S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Jetzt mach Dich mal quantitativ locker!

Ende Januar berät die Europäische Zentralbank darüber, ob sie in großem Stil Staatsanleihen aufkauft. Das nährt gerade bei Deutschen Inflationsangst. Zu Recht? Ein Blick in die Bilanz einer Notenbank hilft, diese Frage zu beantworten.

Eine Kolumne von


In diesem zweiten Teil meiner Serie zur Quantitativen Lockerung geht es darum, was genau passiert, wenn die Zentralbank Staatsanleihen kauft.

Im ersten Teil habe ich im Detail beschrieben, wie eine stark vereinfachte Bilanz einer Zentralbank aussieht. Links die Forderungen der Bank an andere, rechts die Forderungen der anderen an die Bank. Hier nochmal die Übersicht, diesmal mit einfachen Zahlenbeispielen:

Bilanz einer Zentralbank

Forderungen der EZB an Dritte € Forderungen von Dritten an die EZB €
Besitz von Anleihen 1000 Bargeld 250
Sicherheiten 0 Guthaben von Banken auf ihrem ZB Konto 1700
Währungsreserven 1000 eingezahltes Kapital der Eigentümer 50
Bilanzsumme 2000 Bilanzsumme 2000
Wie ich in der letzten Woche erklärt habe, ist die Bilanzsumme der Zentralbank ungefähr das, was man Zentralbankgeld oder die Geldbasis nennt. Es ist der Teil des Geldes, den die Zentralbank direkt kontrolliert.

Die Geldmenge ist aber etwas anderes. Sie kann man nicht direkt aus der Bilanz ablesen. Lediglich das Bargeld - das erste Feld rechts - ist eine Komponente der Geldmenge. Die Zentralbank interessiert sich für die Geldmenge, weil es die Geldmenge ist, die langfristig die Inflationsrate bestimmt. Wenn die Inflation so wie derzeit zu niedrig ist, dann will die Zentralbank also die Geldmenge erhöhen. Wie macht sie das?

Die Antwort lautet: über die Banken. Die Zentralbank hat keine direkte Kontrolle über die Geldmenge. Das meiste Geld in einer modernen Volkswirtschaft wird nämlich von den Banken kreiert. Die Zentralbank hat aber eine indirekte Kontrolle. Normalerweise übt sie die über den Zinssatz aus. Je geringer die Zinsen sind, desto größer die Nachfrage nach Krediten und umgekehrt. Das geschieht traditionell bei der EZB über die Geldauktionen. Nehmen wir an, die Zentralbank pumpt 100 Euro neuer Liquidität in die Banken. Was passiert auf ihrer Bilanz? (Die gelb unterlegten Posten zeigen die Einträge, die sich bewegen).

Bilanz einer Zentralbank - #2

Forderungen der EZB an Dritte € Forderungen von Dritten an die EZB €
Besitz von Anleihen 1000 Bargeld 250
Sicherheiten 100 Guthaben von Banken auf ihrem ZB Konto 1800
Währungsreserven 1000 eingezahltes Kapital der Eigentümer 50
Bilanzsumme 2100 Bilanzsumme 2100
Die Bilanzsumme hat sich um 100 Euro erhöht, von 2000 auf 2100 Euro. Man gibt den Banken Geld - erhöht also deren Guthaben auf deren Zentralbankkonto - und dafür müssen die Banken Sicherheiten hinterlegen, die auf der linken Seite verbucht werden.

Wenn die Zinsen bei Null liegen, kann die Zentralbank die Zinsen nicht mehr senken. Das ist der Moment der Quantitativen Lockerung. Was passiert dabei? Die Bank kauft den Banken Staatsanleihen ab. In unserem Beispiel kauft sie 1000 Euro an Wertpapieren von den Banken. Dann haben wir folgendes Bild:

Bilanz einer Zentralbank - #3

Forderungen der EZB an Dritte € Forderungen von Dritten an die EZB €
Besitz von Anleihen 2000 Bargeld 250
Sicherheiten 100 Guthaben von Banken auf ihrem ZB Konto 2800
Währungsreserven 1000 eingezahltes Kapital der Eigentümer 50
Bilanzsumme 3100 Bilanzsumme 3100
Die Bilanzsumme, das Zentralbankgeld, erhöht sich auf 3100 Euro. Was ist mit der Geldmenge? Das hängt davon ab, was die Banken mit dem Geld machen. Sie können es auf ihrem EZB-Konto parken und nichts tun. Dann verpufft der Effekt. Oder sie können es nutzen, um mehr Kredite an ihre Kunden zu vergeben. Erstes Resultat ist somit: die Quantitative Lockerung funktioniert nicht automatisch. Ihr Erfolg hängt davon ab, was die Banken mit dem Geld machen.

Kredite sind aber nur einer der möglichen Kanäle. Ein anderer ist der Wechselkurs. Es sind nämlich nicht nur einheimische Banken, denen die EZB die Wertpapieren abkauft sondern auch ausländische Inhaber europäischer Wertpapiere. Wenn die EZB deren Papieren kauft, dann werden die Verkäufer ihre Erlöse in ihre Heimatwährung umtauschen. Sie verkaufen also Euro. Der Kurs des Euro fällt.

Ein weiterer Kanal ist die Portfolio-Umschichtung bei den Geschäftsbanken. Nehmen wir an, die Bank hat 1000 Euro an Staatsanleihen in ihrem Depot. Jetzt kauft die Zentralbank diesen gesamten Anleihenbestand auf. Die Bank wird wahrscheinlich mit dem Geld neue Wertpapiere kaufen, vielleicht auch Aktien. Der Aktienpreis zieht an. Die Firmen investieren mehr.

In der nächsten Woche beantwortete ich die Frage, wann die Quantitative Lockerung funktioniert und wann nicht. Und was passiert, wenn wir nichts tun.



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
sapereaude! 12.01.2015
1. Gut erklärt!
Tja, Herr Münchau, Ihre Erläuterungen liefern auch gleich die Begründung, warum die Maßnahmen der EZB nichts bringen: "Je geringer die Zinsen sind, desto größer die Nachfrage nach Krediten und umgekehrt." Das scehint ja offensichtlich nicht zu funktionieren. Erstens nehme ich ka nur einen Kredit in Anspruch, wenn ich mir etwas davon verspreche. Und zweitens sind die Banken zu nervös, um wirklich Kredite in großem Umfang zu vergeben. "Der Aktienpreis zieht an. Die Firmen investieren mehr." Wieso? Die Inverstoren nehmen Ihre Gewinne mit. Warum sollte meinetwegen die Daimler AG investieren, wenn ihr Aktienkurs steigt? Investiert eine Firma nicht dann, wenn sie sich von der Investition mehr Umsatz bzw. Gewinn verspricht?
Progressor 12.01.2015
2. Geldmenge und Inflation
"Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen" Milton Friedman Wenn man den Monetaristen Glauben schenkt, dann wird man den Zentralbanken die Kontrolle über die Inflation übertragen. Nun sehen wir aber, dass dies nicht funktioniert. 1. müsste das Geld in der Realwirtschaft ankommen. Hier happert es schon mal. 2. müsste dadurch die Nachfrage so stark steigen, dass Arbeitskräfte knapp werden und die Löhne steigen. Das ist im Euroland mit seiner exorbitanten Arbeitslosenquote gar nicht so einfach. Fazit: Was der EZB noch bleibt ist durch Quantitative Easing den europäischen Anlegern einen guten Teil der Anlagemöglichkeiten zu nehmen und die Gelder somit ins aussereuropäische Ausland zu pressen. Damit wird der Euro geschwächt und die hiesigen Exportmöglichkeiten steigen. Viel Spass damit.
sonnix 12.01.2015
3. Sehr gut
Sehr gute Erklärung der quantitativen Lockerung, welche mir in den Wirkmechanismen unbekannt war. Eine Frage habe ich: warum sollten Firmen investieren wenn ihr Aktienkurs steigt? Nach dem IPO ist ein steigender Aktienkurs doch nur ein Gewinn für das Unternehmen, wenn es Aktien von sich selbst besitzt.
muellerthomas 12.01.2015
4.
Zitat von sapereaude!Tja, Herr Münchau, Ihre Erläuterungen liefern auch gleich die Begründung, warum die Maßnahmen der EZB nichts bringen: "Je geringer die Zinsen sind, desto größer die Nachfrage nach Krediten und umgekehrt." Das scehint ja offensichtlich nicht zu funktionieren. Erstens nehme ich ka nur einen Kredit in Anspruch, wenn ich mir etwas davon verspreche. Und zweitens sind die Banken zu nervös, um wirklich Kredite in großem Umfang zu vergeben. "Der Aktienpreis zieht an. Die Firmen investieren mehr." Wieso? Die Inverstoren nehmen Ihre Gewinne mit. Warum sollte meinetwegen die Daimler AG investieren, wenn ihr Aktienkurs steigt? Investiert eine Firma nicht dann, wenn sie sich von der Investition mehr Umsatz bzw. Gewinn verspricht?
Wie kommen Sie zu dem Schluß? Natürlich gibt es auch noch andere Einflüsse auf die Kreditnachfrage, die u.U. dazu führen können, dass auch bei Zinsen knapp über Null wenig Kredite nachgefragt werden. Das ändert doch aber nichts an dem grundsätzlich negativen Zusammenhang zwischen Zins und Kreditnachfrage, c.p. ist die Kreditnachfrage höher je niedriger der Zins ist und umgekehrt.
salkin 12.01.2015
5.
Ich wusste noch gar nicht, dass Sicherheiten für Kredite in der Bilanz auf der Aktivseite erscheinen. Den Kredit den die EZB der Bank gegen Sicherheiten gewährt erscheint üblicherweise auf der Aktivseite als Forderung. Der Saldo gegen die Banken hebt sich somit rechnerisch auf, weil der Forderung aus der Kreditgewährung gleichzeitig die Erhöhung der Einlage gegenübersteht. Fraglich ist, was die Bank mit dem Geld macht. Wenn sie keine Kunden hat die Kreditnachfragen, wird sie das Geld entweder in Staatsanleihen anlegen oder im Ausland. Was bringt das? Und das Firmen investieren weil ihr Aktienkurs steigt ist eine ganz neue Erkenntnis. Als Beispiel seien nur Kurssteigerungen durch Aktienrückkäufe erwähnt die immer mehr in Mode kommen. Also, was soll diese unsinnige Politik der EZB außer billiges Geld für Staatsverschuldungen zu schaffen. Geld für rentable Investitionen ist ohnehin ausreichend vorhanden.
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