Studie zum Mindestlohn Stundenlohn rauf, Arbeitszeit runter

Die Menschen im Niedriglohnsektor verdienen deutlich besser. Doch eine Studie kommt nach SPIEGEL-Informationen zum Schluss: Das liegt nur zum Teil am Mindestlohn - denn der allein sorgt nicht für höhere Monatseinkommen.
Eine Kellnerin deckt einen Tisch ein (Symbolbild)

Eine Kellnerin deckt einen Tisch ein (Symbolbild)

Foto: Sebastian Willnow/ picture alliance / dpa

Seit dreieinhalb Jahren gibt es nun den Mindestlohn - und die Bilanz ist bislang positiv. Die von vielen Ökonomen befürchteten Schäden sind nicht eingetreten, weder gingen Hunderttausende Arbeitsplätze verloren, noch leiden Unternehmen im internationalen Wettbewerb. Laut Berechnungen des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts kurbelt der Mindestlohn sogar die Konjunktur spürbar an.

Und was hat der Mindestlohn denen gebracht, die ihn bekommen? Auch hier scheint eine erfreuliche Entwicklung den Erfolg zu belegen: Nach der Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 sind in Deutschland die Verdienste gerade in den unteren Einkommensschichten stark gestiegen, nachdem sie sich zuvor viele Jahre lang kaum bewegt hatten. Das gilt sowohl für die Stunden- als auch für die Monatslöhne.

Aber: War wirklich der Mindestlohn allein die Ursache dafür? Dieser Frage sind Forscher der Universität Potsdam und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) für eine Studie nachgegangen, die dem SPIEGEL exklusiv vorab vorliegt.

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis: Der Mindestlohn wirkt durchaus. Aber das heißt nicht automatisch, dass er allein dafür sorgt, dass seine Empfänger mehr Geld zur Verfügung haben. Zwar hat der Mindestlohn bewirkt, dass die Stundenlöhne für diejenigen deutlich steigen, die Anspruch auf ihn haben - gleichzeitig jedoch auch einen Rückgang ihrer Arbeitszeit. Insgesamt hat der Mindestlohn für sie nicht zu signifikant höheren Monatslöhnen geführt.

Lohnschub bei Niedrigverdienern

Dabei stellen auch die DIW-Forscher im ersten Teil der Studie dar, wie stark die Einkommen im Niedriglohnbereich über ganz Deutschland hinweg und im Durchschnitt gestiegen sind. Sie verwenden dafür Daten der Langzeitstudie SOEP (Sozio-oekonomisches Panel), für die jährlich viele Tausend Personen befragt werden und die als sehr zuverlässig und aussagekräftig gilt. In der Gruppe der untersten zehn Prozent der Einkommen sind die Stundenlöhne demnach von 2014 bis 2016 um mehr als 13 Prozent gestiegen, die Monatsverdienste um mehr als elf Prozent. Auch in der zweituntersten Gruppe - in der ebenfalls noch viele Mindestlohnempfänger sind - ist die Entwicklung ähnlich.

In diesem Zeitraum ist aber nicht nur der Mindestlohn eingeführt worden, sondern auf dem Arbeitsmarkt herrschte ein Boom: Fast 1,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze sind von 2014 bis 2016 unter dem Strich neu entstanden, die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken. In vielen Regionen hatten Unternehmen Schwierigkeiten, überhaupt noch die benötigten Arbeitskräfte zu finden. Ein bewährtes Lockmittel für potenzielle Bewerber sind selbstverständlich: höhere Löhne.

Im zweiten Teil der Studie gehen die DIW-Forscher daher der Frage nach: War wirklich der Mindestlohn allein die Ursache für die erfreuliche Entwicklung im untersten Lohnbereich? Oder spielten dabei auch andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel der allgemeine Boom auf dem Arbeitsmarkt?

Um darauf eine Antwort zu finden, nutzten die Forscher eine Beobachtung: In vielen wirtschaftsstarken Regionen vor allem im Süden Deutschlands hat der Mindestlohn de facto kaum Wirkung entfalten können - schlicht, weil dort ohnehin so gut wie niemand bereits vor dessen Einführung weniger als 8,50 Euro in der Stunde bekam. In anderen Regionen hingegen, vor allem im Osten, lag der Verdienst vieler Arbeitnehmer vor 2015 unter dieser Schwelle. Hier entfaltete der Mindestlohn also eine große Wirkung - im Fachjargon Eingriffstiefe genannt.

Stundenlohn rauf, Arbeitszeit runter

"Null-Effekt" im unteren Lohnbereich

Die Forscher bezogen nun diese unterschiedlichen Eingriffstiefen in verschiedenen Regionen Deutschlands in ihre Berechnungen ein. So konnten sie die Wirkungen des Mindestlohns isoliert betrachten - oder anders ausgedrückt: Sie konnten abschätzen, welchen Anteil der Mindestlohn allein an den höheren Verdiensten im Niedriglohnbereich hatte.

Das Ergebnis: Der Mindestlohn hat die Stundenlöhne deutlich nach oben getrieben - im Schnitt allein von 2014 bis 2015 um 6,5 Prozent. Allerdings hat er gleichzeitig dafür gesorgt, dass seine Empfänger nun kürzer arbeiten. Beides wiegt sich fast auf. Im Rechenmodell ergab sich für das untere Einkommensfünftel ein leichter Anstieg von 1166 Euro brutto im Monat im Jahr 2014 auf 1193 Euro im Jahr 2015 - doch selbst dieser ist statistisch nicht signifikant. Die Forscher sprechen daher von einem "Null-Effekt" des Mindestlohns "für die Bruttomonatsverdienste im unteren Lohnbereich".

Nicht geklärt ist allerdings die Frage, weshalb die Arbeitszeit in dem Maße sinkt, in dem die Stundenlöhne steigen. Denkbar ist, dass Unternehmen Mindestlohnempfänger entsprechend weniger arbeiten ließen, um die Kosten im Griff zu behalten. Doch ebenso ist möglich, dass Arbeitnehmer selbst nicht über eine bestimmte Verdienstschwelle kommen wollten. Etwa, um den Anspruch auf Sozialleistungen wie den Wohn- oder Kinderzuschlag zu behalten. Oder um die 450-Euro-Grenze bei Minijobs einzuhalten - was relativ häufig eine Rolle gespielt zu haben scheint: Die Arbeitszeit für betroffene Minijobber hat sich jedenfalls deutlich stärker verringert als für Mindestlohn-Empfänger mit einem regulären Arbeitsplatz.

So lässt sich die DIW-Studie  natürlich auch lesen: Für nicht wenige Arbeitnehmer mag der Mindestlohn zwar nicht mehr Geld auf dem Konto gebracht haben - aber dafür mehr Freizeit.

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