Nach Brexit Regierung will Großbritannien zum Steuerparadies machen

Nach dem Brexit erwägen zahlreiche Firmen, das Land zu verlassen. Der britische Finanzminister steuert nun gegen und will die Steuern für Unternehmen drastisch senken.

Britischer Finanzminister George Osborne
Getty Images

Britischer Finanzminister George Osborne


Der britische Finanzminister George Osborne will die Steuern für Unternehmen deutlich senken, um Firmen nach dem Brexit-Votum in Großbritannien zu halten. Die Körperschaftsteuer solle von derzeit 20 Prozent auf unter 15 Prozent gesenkt werden, sagte Osborne der "Financial Times".

Dieser Satz wäre im Vergleich der großen Volkswirtschaften der Erde einer der niedrigsten. In der EU verlangen nur Irland und Zypern mit 12,5 Prozent weniger als 15 Prozent.

Im Vergleich der Industrienationen hat Großbritannien bereits derzeit vergleichsweise niedrige Unternehmenssteuern, wie die Grafik zeigt:

Im März hatte Osborne eine Absenkung auf 17 Prozent bis 2020 in Aussicht gestellt. Mit dem Schritt wolle er eine "super wettbewerbsfähige Volkswirtschaft" mit niedrigen Unternehmenssteuern und einer globalen Ausrichtung schaffen.

Osborne sagte der Zeitung, die britische Wirtschaft müsse sich mit einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf das Ausscheiden aus der EU vorbereiten. "Wir müssen den Horizont und den Weg vor uns in den Blick nehmen und das Beste aus den Karten machen, die uns ausgeteilt wurden."

Der nächste Premierminister solle den maximalen Zugang zum europäischen Binnenmarkt anstreben, sagte Osborne. Das umfasse Güter, Dienstleistungen und Finanzdienstleistungen. Gleichzeitig räumte er ein, dass dann wohl auch wieder EU-Bürger nach Großbritannien kommen könnten. Diese EU-Migration einzuschränken war jedoch ein primäres Versprechen der Brexit-Befürworter.

Fotostrecke

13  Bilder
Brexit-Folgen: Diese Konzerne überdenken ihr Engagement in Großbritannien

Mit den Plänen reagiert Osborne auf Befürchtungen, Unternehmen könnten nach dem Brexit-Votum wegen der Unsicherheit über die künftigen Beziehungen Großbritanniens mit der EU das Land verlassen. Mehrere große britische Unternehmen haben wegen der Brexit-Entscheidung bereits Gewinnwarnungen ausgegeben.

Betroffen ist unter anderem Londons Bankenbranche, die bisher stark davon profitiert, ihre Produkte ohne weitere Zulassung in der ganzen EU verkaufen zu können.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass in der EU nur Irland weniger als 15 Prozent Körperschaftsteuer verlangt. Jedoch liegt der Satz auch in Zypern bei 12,5 Prozent. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen, und haben ihn korrigiert.

sep/AFP/Reuters

Mehr zum Thema


insgesamt 204 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mistermister 04.07.2016
1. Konzeptloses London
Es zeigt sich wie unfähig derzeit London agiert. Mit Ideen dieser Art wird die Arbeiterklasse weiter ausgeblutet. Und UK läuft Gefahr mit dieser Regelung als Steueroase klassifiziert zu werden. Und Steueroasen sind auf der Schwarzen Liste der EU. Finanzgeschäfte nur sehr schwer möglich und ganz und gar nicht mit den 4 Grundfreiheiten vereinbar. Es zeigt sich wie amateurhaft die Regierung in London ist.
Mundil 04.07.2016
2. Und das wird bedeuten
dass genau diejenigen welche wegen der klaffenden Schere zwischen Arm und Reich den Brexit gewählt haben noch mehr darunter leiden werden. Noch weniger Steuern- noch weniger Sozilleistungen- noch teureres Gesundheitssystem. Hoffentlich reicht dann das Geld noch zur Aufstandsbekämpfung...
AxelSchudak 04.07.2016
3. Steuerdumping auf Kosten der Bürger
So ein Steuerdumping ist ärgerlich genug, wenn man das innerhalb der EU akzeptiert - denn letztendlich sind Steuern, die Unternehmen sparen, Geld, das der Staat nicht hat oder sich von anderer Seite holen muss. Die Idee, Unternehmen durch niedrige Steuern anzulocken, geht immer entweder auf Kosten der eigenen Bürger oder der Nachbarstaaten, aus denen diese Unternehmen abziehen. Es ist eine unmoralische Politik, das sie ausgerechnet denen am meisten nutzt, die sich Steuern leisten könnten. Wenn Britannien ausserhalb der EU ist, kann muss das durch entsprechende Zölle abfedern. Auf die "Steuersparnationen" innerhalb der EU muss man dann politischen Druck ausüben.
soron 04.07.2016
4. Na aber sicher ...
Ein Steuerparadies mit maximalem Zugang zum EU-Binnenmarkt - das werden die Europäer den Briten natürlich zugestehen. Ausserdem wird die EU weiterhin Streichelzoos für Einhörner fördern. Im Ernst - was denkt Osborne sich ? Ist er schon im Wahlkampfmodus ? Oder ist das eine Panikreaktion nach dem Brexit ? Die EU wird ganz sicher nicht dabei zusehen, wie die Briten zuerst das gesamte gemeinsame Haus destabilisieren und sich dann zum Rosinenpicken begeben. Natürlich muss Osborne als Finanzminister zur Beruhigung der Lage beitragen - aber weiter Fantasieversprechungen à la "350 Millionen" in die Welt zu setzen ist nicht hilfreich. Es mag sein, dass die Äußerung ein paar zweifelnde Unternehmen zuerst einmal ruhig stellt, um abzuwarten, was passiert. Aber wenn absehbar ist, dass sich das als Luftschloss herausstellt und der PLAN keiner ist, mit anderen Worten die Briten keinen haben und jetzt einfach nur würfeln - dann wird er das Gegenteil bewirken. Hier sieht man, das nicht *weniger* Demokratie und Volksabstimmungen nötig wären, sondern *mehr* Demokratie und eine Rückkehr zu Bürgerpolitikern, die einen realen Beruf ausgeübt haben, bevor sie gewählt wurden. Cameron, Johnson, Osborne ... alles Beispiele für BERUFS-Politiker, die den Karriereerhalt alles andere unterordnen, auch das Wohl ihres Landes und ihrer Wähler.
Raftermann 04.07.2016
5. Krankenhäuser
Statt in Krankenhäuser geht das Geld nun also an die Unternehmen, blöd fürs Volk ;-) die 150 Mio die Woche verschwinden ratzfatz im nächsten Loch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.