Kommentar zum Mindestlohn Endlich!

An diesem Donnerstag beschließt der Bundestag den Mindestlohn. Einige Preise werden dadurch steigen. Doch das muss es uns wert sein.
Spargelstecher in Brandenburg: Lamento über steigende Preise

Spargelstecher in Brandenburg: Lamento über steigende Preise

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Deutschland ist Schlusslicht. Es gibt nicht mehr viele Bereiche, in denen der Satz Gültigkeit besitzt - gilt die wirtschaftlich stärkste Nation Europas doch in fast allen Belangen als Paradebeispiel. Für den Mindestlohn gilt das nicht. Mehr als zehn Jahre lang haben Gewerkschaften und Politik darum gerungen, eine gesetzliche Lohnuntergrenze einzuführen. Das allein ist beschämend genug.

An diesem Donnerstag wird der Mindestlohn im Bundestag beschlossen. Damit bekommt nun eines der letzten Länder Europas einen Standard, der die schlimmsten Auswüchse beim Lohndumping beenden soll. Endlich.

Politiker haben sich in Diskussionen verloren, welche Ausnahmen es vom Mindestlohn geben soll. Horrorszenarien wurden bemüht, um zu illustrieren, wie viele Jobs die Lohnuntergrenze kosten wird, wenn sie für alle Branchen gilt. Als ob die nun geplanten 8,50 Euro ein exorbitant hoher Stundenlohn wären. Wir reden von einem Monatseinkommen von knapp 1400 Euro. Brutto.

Dass der Mindestlohn nun kommt, ist überfällig. Auch wenn es pathetisch klingen mag: Er gibt der Arbeit wieder einen Wert und er gibt den Menschen, die für diesen Stundensatz arbeiten, wieder ein wenig ihrer Würde zurück, die sie verloren haben, als sie sich im Heer der 1,4 Millionen Niedriglöhner für weniger als fünf Euro verdingen mussten. Zählt man die Menschen dazu, die zuletzt zwischen 5 Euro und 8,50 Euro pro Stunde verdienten, profitieren künftig fast vier Millionen Menschen vom Beschluss des Bundestags.

Es geht um den echten Wert der Arbeit

Viele Firmen in der Kreativwirtschaft, der Gastronomie oder dem Reinigungsgewerbe haben ihr Geschäftsmodell allein darauf gegründet, Menschen finanziell auszubeuten. Beschäftigte in diesen Branchen waren fast immer auf staatliche Stütze angewiesen - die Allgemeinheit hat diese dubiosen Geschäftsmodelle über Jahre mitfinanziert.

Es ist kein Verlust, wenn diese Betriebe nun vom Markt verschwinden, weil ihre Kalkulation nicht mehr aufgeht. Es werden genügend Unternehmen übrig bleiben, die mit diesem Stundenlohn gut zurechtkommen werden. Im Vorfeld der Einführung des Mindestlohns haben einige Wirtschaftszweige wie die Fleischwirtschaft oder das Friseurhandwerk bereits Branchenmindestlöhne eingeführt. Andere haben mit Gewerkschaften Tarifverträge geschlossen, die Lohnuntergrenzen jenseits der 8,50 Euro vorsehen. Es geht also. Ein Exodus dieser Branchen ist nicht zu beobachten. Die Arbeitslosigkeit ist nicht gestiegen - im Gegenteil. Sie sinkt weiter.

Mag sein, dass nun einige Dienstleistungen oder Produkte teurer werden. Aber das spiegelt wenigstens den echten Wert dieser Arbeit wider. Ein Lamento darüber ist unangemessen. Daran, dass sich die Preise für Zigaretten, Benzin oder einen Kinobesuch in wenigen Jahren verdoppelt haben, haben sich die Leute auch gewöhnt. Sie nehmen es klaglos in Kauf. Dann sollten sie das auch bei den Auswirkungen tun, die der Mindestlohn mit sich bringt - in der Gewissheit, dass Millionen Menschen wenigstens wieder in die Nähe der Gesellschaft rücken, aus der man sie zuletzt komplett ausgegrenzt hatte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.