Nach Referendum Deutsche Wirtschaft sorgt sich um Türkei

Der Ausgang des Verfassungsreferendums in der Türkei beunruhigt den wichtigsten Handelspartner Deutschland. Das Land von Staatschef Erdogan entferne sich "weiter von europäischen Grundwerten", warnt die Industrie.

Staatspräsident Erdogan
AFP

Staatspräsident Erdogan


Die deutsche Wirtschaft hat mit Sorge auf den knappen Erfolg von Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Verfassungsentscheid reagiert. "Das Ergebnis des Referendums besorgt mich", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, am Dienstag in Berlin. "Die Türkei entfernt sich damit weiter von europäischen Grundwerten." Dabei sei das Land "auf ausländische Direktinvestitionen angewiesen, die im vergangenen Jahr bereits um knapp ein Drittel eingebrochen sind".

Die Türken haben am Sonntag mit knapper Mehrheit von 51,4 Prozent der Einführung eines Präsidialsystems zugestimmt. In den Metropolen und Industriezentren des Landes stimmte aber eine Mehrheit gegen die Verfassungsreform. Die Türkei zählt mit einem Handelsvolumen von gut 37 Milliarden Euro im Jahre 2016 zu den 20 größten Handelspartnern Deutschlands. In dem Land arbeiten mehr als 6800 deutsche Firmen mit Niederlassungen oder Tochterunternehmen. Für die Türkei ist Deutschland der wichtigste Handelspartner.

"Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit und Berechenbarkeit", sagte BDI-Chef Kempf. Daher müsse Präsident Erdogan "im wirtschaftlichen Interesse seines Landes dafür sorgen, dass die Vertrauensbasis der europäischen Partner nicht weiter erodiert".

"Stark belastete Beziehungen"

Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zufolge gab es in den traditionell sehr engen deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen bereits im vergangenen Jahr wegen der unsicheren politischen Lage eine erhebliche Abkühlung.

Auch der Präsident des Außenhandelsverbands BGA, Anton Börner, äußerte seine "große Sorge" über das Ergebnis der Volksabstimmung. Damit entferne sich das Land weiter von seinem wichtigsten Absatzmarkt, der EU. Auch Börner sprach von "stark belasteten" Wirtschaftsbeziehungen in den vergangenen Monaten. Es müsse also "im eigenen Interesse der Türkei liegen", zu einer wachstumsfördernden Politik zurückzukehren.

Anleger in der Türkei sehen die wirtschaftliche Lage offenbar weniger kritisch. An der türkischen Börse hatte es nach dem Referendum am Montag sogar leichte Gewinne gegeben. Am Dienstag hielt sich der türkische Aktienindex fast unverändert.

stk/Reuters/AFP/dpa



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