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04. Juli 2016, 07:57 Uhr

Nach Brexit

Regierung will Großbritannien zum Steuerparadies machen

Nach dem Brexit erwägen zahlreiche Firmen, das Land zu verlassen. Der britische Finanzminister steuert nun gegen und will die Steuern für Unternehmen drastisch senken.

Der britische Finanzminister George Osborne will die Steuern für Unternehmen deutlich senken, um Firmen nach dem Brexit-Votum in Großbritannien zu halten. Die Körperschaftsteuer solle von derzeit 20 Prozent auf unter 15 Prozent gesenkt werden, sagte Osborne der "Financial Times".

Dieser Satz wäre im Vergleich der großen Volkswirtschaften der Erde einer der niedrigsten. In der EU verlangen nur Irland und Zypern mit 12,5 Prozent weniger als 15 Prozent.

Im Vergleich der Industrienationen hat Großbritannien bereits derzeit vergleichsweise niedrige Unternehmenssteuern, wie die Grafik zeigt:

Im März hatte Osborne eine Absenkung auf 17 Prozent bis 2020 in Aussicht gestellt. Mit dem Schritt wolle er eine "super wettbewerbsfähige Volkswirtschaft" mit niedrigen Unternehmenssteuern und einer globalen Ausrichtung schaffen.

Osborne sagte der Zeitung, die britische Wirtschaft müsse sich mit einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf das Ausscheiden aus der EU vorbereiten. "Wir müssen den Horizont und den Weg vor uns in den Blick nehmen und das Beste aus den Karten machen, die uns ausgeteilt wurden."

Der nächste Premierminister solle den maximalen Zugang zum europäischen Binnenmarkt anstreben, sagte Osborne. Das umfasse Güter, Dienstleistungen und Finanzdienstleistungen. Gleichzeitig räumte er ein, dass dann wohl auch wieder EU-Bürger nach Großbritannien kommen könnten. Diese EU-Migration einzuschränken war jedoch ein primäres Versprechen der Brexit-Befürworter.

Mit den Plänen reagiert Osborne auf Befürchtungen, Unternehmen könnten nach dem Brexit-Votum wegen der Unsicherheit über die künftigen Beziehungen Großbritanniens mit der EU das Land verlassen. Mehrere große britische Unternehmen haben wegen der Brexit-Entscheidung bereits Gewinnwarnungen ausgegeben.

Betroffen ist unter anderem Londons Bankenbranche, die bisher stark davon profitiert, ihre Produkte ohne weitere Zulassung in der ganzen EU verkaufen zu können.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass in der EU nur Irland weniger als 15 Prozent Körperschaftsteuer verlangt. Jedoch liegt der Satz auch in Zypern bei 12,5 Prozent. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, und haben ihn korrigiert.

sep/AFP/Reuters

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