Mund zugeklebt Arbeiter darf nicht wegen Sekundenkleber-Streich gefeuert werden

Er traktierte seinen Kollegen mit Sekundenkleber und behält dennoch seinen Job: Ein Gericht hat die Kündigung eines Arbeiters für unwirksam erklärt, der einen Kumpel mit einem üblen Scherz verletzte. Für die Richter ist klar: "Das war nicht bösartig."


Marburg - Ein Arbeiter verschloss seinem Kollegen mit Sekundenkleber den Mund und verlor deshalb seinen Job. Doch das Arbeitsgericht Marburg sieht in der Aktion des Mannes aus Hessen nur einen doofen Streich und hob die Kündigung am Freitag auf.

"Das war nicht bösartig", sagte Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle. "Dinge, die scheinbar lustig sind, können böse enden." Der Mann habe den Kollegen nicht verletzen wollen. Deshalb sei eine Kündigung überzogen.

Und das war passiert: Der 41-jährige Arbeiter wollte nach eigenen Angaben die Wasserflasche des Kollegen mit Sekundenkleber verschließen. Doch der Scherz ging gehörig daneben. Denn der Kleber härtete erst an der Luft und trocknete deshalb an Lippe und Zungenspitze des Opfers aus. Der Mann wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, wo er mehrere Tage behandelt werden musste. Noch Wochen später hatte der Arbeiter Taubheitsgefühle an Lippe und Zunge. Für ihn auch deshalb bitter, weil er Trompete spielt.

Sein Kollege, der sich den Scherz mit ihm erlaubt hatte, wurde fristlos gefeuert. Doch das Marburger Arbeitsgericht entschied, eine Abmahnung sein ausreichend. Es handele sich lediglich um fahrlässige Körperverletzung. Demnach behält der Arbeiter seinen Job.

Die Geschäftsleitung des 350-Mann-Unternehmens, in dem beide Männer arbeiten, hatte neben der Kündigung auch Ersatz für die Lohnfortzahlung während des Krankenhausaufenthalts des verletzten Arbeiters verlangt. Dieser Forderung gab das Gericht statt: Der Scherzbold muss knapp tausend Euro zahlen, die das Unternehmen für die Lohnfortzahlung aufbringen musste.

Zwischen den beiden Männern ist offenbar wieder alles okay, denn der Übeltäter hatte noch am Tag des Geschehens seinen Kollegen in der Klinik besucht und sich bei ihm entschuldigt. Das Scherzopfer hat die Entschuldigung angenommen und sich mittlerweile komplett erholt.

Aktenzeichen: Arbeitsgericht Marburg 2 Ca 205/11

lgr/dapd

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Camarillo Brillo, 14.10.2011
1. ...
Zitat von sysopEr*traktierte seinen Kollegen*mit Sekundenkleber und behält dennoch seinen Job: Ein Gericht hat die Kündigung eines Arbeiters für unwirksam erklärt, der einen Kumpel mit einem üblen Scherz verletzte. Für die Richter ist klar: "Das war nicht bösartig." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791920,00.html
Und wer wundert sich bei solcher Rechtsprechung, dass Arbeitgeber lieber befristet einstellen oder Leiharbeit in Anspruch nehmen; da gibts nämlich keinen Kündigungsschutz und solche Auswüchse wie den im artikel beschriebenen
Growling Mad Scientist 14.10.2011
2. das ist wohl Wirtschaftsförderung laut EU-Verfassung
Zitat von sysopEr*traktierte seinen Kollegen*mit Sekundenkleber und behält dennoch seinen Job: Ein Gericht hat die Kündigung eines Arbeiters für unwirksam erklärt, der einen Kumpel mit einem üblen Scherz verletzte. Für die Richter ist klar: "Das war nicht bösartig." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791920,00.html
Durch die Verletzung des Mitarbeiters musste dieser ärztlich versorgt werden. Das gibt Arztkosten, die erhöhen das Bruttosozialprodukt und Deutschland kann mehr Schulden aufnehmen und in Rettungspakete investieren. Also Leute ärgert Eure Mitmenschen, es ist ja nicht bösartig, sondern nur Wirtschaftsförderung.
ash26e 14.10.2011
3. Was ist dann bösartig?
Zitat von sysopEr*traktierte seinen Kollegen*mit Sekundenkleber und behält dennoch seinen Job: Ein Gericht hat die Kündigung eines Arbeiters für unwirksam erklärt, der einen Kumpel mit einem üblen Scherz verletzte. Für die Richter ist klar: "Das war nicht bösartig." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,791920,00.html
Wenn ich diesen Arbeitsrichter hier in diesem Forum beleidigen würde, und mir fallen zu diesem Fall viele Worte ein,wie würde er dann reagieren und wie sein Kollege( oder heist das hier Mitkrähe?) urteilen, denn ungesühnt würde dieser Richter mein Urteil über ihn bestimmt nicht lassen wollen!
hördochauf 14.10.2011
4. Worum gehts denn nun eigentlich?
Als Arbeitgeber würd ich mir schon ein Loch in den Bauch ärgern... Aber shit happens! Der Arbeiter ist ja nicht Eigentum des Betriebs - und jeder sollte sich seine 'Kumpels' selber aussuchen. Wer welche Kosten zu tragen hat, ist sicherlich geregelt - auch ob es wegen der Körperverltzung zu einer Strafverfolgung kommt (ggf. Antragsdelikt).
raka, 14.10.2011
5.
Zitat von Camarillo BrilloUnd wer wundert sich bei solcher Rechtsprechung, dass Arbeitgeber lieber befristet einstellen oder Leiharbeit in Anspruch nehmen; da gibts nämlich keinen Kündigungsschutz und solche Auswüchse wie den im artikel beschriebenen
Welche 'Auswüchse' meinen Sie? Dass der Eine dem anderen den Deckel der Wasserflasche festkleben wollte? Ist doch lustig, Männerhumor eben. Dass es daneben ging, weil der Kleber nicht zwischen Deckel und Flasche aushärtete, sondern erst zwischen Lippe und Zunge des Kollegen, das war Pech und konnte nicht vorhergesehen werden. Und die Kollegen sind längst wieder versöhnt. Ich finde: Gutes Urteil!
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