Nach dem Sparpaket Sechs griechische Lichtblicke

Sparen, sparen, sparen - das ist bisher das Rezept zur Lösung der Griechenland-Krise. Doch selbst radikale Kürzungen werden das Land nicht retten, wenn die Wirtschaft nicht wieder wächst. Sechs Branchen sollen das Wachstum ankurbeln.
Hafen von Piräus: Die Region könnte sich zum Transportzentrum entwickeln

Hafen von Piräus: Die Region könnte sich zum Transportzentrum entwickeln

Foto: Petros Giannakouris/ AP

Hamburg - Brennende Geschäfte, Dutzende Verletzte und ein neues Sparpaket - das ist die Bilanz der vergangenen Nacht in Athen. Bis 2015 will die griechische Regierung rund 14 Milliarden Euro sparen, allein in diesem Jahr sollen es 3,3 Milliarden Euro sein. Damit bringt sie zwar die eigenen Bürger auf die Barrikaden, erfüllt aber die Bedingungen, die der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Euro-Staaten an das Land stellen.

Es ist bereits das dritte Sparpaket in zwei Jahren - und die Erfolgsbilanz ist verheerend schwach. Zwar kürzt der Staat die Ausgaben, doch weil gleichzeitig die Einnahmen sinken, steigen die Schulden weiter. Grund ist der dramatische Abschwung. Seit fast vier Jahren steckt das Land nun in der Rezession - die Wirtschaftsleistung ist in diesem Zeitraum um rund zehn Prozent gesunken.

Immer deutlicher wird deshalb, dass Sparen allein nicht ausreicht. Griechenland braucht Wachstum, da sind sich die meisten Ökonomen einig. Doch woher soll dieses Wachstum kommen? Die Voraussetzungen sind relativ schlecht, klassische Industrie gibt es kaum. Selbst der griechische Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis gibt sich ratlos: "Über zwei Jahrzehnte hinweg haben wir unsere Produktionsbasis, unsere Industrie und damit unsere Exportmöglichkeiten zerstört", sagte er vergangene Woche der "FAZ".

Zudem lähmt die überbordende Bürokratie die Unternehmen. Absurde Verwaltungsregeln ersticken den Unternehmergeist und bauen hohe Hürden für alle auf, die in einen Markt eintreten wollen.

Doch es gibt auch Hoffnung: In einigen Wirtschaftsbereichen - wie Tourismus oder Landwirtschaft - ist Griechenland schon jetzt relativ weit vorn, in anderen - wie etwa der Pharma- oder Hightech-Industrie - gibt es zumindest Entwicklungsmöglichkeiten. "Es ist ein Vorurteil, dass die Griechen nur Olivenöl produzieren können", sagt Martin Knapp, Chef der deutsch-griechischen Handelskammer in Athen.

SPIEGEL ONLINE zeigt, welches Potential in den griechischen Wachstumsbranchen steckt:

Akropolis-Hügel in Athen: Der Tourismus macht fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus

Akropolis-Hügel in Athen: Der Tourismus macht fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung aus

Foto: DPA

Tourismus

Der Tourismus ist die mit Abstand wichtigste Branche in Griechenland - und selbst in der Krise noch relativ stabil. Im Jahr 2011 machte das Geschäft mit dem Fremdenverkehr gut 18 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung aus, rund 700.000 Menschen sind in der Branche beschäftigt.

Das ist schon viel. Doch es könnte mehr sein: "Man kann da noch einiges machen", sagt Handelskammerchef Knapp. So müssten zum Beispiel die Provinzflughäfen dringend modernisiert werden, die mit der Entwicklung des Tourismus nicht Schritt gehalten hätten. "Da geht es häufig chaotisch zu."

Mit einer besser ausgebauten Infrastruktur ließen sich womöglich auch neue Zielgruppen gewinnen. Bisher sind Deutsche und Briten die häufigsten Urlaubsgäste in Hellas. Rund fünf der insgesamt 14 Millionen Touristen pro Jahr kommen aus diesen beiden Ländern. Doch vor allem im Vergleich zum Nachbarn Türkei ist der klassische Pauschalurlaub in Griechenland vergleichsweise teuer. In Zukunft würden sich einige griechische Hoteliers deshalb gerne stärker spezialisieren und noch mehr wohlhabende Gäste aus China oder den USA ansprechen.

Das kann allerdings nur gelingen, wenn das Land auch politisch und gesellschaftlich stabil bleibt. "Fernsehbilder wie die von den Ausschreitungen aus der vergangenen Nacht werden die Chancen für den Tourismus eher verschlechtern", fürchtet Experte Knapp. "Das trägt zur Abwärtsspirale bei."

Griechische Waren: Oliven und Ouzo für die Welt

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Foto: Corbis

Nahrungsmittel

Feta-Käse und Olivenöl sind die bekanntesten Verkaufsschlager der griechischen Nahrungsmittelindustrie. Doch verglichen mit dem Potential ist die Ausbeute hier noch ziemlich gering. "Das griechische Olivenöl gilt als das beste in Europa", sagt Experte Knapp. Doch statt es selbst zu verarbeiten und zu hohen Preisen als Edelöl zu vermarkten, gehe ein großer Teil der Produktion zu Billigpreisen nach Italien und werde dem dortigen Öl beigemischt.

Dabei wäre die Struktur der griechischen Landwirtschaft eigentlich perfekt geeignet für Feinschmeckerprodukte: Es dominieren Kleinbetriebe, die traditionelle Waren herstellen. Doch die Bauern haben es versäumt, mehr daraus zu machen.

Zu verdanken ist das unter anderem den jahrzehntelangen EU-Subventionen. Mit dem Geld aus Brüssel konnten sich die Bauern einigermaßen über Wasser halten - Innovationen oder Zusammenschlüsse hatten sie nicht nötig. Dabei ist sich Knapp sicher: "Um auf seine Kosten zu kommen, müsste man die Betriebe vergrößern."

Stau in Athen: Die Lkw-Lizenzen waren bis vor kurzem strikt limitiert

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Foto: Simela Pantzartzi/ dpa

Transport

Griechenland ist ein Schifffahrtsland. Die griechische Fracht- und Tankerflotte gehört zu den größten der Welt. Das Problem dabei: Es bringt dem Land fast nichts. Denn um Kosten zu sparen, fahren die meisten Schiffe der griechischen Reedereien unter fremder Flagge. "Die meisten Reeder haben mit Griechenland kaum mehr etwas zu tun", sagt Knapp, "die haben gerade noch mal ein Büro in Piräus."

Die Hoffnung liegt deshalb auf dem Ausbau der Häfen und Transportwege. "Die Lage des Landes ist interessant", sagt Knapp. Griechenland könne als wirtschaftlicher Umschlagplatz für den gesamten Balkan und auch für Osteuropa dienen. Auch hier hat das Land allerdings Aufholbedarf. Der größte griechische Hafen in Piräus ist schon seit 2004 nicht mehr unter den 50 größten Containerhäfen der Welt vertreten. Hoffnung machte zuletzt der Einstieg des chinesischen Frachtunternehmens Cosco, das den Hafen für 35 Jahre gepachtet hat und nun kräftig investieren will.

Auch im Binnenland tut sich was. Jahrzehntelang behinderten dort die rigiden Zugangsregeln für Berufsstände das Wachstum der Transportbranche. Nur wer eine von wenigen tausend Kraftfahrerlizenzen vom Staat bekommen hatte, durfte als Frachtunternehmer arbeiten. Das hielt den Wettbewerb niedrig und die Preise hoch. Doch seit Mitte 2011 ist Schluss damit. Auf Druck der EU und des IWF hat die griechische Regierung damit begonnen, den Markt zu liberalisieren.

Solarkraftwerk in Asopia: Beste Bedingungen

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Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Erneuerbare Energien

"Helios" heißt das Projekt, das Griechenlands Wirtschaft wieder wachsen lassen soll. Das Wort steht für "Sonne" - und davon hat das Land ja genug. Deshalb soll es mit Hilfe deutscher und europäischer Subventionen zum Solarstromlieferanten für ganz Europa werden.

Der Plan klingt gut, hat aber einige Tücken: So fehlt bisher ein Stromnetz, um die Energie aus Griechenland nach Mittel- und Westeuropa zu transportieren. Zudem wären wohl noch über Jahre Subventionen notwendig, um den grünen Strom konkurrenzfähig zu machen. "Investitionen in die Solarenergie würden wohl eher einen kurzfristigen Effekt bringen", meint deshalb Ökonom Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank. Profitieren würden vor allem die Unternehmen, die die Anlagen aufstellen.

Kritisch sieht Heinen auch die Versuche, die Produktion von Solarmodulen in Griechenland zu stärken: "Im Zweifel können es die chinesischen Wettbewerber immer billiger."

Griechische Biochemiestudentin: "Die Qualifikation ist gut"

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Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Hightech

Vielversprechender könnten da andere Bereiche der Hochtechnologie sein. "Im Hightech-Bereich ist noch Einiges zu holen", sagt Handelskammerchef Knapp und nennt die Halbleiterindustrie als Beispiel.

Seine Hoffnung stützt sich vor allem auf die große Zahl gut ausgebildeter Ingenieure. Auch Deutsche-Bank-Ökonom Heinen sieht darin ein großes Potential: "Die Qualifikation junger Arbeitnehmer ist sehr gut", sagt Heinen. "Wenn es genügend Investitionen gäbe, hätte es das Land wesentlich leichter als zum Beispiel Portugal."

Doch gerade da mangelt es. Heinen setzt deshalb auf die Eigeninitiative der jungen Griechen: "Wenn es gelingt, eine Start-up-Kultur aufzubauen, könnte das für Griechenland ein erster Schritt sein, sich selbst aus der Misere ziehen."

Dazu braucht es allerdings auch eine bessere Infrastruktur. "Die Vernetzung mit Breitband müsste dringend ausgebaut werden", sagt Knapp. Bisher blockierten die Behörden notwendige Investitionen des Telekommunikationsunternehmens OTE, einer Tochter der Deutschen Telekom.

Schlange vor der Apotheke: Einige Produkte kommen bereits aus Griechenland

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Foto: Petros Giannakouris/ ASSOCIATED PRESS

Pharma

Die Pharmabranche gilt als eine der wenigen aufstrebenden Bereiche in der griechischen Wirtschaft. Vor allem in der Region Attika rund um die Hauptstadt Athen haben sich einige Hersteller von Nachahmermedikamenten, sogenannten Generika, angesiedelt. Laut Deutscher Bank sind allein hier rund 13.000 Menschen beschäftigt.

Langfristig sieht Ökonom Heinen darin große Entwicklungsmöglichkeiten: "Wenn die Firmen noch stärker mit den pharmazeutischen Fakultäten der Hochschulen zusammenarbeiten, kann sich hier auf lange Sicht eine international wettbewerbsfähige Branche entwickeln."