Möglicher Finanzhilfen-Bedarf Portugal und Irland schrecken Europa auf

Die Nerven liegen blank. Portugals Finanzminister hat binnen kurzer Zeit zwei widersprüchliche Stellungnahmen zur Euro-Krise abgegeben: Sein Land könne bald EU-Hilfe brauchen, sagte er zuerst - wenig später klang das plötzlich anders. Auslöser der Verunsicherung: Irland, der nächste Rettungskandidat.

Finanzminister Santos: Das Risiko ist hoch - oder doch nicht?
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Finanzminister Santos: Das Risiko ist hoch - oder doch nicht?


Lissabon - Droht eine neue Euro-Krise? In der portugiesischen Regierung jedenfalls wächst die Nervosität. Inmitten der Spekulationen über EU-Milliardenunterstützung für Irland hat Portugals Finanzminister erst Bedarf an Hilfen signalisiert - und sich kurz darauf selbst korrigiert.

Es gebe ein hohes Risiko, dass sein Land um ausländische Hilfe bitten müsse, sagte Fernando Teixeira dos Santos zunächst am Montag der "Financial Times". Man stehe nicht nur einem nationalen Problem gegenüber: "Es sind die Probleme von Griechenland, Portugal und Irland." Anleger, die portugiesische Anleihen halten, könnten von der Nervosität um Irland angesteckt werden.

Wenig später hörte sich das im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters anders an. Eine Anfrage nach Hilfen stehe "nicht unmittelbar bevor", sagte er. "Es gibt keine Kontakte diesbezüglich, weder formelle noch informelle". Portugal werde mit seiner Strategie fortfahren, sich über den Geldmarkt zu finanzieren. Mit den vom Parlament verabschiedeten Sparhaushalt für 2011 sei sein Land dabei, die öffentlichen Finanzen zu verbessern.

Die Risikoaufschläge für portugiesische Papiere sind zuletzt deutlich gestiegen. Trotz des jüngst vom Parlament verabschiedeten rigiden Sparhaushalts hatte das Euro-Land am vergangenen Mittwoch nur zu Rekordzinsen frisches Geld bekommen. Der portugiesischen Schuldenagentur (IGCP) zufolge wurde eine Anleihe mit einer Laufzeit bis Juni 2020 platziert; die Zinsen stiegen im Vergleich zum September von 6,24 auf 6,81 Prozent deutlich an. Außerdem wurde eine Anleihe mit einer Laufzeit bis Oktober 2016 platziert, mit 6,16 statt 4,37 Prozent Ende August.

Santos hatte kürzlich gesagt, wenn Effektivzinsen um die sieben Prozent erreicht seien, komme der Zeitpunkt für Bitten an den Internationalen Währungsfonds (IWF). Nach Kritik von Medien und der Opposition relativierte er aber: "Wir haben keine festen Grenzen."

Die Staatsschulden Portugals lagen Ende 2009 bei 109 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Neuverschuldung erreichte 2009 den Rekord von 9,4 Prozent. Mit nie dagewesenen Sparmaßnahmen soll das Defizit dieses Jahr auf 7,3 und nächstes auf 4,3 Prozent gedrückt werden.

Hinweise auf Irland-Hilfsaktion verdichten sich

Im Fall des finanziell angeschlagenen Euro-Mitglieds Irland sieht die EU-Kommission derzeit keine Notlage. "Der Bedarf ist bis Sommer nächsten Jahres gedeckt", sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn am Montag mit Blick auf Irlands Versorgung mit Krediten. Die Lage der öffentlichen Finanzen in dem Land sei aber "ernst". Die Kommission sei mit den irischen Behörden in engem Kontakt. Das sei normal, es werde dabei kein Hilfsprogramm verhandelt.

In Zeitungsberichten war die Lage zuvor ganz anders dargestellt worden. Demzufolge könnte Irland bald EU-Hilfen von 45 bis 90 Milliarden Euro beantragen. Die Regierung prüft dem "Irish Independent" zufolge, für die notleidenden Banken des Landes Hilfen aus dem EU-Rettungstopf in Anspruch zu nehmen, um Staatshilfen zu vermeiden. Finanzminister Brian Lenihan könne schon am Dienstag bei einem Treffen mit seinen EU-Kollegen anfragen.

Die Regierung hat angekündigt, 50 Milliarden Euro in den seit der Finanzkrise maroden Bankensektor pumpen zu wollen. Sie dementierte, dass sie einen Hilfsantrag bei der EU gestellt hat - schließt aber nicht aus, dies noch zu tun. "Die Dinge entwickeln sich von Tag zu Tag", sagte Justizminister Dermot Ahern. Er nannte Berichte über schon laufende Rettungsverhandlungen mit der EU eine "Erfindung": "Es laufen keine Gespräche. Wenn es sie gäbe, würde die Regierung davon wissen."

Die Zinsen für irische Staatsanleihen sind in den vergangenen Wochen stark gestiegen - mittlerweile muss die Regierung bei zehn Jahren Laufzeit neun Prozent Zinsen zahlen. Vor Mitte 2011 braucht das Land zwar kein frisches Geld mehr, doch die Finanzmärkte sind alarmiert. Die Lage Irlands erinnert manche Beobachter an Griechenland.

Widerstand gegen mögliche Irland-Hilfen

Die mögliche Kredithilfe entwickelt sich in der Euro-Zone immer mehr zum Streitobjekt. Kleinere Staaten wie Finnland widersetzen sich dem Drängen der Europäischen Zentralbank und großer Länder wie Deutschland, den EU-Hilfsfonds für die Iren rasch zu aktivieren. Dies berichtet die "Financial Times Deutschland" in ihrer Dienstagsausgabe.

Der gemeinsame Rettungsfonds sei nur für akute Notfälle gedacht, Irland brauche aber bis Mitte 2011 kein Geld, hieß es in finnischen Regierungskreisen. Bevor der Fonds einspringen kann, müssen alle Euro-Länder ihre Zustimmung geben. In Finnland muss die Regierung das Parlament abstimmen lassen und sogar die Vertrauensfrage stellen.

ssu/dpa/Reuters



insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
sic tacuisses 15.11.2010
1. Das Pleitekarussell nimmt so langsam Fahrt auf.
Zitat von sysopDie Nerven liegen blank. Portugals Finanzminister hat binnen kurzer Zeit zwei widersprüchliche Stellungnahmen zur Euro-Krise abgegeben: Sein Land könne bald*EU-Hilfe brauchen, sagte er*zuerst -*wenig später klang das plötzlich anders. Auslöser der Verunsicherung: Irland, der nächste Rettungskandidat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729274,00.html
Wenn es dann noch 4 oder fünf ähnliche Kandidaten mehr an Bord nimmt fliegt der ganze Klumpatsch mit einem Riesenknall auseinander. Da bin ich aber mal gespant, wass das Murksel dann stammelt.
Eppelein von Gailingen 15.11.2010
2. Warum sollen Portugal und Irland Europa aufschrecken?
Zitat von sysopDie Nerven liegen blank. Portugals Finanzminister hat binnen kurzer Zeit zwei widersprüchliche Stellungnahmen zur Euro-Krise abgegeben: Sein Land könne bald*EU-Hilfe brauchen, sagte er*zuerst -*wenig später klang das plötzlich anders. Auslöser der Verunsicherung: Irland, der nächste Rettungskandidat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729274,00.html
Das Dilemma ist doch seit spätestens dem Griechenland-Fiasko bekannt. Griechenland speiht immer neue schlechte Nachrichten aus. Man ist mit der Installation der €-Zone zu leichtfertig umgegangen. Die ganzen Inflationswährungs-Staaten wähnten sich in einem unendlichen Las Vegas. Gedanken, wo das Geld herkommen soll machte sich keiner. Am wenigsten die Griechen, Iren, Portugiesen, Spaniaken und Italiener. Auch die Franzosen pfeifen auf Solidität, wenn sie die schönen Künste im Kopf haben. Tatsache, in 3-5 Jahren sind wir pleite, dann gibt es ein Hauen und Stechen. Ob dann die Merkel noch schwülstige Einwickelkünste à la DDR versprüht?
nici2412 15.11.2010
3. Merkel macht das schon!
Zitat von sic tacuissesWenn es dann noch 4 oder fünf ähnliche Kandidaten mehr an Bord nimmt fliegt der ganze Klumpatsch mit einem Riesenknall auseinander. Da bin ich aber mal gespant, wass das Murksel dann stammelt.
Kein Problem. Die paar verbleibenden Netto-Zahler stehen schon bereit. Brauchen nur mehr Schulden aufzunehmen, Rente ab 71 oder Arbeiten bis zum Lebensende und Hartz IV um 100€ runter. Dann haben wir genügend Geld um die Transferunion durchzufinanzieren.
paul sartre 15.11.2010
4. Nur eine Frage der Zeit...
Zitat von sysopDie Nerven liegen blank. Portugals Finanzminister hat binnen kurzer Zeit zwei widersprüchliche Stellungnahmen zur Euro-Krise abgegeben: Sein Land könne bald*EU-Hilfe brauchen, sagte er*zuerst -*wenig später klang das plötzlich anders. Auslöser der Verunsicherung: Irland, der nächste Rettungskandidat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,729274,00.html
Ist doch nur eine Frage der Zeit bis alles auseinander fliegt. Wahrscheinlich um so eher um so besser.
Liberalitärer, 15.11.2010
5. Kohle
Es fließt massiv Kohle aus der Eurozone. Der ist ganz gut. Die Kanzlerin will es nicht verstehen. Nach Portugal kommt Belgien oder Spanien. Dann ist aus die Maus. http://www.telegraph.co.uk/finance/comment/ambroseevans_pritchard/8132689/Europe-stumbles-blindly-towards-its-1931-moment.html
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