Fotostrecke

Nachfolgedebatte: Kandidaten für IWF-Chefposten

Foto: Jim Lo Scalzo/ dpa

Nachfolger für Strauss-Kahn Finanzprofi gesucht, am besten staatenlos

Europäer, Asiat oder Lateinamerikaner? Die Weltmächte streiten, welche Nation den neuen Chef des Internationalen Währungsfonds stellen darf. Doch welche Qualifikationen muss der Kandidat eigentlich mitbringen - und welche Aufgaben erwarten ihn? Ein Überblick.

Hamburg - Könnten sich die 187 Mitglieder des Internationalen Währungsfonds einen neuen Chef formen, sähe der Idealkandidat wohl so aus: Er wäre bestens in der internationalen Politik verdrahtet und könnte gut mit Zahlen umgehen, er brächte eine große Portion diplomatisches Geschick mit, dazu spräche er mehrere Sprachen, vielleicht wäre er eine Frau - und staatenlos obendrein.

Noch aber fehlt den Mitgliedern des Währungsfonds (IWF) das Rezept, um sich einen solchen Kandidaten zu schaffen. Und so scheint die Weltmächte seit Dominique Strauss-Kahns Rückzieher als IWF-Chef - ihm wird die versuchte Vergewaltigung einer Hotelangestellten zur Last gelegt - nur noch eins zu interessieren: Welche Nation darf den Franzosen bei der Weltfinanzpolizei in Washington beerben?

Seit Tagen schon schwelt der Streit, seit Donnerstag aber ist er voll entbrannt: In alter Kolonialherrenmanier pocht Europa auf sein Recht, den Posten zu besetzen - allen voran Kanzlerin Angela Merkel, die französische Regierung und die EU-Kommission. Europa habe derzeit nun mal die drängendsten Finanzprobleme, sei großer Zahlmeister des IWF, und überhaupt sei es noch nicht an der Zeit, weniger entwickelten Nationen das Ruder zu überlassen, lautet die Argumentation der Regierenden von Paris bis Brüssel.

Mit dieser alten Stanze jedoch finden sich die aufstrebenden Schwellenländer nicht mehr ab: Auch China, Brasilien oder die Türkei erheben Ansprüche auf den Chefposten. Endlich sei es an der Zeit, alte Strukturen aufzubrechen und den neuen Konstellationen in der Welt gerecht zu werden, heißt es ihrerseits.

Und so fallen fast stündlich neue Namen für mögliche Kandidaten, als ginge es um ein Spiel: Die französische Finanzministerin Christine Lagarde ist wohl die Favoritin auf europäischer, der türkische Finanzfachmann Kemal Dervis auf der anderen Seite. Daneben gibt es aber auch eine Reihe anderer Anwärter (siehe Fotostrecke).

Eindämmung der Euro-Krise an erster Stelle

Dabei müsste die Kernfrage - egal ob Franzose, Türke, Brasilianer oder Inder - doch eigentlich lauten: Welcher Kandidat bringt die besten Qualifikationen mit, um die künftigen Aufgaben des IWF zu bewältigen? Diese sind gewaltig, und sehen grob gesagt so aus:

1) Die europäische Schuldenkrise eindämmen,

2) das internationale Gewicht des Währungsfonds ausbauen,

3) den Abbau globaler Ungleichgewichte vorantreiben.

Die Euro-Krise in den Griff zu bekommen, ist sicher die mit Abstand wichtigste Aufgabe des Weltwährungsfonds, wie auch Strauss-Kahns Terminplan zuletzt deutlich gemacht hat. Der zurückgetretene Chef hätte wegen der Milliardenhilfen für Griechenland, Portugal und Irland noch am vergangenen Sonntag ein Gespräch mit Kanzlerin Merkel in Berlin gehabt, wäre er zuvor nicht festgenommen worden.

Fachleute sind sich weitgehend einig: Hätte sich der IWF in der Euro-Krise finanziell und inhaltlich weniger stark eingebracht als geschehen, sähe es in Europa heute deutlich schlimmer aus. So steuert der Währungsfonds etwa ein Drittel zu den Milliardenhilfen bei. Und es soll auch Strauss-Kahn gewesen sein, der die zögerliche Kanzlerin im vergangenen Frühjahr dazu gebracht hat, der Rettung Griechenlands zuzustimmen.

Jetzt gilt es zu verhindern, dass die Krise Europas auf die Weltwirtschaft übergreift. Der neue Chef müsste demnach viel Zeit investieren, kluge Finanzierungsmaßnahmen für die unterschiedlichen Pleitekandidaten auszuarbeiten, allen voran für das größte Sorgenkind Griechenland.

Auch sonst hat der IWF mittlerweile eine enorme Bedeutung für Europa. Auf der Schuldnerliste stehen neben den Euro-Ländern auch Island, Litauen, Rumänien, Georgien und die Ukraine.

Status als Weltfinanzpolizei zurückgewinnen

Die Herausforderungen für den künftigen IWF-Chef sind jedoch umfassender. Der neue Amtsträger übernimmt den Regiestab beim Währungsfonds zu einer Zeit, in der die globale Finanzinstitution im größten Reformprozess ihrer mehr als 60-jährigen Geschichte steckt - und das nicht nur als Folge der internationalen Finanzkrise. Es geht darum, den Fonds den neuen Erfordernissen der globalen Krisenbekämpfung anzupassen.

Schon die traditionellen Aufgaben des IWF sind anspruchsvoll - doch in den Krisenjahren sind sie noch bedeutender geworden. Es geht um die Aufsicht über das Weltwährungssystem und die globale Finanzstabilität, um technische Unterstützungen für Länder beim Management ihrer Wirtschaft und um Kredithilfen.

Es war diese Finanzhelferfunktion für Problemländer in Asien und Lateinamerika, die dem Fonds in den achtziger und neunziger Jahren einen schlechten Ruf verschafften. Der Vorwurf: zu strenge Sparauflagen. Außerdem wurde dem Währungsfonds angelastet, die internationale Finanzkrise nicht kommen gesehen zu haben. Immerhin ist es Strauss-Kahn gelungen, das schlechte Image abzuräumen und dem IWF seinen Ruf als Weltfinanzpolizei zurückzubringen. Ein Werk, das aber nicht vollendet ist. Strauss-Kahns Nachfolger wird weiter daran arbeiten müssen.

Untergewicht der Schwellenländer

Mehr und mehr dürfte es für den IWF zur Kernaufgabe werden, die Machtverschiebungen in der Weltwirtschaft zu managen. In erster Linie sind da die divergierenden Interessen der 20 führenden Schwellen- und Industrieländer (G20).

Wie soll man mit weltweiten Ungleichgewichten und Staatsdefiziten in westlichen Ländern umgehen? Brauchen China, Indien und Co. nicht mehr Stimmrechte im IWF?

"Es lebe Europa!"

Fürs Erste wird die Agenda des IWF-Chefs noch von kerneuropäischen Themen dominiert. So spricht aus Sicht von Fachleuten vieles dafür, ein (vorerst) letztes Mal einem Europäer die Aufgabe zu überlassen - also jemandem, der die Interessen des alten Kontinents gebührend vertritt, bis die riesige Schuldenkrise gelöst ist. Danach dürfte sich dann ein Kandidat aus den Schwellenländern den Aufgaben der Zukunft widmen, so der allgemeine Konsens.

Eine entscheidende Rolle kommt nun den USA zu, die als größter IWF-Anteilseigner Königsmacher sind. Die Frage ist: Halten sie sich an die jahrzehntelange Regel, die im Gegenzug für einen Amerikaner an der Spitze der Weltbank einen Europäer auf dem IWF-Chefposten vorsieht? Ob die alten Bande noch halten, wird sich vielleicht schon kommende Woche beim Treffen der G-8-Staaten im französischen Deauville zeigen.

Der Kommentar der europäischen Favoritin Lagarde am Donnerstag: "Es lebe Europa!"

Mit Material von Reuters