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23. Januar 2013, 10:12 Uhr

Umfrage von Finanzberatern

Mehrheit der Ärzte spricht sich für Bürgerversicherung aus

Patienten und Ärzte wünschen eine Reform des deutschen Gesundheitssystems. In beiden Gruppen spricht sich eine knappe Mehrheit für die Bürgerversicherung aus - die wäre das Ende der privaten Vollversicherung. Das ergab eine Umfrage des Finanzdienstleisters MLP.

Hamburg - Die Deutschen sind mit ihrem Gesundheitswesen zufriedener als noch in den vergangenen Jahren. Dennoch fordern 47 Prozent der Patienten und 73 Prozent der Ärzte weitere Reformen. Das geht aus dem siebten MLP-Gesundheitsreport hervor, den der Finanzdienstleister am Mittwoch vorgelegt hat. Mehr als die Hälfte der Mediziner konstatiert einen Ärztemangel, die Bürger klagen besonders über lange Wartezeiten.

Die Autoren des Reports konstatieren einen verbreiteten Wunsch der Befragten, das Gesundheitssystem weiter zu reformieren. Dabei gebe es kaum Konsens zu einzelnen Vorschlägen der Parteien. Interessant ist jedoch der Befund, dass nicht nur die Mehrheit der Bevölkerung die Bürgerversicherung befürwortet. Auch 51 Prozent der Ärzte befürworten die Idee, die SPD, Grüne und Linke vertreten. Das Konzept sieht vor, dass sich künftig alle Deutschen gesetzlich versichern müssen. Es wäre das Ende der privaten Vollversicherung - auch wenn die SPD den jetzigen PKV-Kunden die Wahl lassen will, ob sie wechseln. Die Gegner warnen, die Bürgerversicherung werde zu einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung führen.

41 Prozent der Mediziner lehnen das Konzept ab. Auf Widerstand stößt die Bürgerversicherung vor allem bei den Fachärzten, die von den Privatpatienten wirtschaftlich besonders profitieren. Unter den Hausärzten dagegen sprechen sich 50 Prozent dafür und nur 44 Prozent dagegen aus. Noch größer ist die Zustimmung bei den Klinikärzten - 57 Prozent sind für die Bürgerversicherung, 34 Prozent lehnen sie ab.

Zugleich ist rund jeder zweite Mediziner überzeugt, dass die Reform keine Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung hätte - ein Argument, das Gegner der Bürgerversicherung gerne anführen. Skeptisch äußern sich auch hier vor allem die niedergelassenen Ärzte. Ihre Kollegen in den Kliniken rechnen dagegen eher mit positiven Folgen.

Ärzte klagen über Kostendruck

Fast die Hälfte aller Mediziner klagt dem Report zufolge über einen zunehmenden Kostendruck. Das sind doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Weitere 43 Prozent befürchten, dass es diesen zumindest in Zukunft geben wird. Mehr als jeder dritte Arzt habe aus Kostengründen schon auf medizinisch notwendige Behandlungen verzichten müssen. Allerdings seien dies meist Einzelfälle gewesen. Die Furcht, aus Kostengründen nicht die optimale Versorgung zu bekommen, ist interessanterweise zurückgegangen. 2010 hatten noch 42 Prozent diese Sorge, aktuell sind es nur noch 31 Prozent.

Besonders kritisch äußerten sich laut MLP die Bürger in Hessen und Hamburg. 73 beziehungsweise 71 Prozent der Befragten dort klagte, sie müssten sich trotz Termin oft eine längere Zeit im Wartezimmer gedulden. Über die Krankenhäuser äußerten sich die Hessen dagegen am positivsten. 57 Prozent zeigten sich mit der Qualität zufrieden. Die wenigsten positiven Urteile über Kliniken gab es in Schleswig-Holstein und im Saarland. Nur jeweils 29 Prozent der Befragten waren hier mit der Versorgung zufrieden.

cte

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