Mythos Fachkräftemangel Bundesregierung bleibt Beweise schuldig

Die schwarz-gelbe Koalition hat den Fachkräftemangel zum Schlüsselthema gemacht. Doch eine Anfrage der Linken zeigt: Der Bundesregierung fehlen klare Hinweise für eine Verknappung von Arbeitskräften.
Pflegerin in einem Seniorenheim: Überdurchschnittliche Gehaltssteigerung ausgeblieben

Pflegerin in einem Seniorenheim: Überdurchschnittliche Gehaltssteigerung ausgeblieben

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ dpa

Rainer Brüderle

Fachkräftemangel

Hamburg - Wenn es um die Sorgen der Unternehmen in Deutschland geht, ist Wirtschaftsminister schnell zur Stelle. So auch beim Thema . Dieser werde "zum Schlüsselproblem für den deutschen Arbeitsmarkt", sagte der FDP-Politiker im Sommer. Je länger der Aufschwung anhalte, desto größer werde das Problem. Seine fachnahen Kollegen im Kabinett - die Ministerinnen für Bildung und für Arbeit - sind da ganz seiner Meinung.

Bundestag

Doch wie es scheint, haben Brüderle und seine Kolleginnen den von den großen Wirtschaftsverbänden proklamierten Mangel an Fachkräften nie hinterfragt - und bleiben deshalb nun eine klare Antwort auf eine Anfrage der Linken im schuldig. Die Opposition wollte von der Regierung wissen: Wie sieht es tatsächlich aus mit einer Verknappung von Arbeitskräften in Deutschland? Die Erklärung aus dem Arbeitsministerium, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, fällt dünn aus.

Bundesagentur für Arbeit

Zunächst ist in dem Papier nur von möglichen Engpässen und "Lücken zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot", jedoch nicht explizit von einem Fachkräftemangel die Rede. Auch konkrete Aussagen über Branchen und Berufe mit fehlendem Personal bleibt das Arbeitsministerium in seiner Antwort schuldig. Grundsätzlich gelte, dass eine erhöhte Nachfrage bei akademischen und technisch-naturwissenschaftlichen Berufen auftrete, heißt es lediglich. Außerdem liege nach Schätzung der ein Engpass bei Ingenieuren, Ärzten und Pflegern vor.

Dennoch könnten "nur begrenzt Aussagen dahingehend getroffen werden, welche Fachkräftebedarfe nach Branchen, Regionen und Qualifikationen zu einem bestimmten Zeitpunkt unternehmensgrößenspezifisch in Deutschland vorliegen."

Die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann zeigt sich empört über die Antwort. "Klagen von Arbeitgebern und Regierung über einen Fachkräftemangel sind scheinheilig", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Vielen Menschen werde der Zugang zum Arbeitsmarkt verweigert. Da liege das eigentliche Problem. Von einem Mangel an Fachkräften könne jedoch keinesfalls die Rede sein.

Studie stellt Fachkräftemangel in Frage

Im vergangenen November hatte auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer Studie den Fachkräftemangel als "Fata Morgana" bezeichnet. Entgegen der weitverbreiteten Meinung gebe es kein knappes Angebot an Fachkräften. Und wirklich dramatisch werde die Lage auch in Zukunft nicht. Nachträglich relativierte der Autor des DIW seine Aussagen etwas, blieb im Kern aber bei seiner Aussage: Liegt eine Knappheit an Arbeitskräften vor, müsste es eine überdurchschnittliche Gehaltssteigerung geben. Doch das sei auch im Aufschwung nicht der Fall.

Auch in der Antwort der Bundesregierung lässt sich keine sichtbare Verbesserung der Gehälter in gefragten Berufen feststellen. Beispiel Gesundheit/(Körper)Pflege: Hier stieg der durchschnittliche Monatslohn im Zeitraum 2000 bis 2009 lediglich von 2233 Euro auf 2421 Euro.

Allerdings steigt in diesem Beruf tatsächlich die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten offenen Stellen, zugleich sinkt der Bestand an Arbeitslosen. Linken-Politikerin Zimmermann führt dies jedoch nicht auf einen Mangel an Arbeitskräften zurück: "Wenn Arbeitgeber der Pflegebranche die Beschäftigten mit miserablen Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen abspeisen, dürfen sie sich nicht über Personalschwierigkeiten beklagen."

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