshalb auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen sind. Ende Februar ist meine Mutter im Alter von 90 Jahren gestorben, und wir konnten die Pflege zu Hause nur mithilfe von Frauen aus Rumänien leisten, die wir im Rahmen der damals geltenden Auffassung legal beschäftigten konnten.

Zur Person
Foto: Rudolf Stumberger / epd / imago images

Claus Fussek, Jahrgang 1953, ist Sozialarbeiter und befasst sich seit Jahrzehnten mit Missständen in der Pflege. Für die Pflege der eigenen Eltern griff Deutschlands bekanntester Pflegekritiker zuletzt selbst mehrere Jahre lang auf die Hilfe von Frauen aus Rumänien zurück.

SPIEGEL: Und wenn Sie diesen Frauen den Mindestlohn hätten zahlen müssen, wäre das nicht möglich gewesen?

Fussek: Natürlich nicht. Unsere Schmerzgrenze lag bei 3000 Euro pro Monat, alles andere ist nicht finanzierbar. Wenn man ehrlich ist, dann haben auch wir diese Frauen ausgebeutet. Das Urteil ist dennoch richtig und ethisch korrekt. Es beantwortet allerdings nicht, wie das in der Praxis funktionieren soll. Um sich legal um einen Menschen zu Hause zu kümmern, bräuchte es künftig drei bis vier Kräfte. Das sind Kosten von schnell 10.000 Euro monatlich! Hinzu kommt, dass die Familien diese Menschen auch unterbringen müssen. Viele können ja noch nicht mal für eine Hilfskraft ein Zimmer zur Verfügung stellen.

SPIEGEL: Jahrhundertelang war Pflege Sache der Familie.

Fussek: Das ist ja heute auch noch der Fall, und längst nicht jeder kann sich Hilfskräfte leisten. Auf der anderen Seite haben wir zum Teil gut situierte Menschen oder Erben, die sich mehr leisten können. Von den etwa 600.000 Frauen, die in deutschen Haushalten mit pflegebedürftigen Menschen arbeiten, sind Schätzungen zufolge dennoch zwei Drittel schwarz beschäftigt. Diese unbequeme Wahrheit gehört auch dazu – und viele dieser Frauen wollen auch schwarz arbeiten.

»Die Pflege muss endlich zur Schicksalsfrage der Gesellschaft werden.«

SPIEGEL: Was muss getan werden?

Fussek: Die eine Lösung wird es nicht geben, jetzt müssen kreative Ansätze auf den Tisch – in den Kommunen ist das bei den Kitas vielerorts ja auch gelungen. Man könnte überlegen, die Leistungen der osteuropäischen Hilfskräfte auch über die Pflegeversicherung abzurechnen, doch dann wird es kräftige Beitragserhöhungen geben. Es ist die Frage: Was sind wir bereit, für uns und unsere Eltern auszugeben? Die Pflege muss endlich zur Schicksalsfrage der Gesellschaft werden, doch im Wahlkampf habe ich das Thema bei keiner Partei bisher größer entdeckt. Wer nicht selbst davon betroffen ist, weiß das gar nicht.

SPIEGEL: Es gab ja eine Pflegereform, die auch umgesetzt wurde.

Fussek: Die Menschen, um die es hier geht, die haben mit der Pflegereform nichts zu tun. Das Problem ist: Die häusliche Pflege wird immer noch stiefmütterlich behandelt. Ja, wir bräuchten mehr Tagespflegen oder mehr Wohngemeinschaften etwa für Menschen mit Demenz. Doch auch Ihre Leserinnen und Leser wollen am liebsten so lange wie möglich im eigenen Zuhause bleiben – keiner will ins Pflegeheim. Und wie die Pflege dort aussieht, wollen wir oft auch nicht wissen.

SPIEGEL: Stattdessen setzen wir derzeit aber auf Hilfen im Haushalt, die meist noch nicht mal examinierte Pflegekräfte sind.

Fussek: Wir lügen uns da in die eigene Tasche! Wir holen sie als Haushaltshilfen, aber natürlich übernehmen sie häufig auch Pflegeaufgaben. Viele von ihnen sind darin auch sehr erfahren.

SPIEGEL: Mit dem Risiko, dass auch mal etwas schiefgeht.

Fussek: Überforderung und Gewalt in der Pflege sind das Tabu im Tabu. Da schauen wir nicht hin und hoffen einfach, dass nichts passiert.

»Die Frau hat den Menschen, die ähnlich wie sie arbeiten, einen Bärendienst erwiesen.«

SPIEGEL: Wie haben Sie es denn bei sich zu Hause gelöst?

Fussek: Wir haben uns um diese Frauen gemeinschaftlich gekümmert. Das ging auch, weil wir eine Familie ohne Streitereien sind, und diese Frauen gehören inzwischen mit dazu.

SPIEGEL: Aber können Sie denn die bulgarische Klägerin verstehen, die jetzt vor Gericht Recht bekommen hat?

Fussek: Die Frau hat einen Vertrag unterschrieben und wusste, auf was sie sich einlässt. Viele dieser Menschen fühlen sich bei den Löhnen, die wir in Deutschland zahlen, wie im Paradies. Das ist einerseits beschämend. Oft stecken familiäre Tragödien dahinter, und sie sind darauf angewiesen. Aber die Frau hat anderseits den Menschen, die ähnlich wie sie arbeiten, einen Bärendienst erwiesen. Denn entweder werden die jetzt arbeitslos, oder sie gehen wie viele andere auch in die Illegalität. Denn für den Betrag, der jetzt zu bezahlen ist, wird sich so gut wie niemand mehr diese Betreuung leisten können.

SPIEGEL: Aber dürfen wir von diesen Tragödien profitieren?

Fussek: Was wäre denn die Alternative? Würden diese Frauen in Deutschland nicht arbeiten, müssten wir eine Diskussion über die aktive Sterbehilfe führen, weil niemand mehr da ist, der die Alten pflegt. Dabei reden wir noch nicht mal über die Qualität der Pflege, sondern über die Grundversorgung. Und die ist schon mehr als fragwürdig.

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